«Ein Hundeleben»
«Es ist schlimm, ohne Hoffnung zu leben»: Mazedonier. (Bild: Keystone)
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Westeuropäische Behörden stellen seit der Visaliberalisierung für Balkanländer eine Zunahme der Asylgesuche fest, so auch in der Schweiz. Viele Emigranten kommen aus Mazedonien. Ein Augenschein bei Daheimgebliebenen.
Die Gipfel der Sarplaninakette liegen noch unter einer dicken Schneedecke. Doch auf dem Talboden, in Tetovo, wird es wärmer. Da packt manchen die Reiselust. Im Februar stellten die alarmierten Behörden in Belgien, der Schweiz und Deutschland einen markanten Anstieg der Zahl der Asylgesuche aus Mazedonien fest. 438 waren es in Belgien, 166 in der Schweiz, bedeutend mehr als im Vorjahr.
Reisen ist einfacher geworden. Seit Mitte Dezember benötigen die Bürger Mazedoniens, Montenegros und Serbiens kein Visum mehr, um in den Schengen-Raum einzureisen. Rollt in Westeuropa die Immigrationswelle aus dem Westbalkan an, vor der die Gegner der Visaliberalisierung gewarnt hatten?
Mit dem Bus nach Brüssel
Es ist erstaunlich, wie schnell man in der überwiegend albanisch besiedelten Stadt Tetovo Angehörige von Menschen findet, die seit der Liberalisierung abgereist sind. Zum Beispiel die 23-jährige Arlinda. Ihr Onkel ist vor zwei Wochen mit seiner Frau und drei halbwüchsigen Kindern in den Bus nach Brüssel gestiegen. Er hat das kleine Haus mit einigem Vieh den Verwandten in Obhut gegeben und will in Belgien sein Glück versuchen.
Arlinda findet das eine schlechte Idee. Vor allem wegen der ältesten Tochter, die Ökonomie studierte. «Was wird dort aus ihr? Sitzt sie in einem Auffanglager?» Jedenfalls nicht für lange: Sowohl die Schweiz wie auch Belgien haben bereits mit der Rückführung der Asylbewerber begonnen. Allen, selbst den Migranten, ist klar, dass nicht politische, sondern wirtschaftliche Gründe zur Ausreise bewegen. Dass ihre Asylgesuche in Westeuropa chancenlos sind, ist in Tetovo bekannt. Man ist durch die albanische Diaspora gut informiert über die Lebensbedingungen und Arbeitsmärkte dort.
Hundeleben
Shkumbin arbeitet auf dem Grünmarkt in Celopek, einem kleinen ethnisch gemischten Dorf bei Tetovo. Seit der Visaliberalisierung könne er seinen Stand schon am Mittag abräumen. Die Alten kämen am Morgen, und die Jungen seien abgereist. Zwei seiner Onkel seien jetzt in Deutschland, zwei Cousins in Österreich. Sie hätten ihre Autos und zwei Hektar Land zu Reisegeld gemacht und als Maler, Kellner oder Küchenburschen bei Verwandten Arbeit gefunden. «Aber es ist anstrengend, sie fürchten sich vor jeder Polizeistreife, und ihre Arbeitgeber sind sehr nervös.»
Dieses Lebensgefühl kennt Ismail zur Genüge. Er ist zweieinhalb Jahre quer durch Europa gereist, von Slowenien über Italien nach Frankreich. In Slowenien war er kurz Asylbewerber, dann hat er von Gelegenheitsjobs gelebt, auf Bahnhöfen geschlafen. «Ein Hundeleben», sagt Ismail. Eine Weile hoffte er, sich in Paris niederlassen zu können. Dort lebt sein Vater seit vielen Jahren. Jetzt ist er zurück. Fühlt er sich als Verlierer? «Nein, ich habs ja wirklich versucht. Aber es ist schlimm, ohne Hoffnung zu leben.» Jetzt will er Schauspiel studieren und es dann in Westeuropa erneut versuchen.
Informationsproblem
Man müsse das alles in die richtige Perspektive rücken, sagt Nicole Wyrsch, die Botschafterin der Schweiz in Skopje. «Es geht hier, beim Übergang zu einem neuen Reiseregime, in erster Linie um ein Informationsproblem.» In der Schweiz werde auf die meisten Gesuche gar nicht eingetreten, viele Bewerber seien demnächst auf dem Heimweg. Man hat die «Rückkehrhilfe» von 500 auf 100 Franken reduziert (ein Busbillett SkopjeZürich einfach kostet etwa 380 Franken), und die Behörden hätten eine Informationskampagne gestartet, erläutert die Diplomatin.
Was indessen interessant sei: Die mazedonischen Asylbewerber in der Schweiz seien nicht ethnische Albaner aus dem Westen des Landes, sondern ethnische Mazedonier und Roma aus dem Osten. Das ist unüblich, der Grossteil der mazedonischen Migranten in der Schweiz ist albanischstämmig.
In Ostmazedonien sind die Lebensbedingungen oft schwieriger, weil die Auswanderung traditionell nach Übersee geht und die Familienbande – anders als bei den Albanern – weniger stark sind. Die albanische Diaspora in Westeuropa trägt einen grossen Teil zum Lebensunterhalt der Daheimgebliebenen bei. Die meisten Auswanderer nach Übersee dagegen vergessen spätestens in der zweiten oder dritten Generation ihre Verwandtschaft in Mazedonien.
Fünf Euro am Tag
Also, auf nach Ostmazedonien. Aus Vasilevo, einem Dorf mit 12 000 Einwohnern, kamen viele Asylbewerber in die Schweiz. Hier sind die Böden fruchtbar, es ist Gemüseland. Warmer Nieselregen trommelt leise auf die Gewächshäuser aus Plastik, die sich wie ein riesiges Zeltlager über das flache Land hinziehen. Am Dorfrand, bei den Gurkenplantagen, leben die ärmeren Bewohner. Man sieht viele Roma, die Strasse ist ungeteert, die kleinen Häuser sind unverputzt.
Vor dem Spielsalon im Dorfzentrum steht eine Gruppe Männer unter dem Vordach. Ja, sie hätten gehört, dass Leute aus Vasilevo in die Schweiz gereist seien. Trajce Petrov, der Wortführer, ist ein Mittvierziger, der einst als Soldat der jugoslawischen Volksarmee in Kroatien stationiert war. Seither sei weniges besser und vieles schlechter geworden, sagt Petrov. Er hat drei Kinder, aber keinen festen Job. «Auf den Plantagen erhältst du fünf Euro am Tag. Die Frauen, die in der Textilfabrik arbeiten, ebenso. Jetzt rechne mal!» Weshalb er denn nicht Asyl in der Schweiz beantrage? «Weil ich nicht blöd bin.» Er wisse, dass das nicht funktioniere. «Weisst du denn, wie es funktionieren könnte?», fragt ein grossgewachsener, junger Roma den Reporter.
Freundliche Mauer
In der Kebab-Bude ist wenig los. Ein einziger Gast steht am Tresen. Der Wirt hat einen Bruder, der bei Chur lebt. «Aber legal, seit vielen Jahren», sagt er mürrisch. Dann schweigt er. Der Gast und die Wirtin sind gesprächiger. «Wenn es legal wäre, würden wir auch gehen», sagt die Frau. Der Wirt wirft ihr einen bösen Blick zu.
«Das waren ein paar arme Teufel von hier, die in der Schweiz Asyl beantragt haben», sagt der Gast, «Mazedonier und Roma, die Albaner sind nicht so dumm. Die gehen nicht erst fragen.» Doch wer hat die Leute hereingelegt und ihnen Chancen auf Asyl vorgegaukelt? Reisebüros, heisst es einstimmig, das habe man in den Nachrichten gehört. Ob man jemanden kenne, der gegangen sei? «Nein», sagt der Gast, die Wirtin zuckt die Schultern. Überall, wo man die Frage stellt, auch auf der Gemeindeverwaltung, trifft man auf eine freundliche Mauer des Schweigens.
Doch eigentlich weiss man jetzt genug: Für die Schweiz und die andern europäischen Schengen-Länder gibt es wegen der Visaliberalisierung kein neues Asylantenproblem. Man darf Entwarnung geben. Mazedonien und die andern Westbalkanländer bleiben dagegen mit dem schwierigen Problem konfrontiert, durch nachhaltiges Wirtschaftswachstum den Bewohnern einen anständigen Lebensstandard zu ermöglichen. (Basler Zeitung)
Erstellt: 08.03.2010, 11:39 Uhr
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