Ausland
Ein Marty gegen die Mafia
Von Enver Robelli. Aktualisiert am 16.12.2010 11 Kommentare
Einsamer Kämpfer: Europaratsbeauftragter Dick Marty.
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Am vergangenen Sonntag hat der kosovarische Regierungschef Hashim Thaci noch gefeiert. Er trat vor seine Anhänger und verkündete selbstbewusst, dass seine Demokratische Partei die Parlamentswahlen gewonnen habe. Kosovo, so Thaci, habe «Europa umarmt». Der Mann ist kein beeindruckender Redner, Schlagworte prägen seine Ansprachen.
Seine Laune wurde schnell getrübt. Zuerst warfen ihm Diplomaten Wahlbetrug vor, und jetzt beschuldigt ihn der Untersuchungsbericht des Schweizer Europaratsabgeordneten Dick Marty, er und weitere Führer der Kosovo-Befreiungsarmee UCK seien im und unmittelbar nach dem Kosovo-Konflikt Ende der 90er-Jahre am Handel mit Organen serbischer Gefangener beteiligt gewesen. Demnach unterhielt die UCK im Norden Albaniens Geheimgefängnisse, wo Serben, albanische Kollaborateure und Roma gefoltert wurden. Nahe der Kleinstadt Burrel seien Gefangenen Organe entnommen und auf dem Schwarzmarkt verkauft worden.
Thacis Kampfname: «Schlange»
Dick Marty beschreibt den 1968 geborenen Thaci als Kopf einer Bande, die aus der Region Drenica stammt. Während des bewaffneten Widerstands gegen die serbische Unterdrückungspolitik Ende der 90er-Jahre wurde Thaci unter seinem Kampfnamen «Gjarpri» (die Schlange) bekannt. Die Gruppe sei seit 1998 in die organisierte Kriminalität verwickelt. Im Bericht heisst es, Thaci und seine Vertrauten hätten Morde in Auftrag gegeben und den Drogenhandel kontrolliert. Namentlich erwähnt werden neben Thaci auch seine Vertrauten Azem Syla, Xhavit Haliti und Kadri Veseli, die in den 90er-Jahren in der Schweiz gelebt haben und deren Familien teilweise noch heute hier wohnen. In Kosovo werden diese Männer die «Swiss Connection» genannt.
Die Organhandel-Vorwürfe von Marty hatte schon Carla Del Ponte, die vormalige Chefanklägerin des UNO-Kriegsverbrechertribunals, erhoben. Sie behauptete 2008 im Buch «Die Jagd – Ich und die Kriegsverbrecher», dass die UCK mit menschlichen Organen gehandelt habe. Beweise dafür lieferte sie nicht. Das Tribunal mit Sitz in Den Haag führte nach dem Krieg Untersuchungen in Nordalbanien durch, konnte aber keine Beweise finden. Journalisten, die mehrere Monate in Nordalbanien recherchierten, fanden nur heraus, dass die UCK dort geheime Foltergefängnisse hatte.
Stützt man sich nur auf seinen Bericht ab, ist es auch Marty nicht gelungen, handfeste Beweise vorzulegen. Selber will er erst heute Stellung nehmen, wenn er sein 27-seitiges Papier in Paris vorstellt. Es sind vor allem Indizien, Behauptungen und Zitate von Geheimdienst- und Medienberichten, die er zusammengetragen hat – viele längst bekannt. Neu ist, dass er versucht, Thaci mit allem in Verbindung zu bringen. Das ist zwar nicht ausgeschlossen, aber die sogenannte «rauchende Pistole» sucht man vergebens. Marty klagt, die Zeugen in Kosovo würden schweigen, deshalb sei die Wahrheitsfindung so schwer.
Unberührbare Organisation von Thaci
Die mafiaähnliche Organisation von Thaci übe bis heute grossen Einfluss aus. Die Gruppierung bestehe aus mehreren ehemaligen Führern der Kosovo-Befreiungsarmee. Diese Männer seien «unberührbar», weil sie von den USA und europäischen Staaten in ihrem Kampf für die Unabhängigkeit Kosovos unterstützt worden seien. Als Indiz, dass kriminelle Organhändler immer noch tätig sind, erwähnt Marty die Ermittlungen der EU-Rechtsstaatsmission Eulex im Fall der Medicus-Klinik in Pristina. Im Oktober wurden sieben Personen angeklagt, in illegalen Organhandel verwickelt zu sein. Die Organe seien reichen Patienten aus Israel und Kanada eingepflanzt worden, vor allem Nieren von Leuten aus der Türkei, Moldawien und Russland.
Als «anscheinend» zentrale Figur im Gesundheitswesen bezeichnet Marty den Arzt Shaip Muja, einen engen Vertrauten von Premier Thaci. Muja habe seit über einem Jahrzehnt wichtige Posten im Gesundheitswesen bekleidet und pflege Verbindungen zu Netzwerken, die in den Menschenhandel und andere kriminelle Aktivitäten verwickelt seien. Auch dafür liefert Marty keine Beweise.
In Kosovo löste der Bericht bei den Politikern Entrüstung über Dick Marty und Verschwörungstheorien aus. Parteigänger Thacis betonten, dass Marty ja ein erklärter Gegner der Unabhängigkeit Kosovos sei. In den vergangenen drei Jahren als Premierminister hatte Thaci dafür gesorgt, dass vor allem seine Parteigänger zum Zuge kamen. Das Klientelsystem, zu dem auch ein illegaler Parteigeheimdienst gehört, läuft wie geschmiert. Kein Wunder, dass am Sonntag in Thacis Heimat Drenica die Wahlbeteiligung über 90 Prozent betrug.
Kosovo-Berichterstatter wurde Dick Marty, nachdem er zuvor seine Hartnäckigkeit in der Frage der CIA-Geheimgefängnisse in Europa bewiesen hatte. Dort hatte Marty Fakten an den Tag gebracht, welche die US-Regierung in Verlegenheit brachten. Direkte juristische Folgen aber hatte sein Bericht so wenig, wie es der neue zu Kosovo haben wird. Denn die parlamentarische Versammlung des Europarats ist zwar so etwas wie das rechtsstaatliche Gewissen Europas. Sie ist aber machtlos und kann keine Sanktionen, sondern bloss Empfehlungen abgeben. Darüber wird das Plenum am 25. Januar entscheiden, wenn der Bericht in der Session in Strassburg verabschiedet wird. Da Kosovo im Europarat bis heute nicht als selbstständiger Staat gilt und deshalb auch nicht Ratsmitglied ist, wäre aber selbst eine Ausschlussdrohung umsonst.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 15.12.2010, 23:03 Uhr
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11 Kommentare
Man kann Dick Marty zu seinem neuesten Bericht über den schändlichen illegalen Organhandel im Kosovo nur gratulieren! Es braucht schon eine gehörige Portion Mut,diese kaltblütigen,kriminellen Hintermänner beim Namen zu nennen,die sich noch vor kurzer Zeit in voller Harmonie auf der internationalen Politbühne ihr Stelldichein zum besten gaben...Natürlich durfte da BR M.Calmy-Rey nicht fehlen! Antworten
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