Ausland
Ein Mord, der nicht nur der Mafia nützte
Von Vincenzo Capodici. Aktualisiert am 27.07.2012
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Links
- «Stato-Mafia, chiesto processo per Dell'Utri, Mancino e Provenzano (Adnkronos)
- «Quando il Palazzo tremava per le bombe di mafia» (Repubblica)
- «L'assassinio di Borsellino: un mistero lungo 20 anni» (Repubblica)
- «Ciancimino: trattativa tra Stato e mafia dietro Forza Italia» (TG24/Sky Italie)
- «Viele Fragen auch nach 20 Jahren» (NZZ)
- «Stochern im Sumpf» (Süddeutsche Zeitung)
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1992 war ein schwarzes Jahr für die italienische Justiz im Kampf gegen die sizilianische Mafia. Innert zwei Monaten war es der Mafia gelungen, zwei furchtlose und brillante Staatsanwälte zu liquidieren. Am 23. Mai 1992 wurde Giovanni Falcone ermordet, 57 Tage später sein Freund Paolo Borsellino, ebenfalls bei einem Anschlag mit einer Autobombe. Borsellino und Falcone hatten unzählige Mafiosi für lange Zeit hinter Gitter gebracht. Allein bei den sogenannten Maxi-Prozessen in Palermo waren Hunderte Angehörige der Mafia verurteilt worden. Vor diesem Hintergrund kann die Ermordung von Falcone als Racheakt der Mafia und als Warnung an andere Untersuchungsrichter gedeutet werden. Der Fall Borsellino erscheint aber komplizierter.
Klar ist, dass die Liquidierung von Borsellino zwar ein Werk der Mafia war. An der Ermordung des palermitanischen Staatsanwalts waren jedoch auch andere Kreise interessiert – Kreise, zu denen höchste Vertreter des Staates gehörten. Längst waren Verhandlungen zwischen Mafia und Politik in Gang. Und zu diesen höchst dubiosen Verstrickungen hatte Borsellino bereits Ermittlungen eingeleitet – damit wurde er für viele Seiten zu einer unangenehmen, ja sogar gefährlichen Person. In einem seiner letzten Interviews sagte Borsellino, der jede Übereinkunft mit der Mafia ablehnte, dass er sich vom Staat alleine gelassen fühle. Vermutlich ahnte Borsellino schon lange, dass sein Name auf der Todesliste der Mafia weit oben stand. Borsellino wusste viel, zu viel. Nach seiner Ermordung liess jemand sein berühmtes rotes Notizbuch verschwinden.
Hohe Politiker in Todesangst suchen das Gespräch mit der Mafia
Aufgrund vieler Zeugenaussagen lässt sich rekonstruieren, dass Mafia und Politik Anfang der Neunzigerjahre Verhandlungen begonnen hatten, wie die Zeitung «Repubblica» berichtet. Auslöser dieser «trattativa» war die Ermordung des christdemokratischen Politikers Salvo Lima im März 1992 in Palermo. Lima war der sizilianische Parteistatthalter des Langzeit-Premiers und -Ministers Giulio Andreotti. Dem vermutlich einflussreichsten italienischen Politiker der Nachkriegszeit wurden Verbindungen zur Mafia nachgesagt. «Beelzebub» Andreotti entging nur knapp einer Verurteilung.
Der Politiker Lima musste sterben, weil seine Parteifreunde in Rom aus der Sicht der Mafia versagt hatten. Insbesondere die mächtigen Christdemokraten, auf die sich die Mafia immer verlassen konnte, hatten nicht verhindern können, dass die harten Urteile gegen Mafiosi im palermitanischen Maxi-Prozess in letzter Instanz vom Kassationsgericht in Rom bestätigt wurden. Nach der Ermordung von Lima fürchteten hohe Politiker um ihr Leben. Nach Ansicht der palermitanischen Staatsanwaltschaft war es vor allem Calogero Mannino, sizilianischer Christdemokrat und Minister für besondere Aufgaben in Süditalien, der den Kontakt zur Mafia suchte. Später führten offenbar auch andere Minister sowie hochrangige Amtspersonen von Polizei und Geheimdiensten Gespräche mit Mafia-Bossen. In den Gesprächen ging es um einen «Waffenstillstand», die Aufhebung von Verurteilungen in Mafia-Prozessen sowie erleichterte Haftbedingungen für Mafiosi und andere Konzessionen an die Mafia, die ständig mit neuen Anschlägen drohte.
Staatsanwaltschaft will Ex-Ministern und Mafia-Bossen den Prozess machen
20 Jahre nach der «trattativa» will nun die Staatsanwaltschaft von Palermo einem Dutzend Personen den Prozess machen, wie die Nachrichtenagentur Adnkronos diese Woche berichtete. Über die Eröffnung eines Prozesses muss jetzt ein Untersuchungsrichter in Palermo entscheiden. Bei den Ermittlungen stützte sich die Staatsanwaltschaft insbesondere auf Aussagen von mehreren «Pentiti» (reumütigen Mafiosi), darunter Massimo Ciancimino. Als Verurteilter und Angeklagter in mehreren Mafia-Verfahren ist die Glaubwürdigkeit des Kronzeugen Ciancimino allerdings höchst umstritten.
Die Liste der Personen, die des Anschlags auf politische Institutionen des Staates verdächtigt werden, ist prominent besetzt. Dazu gehören die Ex-Innenminister Nicola Mancino und Giovanni Conso, Calogero Mannino, einst Minister für besondere Aufgaben in Süditalien und heute Abgeordneter, Mario Mori, Ex-General der Carabinieri, oder auch Marcello Dell'Utri, heute Senator und enger Freund von Silvio Berlusconi. Der Sizilianer Dell'Utri war massgeblich am Aufbau der ersten Berlusconi-Partei Forza Italia beteiligt. Und er gilt als Verbindungsmann zwischen der Mafia und Berlusconi. Nebst Vertretern des Staates sollen sich auch frühere Top-Mafiosi vor Gericht verantworten, etwa die Bosse Totò Riina und Bernardo Provenzano, die jahrzehntelang Siziliens Mafia beherrschten.
Berlusconis Forza Italia – Ergebnis eines Pakts zwischen Mafia und Politik
Die berühmt-berüchtigte «trattativa» führte offensichtlich zu einer Übereinkunft zwischen Mafia und Politik, so wurden Haftbedingungen für Mafiosi verbessert. Nach blutigen Anschlägen in Florenz, Mailand und Rom im Jahr 1993 verzichtete die Mafia fortan auf weitere spektakuläre Attentate. Interessanterweise war inzwischen der schon damals zwielichtige Medienmogul Berlusconi zum Ministerpräsidenten Italiens aufgestiegen. Kronzeugen wie Ciancimino behaupten, dass Berlusconis Partei Forza Italia aus dem Pakt zwischen Mafia und Politik geboren wurde – vor allem dank Dell'Utri.
Dass die Behauptung Cianciminos nicht völlig aus der Luft gegriffen ist, bestätigen glaubwürdige Zeitgenossen, allen voran Leoluca Orlando. Der mehrfache Bürgermeister von Palermo und furchtlose Antimafia-Kämpfer betonte immer wieder, dass Berlusconi als italienischer Regierungschef gut für die Mafia sei. In der Tat: Berlusconi, der letzten November unter Schimpf und Schande als Ministerpräsident zurücktrat, bleibt nicht als Politiker in Erinnerung, dem die Bekämpfung der Mafia sehr am Herzen lag. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 27.07.2012, 16:12 Uhr
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