Ausland
Ein Truthahn wartet auf Weihnachten
Von Hansjörg Müller, Strassburg. Aktualisiert am 17.11.2011 9 Kommentare
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Die Spitzen der Europäischen Union sind sich einig: Gestern Mittwoch sprechen sich Ratspräsident Herman van Rompuy, Kommissionspräsident José Manuel Barroso und Jean-Claude Juncker, der Vorsitzende der Euro-Gruppe, für die Schaffung einer europäischen Wirtschaftsregierung aus. Barroso kündigt zudem für die kommende Woche einen Vorstoss zur Einführung von Eurobonds an, von gemeinsamen Anleihen aller Eurostaaten.
Am Tag vor der grossen Generaldebatte im EU-Parlament empfängt uns der Mann, der all diese Vorschläge für Wahnideen hält, in seinem Strassburger Büro. In seiner Heimat ist der Engländer Nigel Farage ein Star. Von den kontinentalen Medien wird er kaum beachtet, doch auf dem Internetportal Youtube verfolgen Tausende seine Reden. Farage ist Parteichef der United Kingdom Independence Party (Ukip). Sein Ziel: Grossbritannien soll die EU verlassen.
Vorliebe für Tabak und Alkohol
Das Büro ist karg eingerichtet. In den Regalen nichts als ein Wasserkocher und ein paar Ukip-Broschüren. Und doch hat der Raum eine persönliche Note: den Geruch von Tabakrauch. Farage steckt sich eine Rothmans nach der anderen an. Seine engsten Mitarbeiter, zwei ältere Herren in altmodischen Tweedjacketts, sind passionierte Pfeifenraucher. Aus seiner Vorliebe für Tabak und Alkohol macht Nigel Farage keinen Hehl. Nicht gerade ein gesunder Lebensstil, und so sieht Farage denn auch etwas älter aus als seine 47 Jahre. Das Rauchverbot im EU-Parlament schert ihn nicht: «Warum soll ich mir von der Regierung sagen lassen, wann und wo ich rauchen darf?», fragt er. «Ich möchte in einer Welt leben, wo es weniger Staat, mehr Demokratie und mehr individuelle Freiheit gibt.»
Was Farage so besonders macht, ist seine Fähigkeit, politische Botschaften in wenige Worte zu fassen: 90 Sekunden Redezeit stehen ihm im EU-Parlament jeweils zu. Da braucht es prägnante Formulierungen, Sätze, die im Gedächtnis der Zuhörer haften bleiben. Und die gelingen Farage. Herman van Rompuy wollte er angesichts der Eurokrise zum «Pin-up-Boy der euroskeptischen Bewegung» ernennen. Ein anderes Mal bescheinigte er dem Belgier «das Charisma eines nassen Lappens und das Auftreten eines niederen Bankangestellten». Später entschuldigte sich Farage – bei allen Bankangestellten. Farage provoziert. 400 Leute im Plenum gegen sich zu haben, das mache ihm nichts aus: «Meine Gegner sind die politische Klasse, sie sind die Schafe, sie sind die Denkfaulen», ruft er aus. Im EU-Parlament ist Farage der auffälligste Dissident, so etwas wie ein Kanarienvogel unter Spatzen. Man könnte auch sagen: Er ist Europas Oppositionsführer.
Auf keinen Fall langweilen
Vielleicht gibt es in Nigel Farages Leben ein Schlüsselwort, das vieles erklärt: «Fun» – Spass. «Die Leute mögen Leidenschaft und Humor. Ich hasse all diese langweiligen Technokraten.» Seinen Job als Händler von Rohstoffen und Währungen in der Londoner City hat er aufgegeben, als es begann, keinen Spass mehr zu machen. «Damals war es ein grossartiges Leben. Heute sitzen die Händler nur noch hinter ihren Computern wie Hühner in einer Legebatterie.» Die Zeiten, in denen man die Mittagspausen damit verbrachte, im Pub zu sitzen, blutige Steaks zu essen und klebriges Ale zu trinken, sie sind unwiederbringlich vorbei. Es war nicht mehr Farages Welt. London musste sich ändern, um ein globales Finanzzentrum zu bleiben, das gibt er zu, doch der «amerikanische Puritanismus», der damit Einzug gehalten habe, der sei furchtbar.
Man könnte nun fragen: Ist dieser Mann seriös? Ist er ein Populist? Letzteres möchte Farage nicht einmal bestreiten. «Demokratie ist immer populistisch.» Als die Iren gegen die EU-Verfassung gestimmt hätten, da habe Martin Schulz, der Führer der Sozialdemokraten im EU-Parlament, gesagt: «Wir dürfen uns dem Populismus nicht beugen.» Farage verzieht das Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen. «Diese Leute hassen die Demokratie, das ist es, was sie so gefährlich macht.»
Seine Gegner halten den Engländer für einen Nationalisten und Isolationisten. Der widerspricht: «Wir wollen gute Nachbarn sein und mit Europa handeln.» Aber: «Wir wollen eben nicht nur mit Europa Geschäfte machen, sondern mit der ganzen Welt. Die Welt hat sich geändert, Europa ist heute nicht mehr so bedeutend wie vor 50 Jahren.» Die Schweiz habe ein Freihandelsabkommen mit Japan aushandeln können, eine Möglichkeit, die Grossbritannien als EU-Mitglied nicht habe. Überhaupt, die Schweiz: Farage kann gar nicht sagen, wie sehr er die Schweiz beneidet. Die Behauptung, dass ein kleines Land allein nicht wettbewerbsfähig sein könne, werde von der Eidgenossenschaft widerlegt. «Ich beneide die Schweiz um ihre Demokratie, die den Karrierepolitikern das Leben schwer macht. Ein Vorbild für ganz Europa!»
David Camerons schlimmster Albtraum
Sich selbst bezeichnet er als einen Libertären. Einen Rechten soll ihn niemand nennen, nicht einmal einen Konservativen. Mit der rechtsextremen British National Party (BNP) will er nichts zu tun haben. In seiner Autobiografie schreibt er: «Wir haben nichts gemeinsam mit der BNP. Die sind rassistisch. Wir sind offen. Die hassen Europa, so wie sie die ganze Welt hassen. Wir lieben Europa, aber die EU lehnen wir nun einmal ab.» Ein EU-Gegner im EU-Parlament, ist das nicht ein Widerspruch in sich? Mister Farage, müsste es nicht Ihr Ziel sein, sich selbst zu feuern? «Das wäre wunderbar!», ruft Farage aus und strahlt, als hätte England soeben einen wichtigen Cricket-Match gegen Pakistan gewonnen. «Ich wäre wie ein Truthahn, der sich auf Weihnachten freut!» Und was würde er dann machen? In die nationale Politik einsteigen? Manche sagen, Farage sei David Camerons schlimmster Albtraum.
Bei britischen Wahlen hat Ukip aufgrund des Mehrheitswahlrechts keine Chance, doch ironischerweise hat die Partei die Konservativen bei den letzten Wahlen so viele Stimmen gekostet, dass Cameron mit den EU-freundlichen Liberaldemokraten eine Koalition eingehen musste. Farages Mitleid mit dem Premier hält sich in Grenzen. Cameron hätte doch ein Referendum über Grossbritanniens Verbleib in der EU abhalten können. Davor sei der Premierminister zurückgeschreckt. Nun müsse er die Konsequenzen tragen.
Als Schüler ein Tory
1992 hat Farage die Konservative Partei verlassen, der er 1978, als 14-Jähriger, beigetreten war. Die Zustimmung des damaligen Premierministers John Major zum Abkommen von Maastricht wollte er nicht mittragen. 1993 gründete er zusammen mit Gleichgesinnten Ukip. Eigentlich sei er ja einer, der gerne Golf spielt, Angeln geht und seine Abende im Pub verbringt. Der politische Betrieb? Nicht gerade sein natürliches Habitat. Doch die Pflicht, so stellt er selbst es dar, habe ihn zum Eintritt in die politische Arena gezwungen. «Als einer, der mit Währungen gehandelt hat, wusste ich: Eine europäische Gemeinschaftswährung kann nicht funktionieren. Ein Wahnsinn!» Wieder und wieder erklärt Farage seinen Kollegen im Parlament die wirtschaftlichen Zusammenhänge: Warum der Euro eine Fehlkonstruktion sei und dass es eben nicht «die Märkte» oder «die Ratingagenturen» seien, die Schuld an der Schwäche der Gemeinschaftswährung trügen. Es ist, als predigte er in der Wüste. Als geisteskrank sei er von seinen Kollegen im Parlament bezeichnet worden, beklagt sich Farage.
Nigel Farage sprüht vor Energie. Im Interview spricht er genauso engagiert und druckreif wie als Redner. Nur ein einziges Mal zögert er: bei der Frage nach seinem Flugzeugabsturz. Am 6. Mai 2010 flog Farage über Südengland in einem Flugzeug, das ein Ukip-Transparent hinter sich herzog. Damals kandidierte er erfolglos für das britische Unterhaus.
Die Maschine stürzte ab, und wer die Bilder des Wracks gesehen hat, der wundert sich, dass die Insassen überhaupt überlebt haben. Farage und der Pilot kamen wie durch ein Wunder mit leichten Verletzungen davon. Hat der Unfall sein Leben verändert? «Ich muss mit Rückenschmerzen leben. Letzte Nacht habe ich kaum geschlafen.» Er schweigt eine Sekunde. Doch dann ist er wieder ganz der Alte: «Dieser Unfall hat mich nur noch entschiedener gemacht. Ich spare mein Leben nicht für die Pensionierung auf.» (Basler Zeitung)
Erstellt: 17.11.2011, 11:44 Uhr
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9 Kommentare
Ein schöner Farbton in Brüssel. Die Mehrheit ist jedoch anders: Regulieren, verbieten, harmonisieren, Einfalt statt Vielfalt, Bürokratie ohne Ende, die Krümmung von Bananen vorschreiben, die Elchjagt verbieten, Gurken abmessen, Fleissige Staaten bestrafen und faule Staaten belohnen. Da stehe ich lieber abseits. Antworten
Es macht wirklich Spass, seine Reden auf Youtube anzusehen. Besonders dann, wenn er seinen nach dem Peter-Prinzip ins EU-Parlament hochgespülten Ratskollegen deren ordnungspolitische Sündenfälle um die Ohren haut. Er wirkt fast komödiantisch, aber der Kern seiner Aussagen widerspiegelt die ganze Tragik der Fehlkonstruktion EU sehr drastisch! Antworten
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