Ausland
Eine Stadt igelt sich ein
Von Olivia Kühni. Aktualisiert am 27.07.2010
Klagen gegen Medienberichte
Wegen der Berichterstattung einzelner Medien über die Katastrophe bei der Loveparade sind zahlreiche Beschwerden beim Deutschen Presserat eingegangen. Bislang gebe es 150 Eingaben, die sich bis auf drei Fälle alle auf die «Bild»-Zeitung und deren Online-Ausgabe beziehen, sagte eine Sprecherin am Dienstag in Berlin. Sie rechnete mit weiteren Beschwerden.
Die Kritik richte sich fast ausschließlich gegen Fotos, mit denen Artikel über die Massenpanik bei der Großveranstaltung in Duisburg illustriert worden waren. Auf den Fotos waren unter anderem verängstigte Menschen im Gedränge in Nahaufnahme zu sehen. Die Veröffentlichung werde von den Beschwerdeführern als unangemessen sensationsheischend sowie teils auch als Verstoß gegen die Menschenwürde und die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen gewertet, sagte die Sprecherin. (afp)
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Was derzeit über die sonst so unauffällige Ruhrstadt Duisburg hereinbricht, ist nichts weniger als ein medialer Orkan. Sämtliche grösseren Medien Deutschlands räumen dem Unglück mit 20 Toten vom vergangenen Wochenende höchste Priorität ein. Hunderte Reporter sind vor Ort, um die dringlichste Frage zu beantworten, welche die Menschen quält: Warum? Wie konnte es zu diesem Unglück kommen?
Doch die Stadt Duisburg, so berichten verschiedene Medien, verschliesst sich. Zum Sicherheitskonzept der Loveparade würden die zuständigen Behörden «zurzeit keinerlei Auskünfte» geben, berichtet die Nachrichtenagentur DAPD. Auch das Innenministerium von Nordrhein-Westfalen verweigere offizielle Auskünfte. Zeit Online berichtet, dass auch Feuerwehr, Bauamt und Staatsanwaltschaft schweigen würden. «Alle verweisen auf die Pressestelle des Rathauses» – selbst der Hilfsorden der Malteser, der vor Ort tätig ist.
Die Medien sind ratlos
Als einzige offizielle Sprecherin tritt immer wieder Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) auf – die höchste Politikerin im Bundesland Nordrhein-Westfalen also. Sie gab am Montag bekannt, dass eine weitere Frau im Spital verstorben sei. Am Dienstag informierte sie, dass alle Opfer an Brustquetschungen starben. Und am Dienstagabend in der «Tagesschau» sagte sie diesen Satz: «Offensichtlich war das Sicherheitskonzept unzureichend.» Mehr war noch nicht zu erfahren.
Die Medien sind ratlos. «Journalisten haben durch die Pressepolitik der Behörden zurzeit keine Möglichkeit, offizielle Informationen zum Einsatzkonzept der Polizei zu erhalten oder sich Informationen von Dritten offiziell bestätigen oder dementieren zu lassen», fasst es DAPD zusammen. Trotzdem suchen Reporter weiter nach Hinweisen dazu, was in Duisburg geschehen ist. Denn es gibt, so stellt Spiegel Online fest: «So viele Fragen. So wenige Antworten.»
Ein Sitzungsprotokoll, ein Schreiben, wütende Polizisten
Umso wilder wuchern die Zitate in den Blättern. Viele von ihnen sind Anschuldigungen gegenüber der Stadt Duisburg und dem Loveparade-Veranstalter. Zeit Online zitiert aus einem Sitzungsprotokoll vom 18. Juni. Es belege, «dass die Stadt in den Verhandlungen mit dem Loveparade-Veranstalter Lopavent tatsächlich weitgehende Konzessionen machte.» Lopavent seien die vorgeschriebenen 440 Meter Fluchtweg zu viel gewesen, 155 Meter seien ausreichend. Daraufhin habe das Ordnungsamt betont, der Bürgermeister Adolf Sauerland wünsche die Veranstaltung, es müsse «eine Lösung gefunden» werden. Wer der Redaktion das Protokoll zugespielt hat, ist unbekannt. Ebenso wenig bekannt ist, woher der «Kölner Stadt-Anzeiger» Einblick in jenes Schreiben hatte, mit dem der Feuerwehrdirektor dem Bürgermeister von der Austragung der Parade auf dem viel zu kleinen Güterbahnhof abgeraten haben soll.
Ganz offen hingegen kritisieren die Spitzen der Polizei Veranstalter und Stadt. Erich Rettinghaus, Polizei-Gewerkschaftschef in Nordrhein-Westfalen, verriet gegenüber mehreren Medien, dass die Loveparade erst am Samstag selber genehmigt worden sei – obwohl Bewilligungen für Grossveranstaltungen normalerweise Wochen zuvor vorlägen. Der Ex-Polizeichef der Nachbarstadt Bochum hat nach eigenen Angaben Strafanzeigen gegen den Bürgermeister von Duisburg und gegen die Veranstalter eingereicht. Und der frühere Duisburger Polizeichef Rolf Cebin soll sich laut der «Süddeutschen Zeitung» im Vorfeld heftig gegen die Austragung der Loveparade gewehrt haben.
Forscher warnten
Veranstalter Rainer Schaller seinerseit hat bereits öffentlich die Polizei kritisiert. Er sagte gegenüber verschiedenen Medien, die Polizei habe entgegen der Absprache alle Schleusen vor dem Tunneleingang geöffnet. Erst dadurch sei der Besucherstrom überhaupt unkontrolliert in den Gang gelangt. Diese Öffnung sei in seinem Sicherheitskonzept nicht vorgesehen gewesen.
Weiter zitiert werden am Dienstag ausserdem der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU Hans-Peter Uhl, der im «Kölner Stadt-Anzeiger» den Rücktritt des Duisburger Bürgermeisters fordert, sowie im Sender n-tv Loveparade-Gründer Matthias Roeingh, der Duisburg die Kompetenz für eine Veranstaltung dieser Grössenordnung generell abspricht. Eine ganze Reihe von Experten wird in verschiedenen Medien ausserdem mit der Aussage zitiert, die Mangelhaftigkeit des Geländes sei offensichtlich. Einer von ihnen, der Panikforscher Michael Schreckenberger, hat nach eigenen Aussagen in der «Süddeutschen Zeitung» bereits im Vorfeld vor der Austragung der Loveparade gewarnt.
«So viele Fragen. So wenige Antworten.» Etwas Licht ins Dunkel kommt wohl erst morgen Mittwoch. Dann will der Innenminister von Nordrhein-Westfalen Ralf Jäger (SPD) über die bisherigen Erkenntnisse rund um die Tragödie informieren. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 27.07.2010, 21:58 Uhr
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