Ausland

Eine Verhaftung genügt nicht

Von Enver Robelli. Aktualisiert am 30.05.2011 4 Kommentare

Ehe Serbien an Aufnahme in die EU denken kann, sind noch viele Probleme zu lösen und alte Hoffnungen zu begraben. Zum Beispiel müsste das unabhängige Kosovo anerkannt werden.

Noch hat man sich mit der Nachkriegsordnung in Bosnien-Herzegowina nicht abgefunden: Anhänger Ratko Mladics protestierten in Belgrad gegen dessen Verhaftung.

Noch hat man sich mit der Nachkriegsordnung in Bosnien-Herzegowina nicht abgefunden: Anhänger Ratko Mladics protestierten in Belgrad gegen dessen Verhaftung.
Bild: Reuters

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Kurz vor dem Krieg wurde noch schnell gefeiert. Am 29. Mai 1991 blickten viele Serben gespannt nach Bari. Dort in der italienischen Provinz gewann Roter Stern Belgrad den Europapokal der Landesmeister. Heute heisst der Wettbewerb Champions League, und es geht immer noch um Fussball. Vermutlich hat damals auch der künftige Massenmörder Ratko Mladic das Spiel seiner Landsleute gegen Olympique Marseille verfolgt und mit den Soldaten in einer Kaserne in der kosovarischen Hauptstadt Pristina gejubelt, wo er gerade als Offizier der Jugoslawischen Volksarmee diente.

Danach stellte er sich voll in den Dienst der grossserbischen Ideologie – zuerst in Kroatien, dann in seiner Heimat Bosnien-Herzegowina. Mladic hinterliess überall eine Blutspur. Der Handwerker des Todes war beliebt bei seinen Landsleuten, die wie im Rausch die Panzer mit Blumen schmückten, die in den Krieg gegen andere Völker zogen.

Klingt nach Kuhhandel

In wenigen Wochen jährt sich der Zerfall Jugoslawiens zum 20. Mal. Dass die Festnahme des letzten mutmasslichen Grossverbrechers der Balkankriege jetzt erfolgte, hat grossen symbolischen Charakter. Serbiens Präsident Boris Tadic, der für diese mutige Aktion viel Lob aus dem Westen verdient, fordert nun eine schnelle Integration seines Landes in die EU. Das klingt nach Kuhhandel: Wir liefern Mladic aus, und die EU gibt uns bis Ende Jahr den Kandidatenstatus.

Mit der Verhaftung des «Schlächters von Srebrenica» wurde ein dunkles Kapitel der jüngsten serbischen Geschichte abgeschlossen. Man will aber in Belgrad auch die jüngste Vergangenheit, die noch nicht aufgearbeitet ist, gleich begraben oder wenigstens verharmlosen. Dies geschieht insbesondere in diesen Tagen. Mladic wird nicht als möglicher Kriegsverbrecher angesehen, sondern fast wie ein Popstar behandelt. Minister besuchen ihn in seiner Zelle, die Parlamentspräsidentin, Psychiaterin von Beruf, hat ihn medizinisch untersucht, Staatsanwälte tragen nicht ohne Sympathie die Anekdoten des abgemagerten Generals vor, Journalisten machen sich Sorgen über seine Bauchschmerzen und die Folgen eines angeblichen Hirnschlags, die Behörden erfüllen ihm fast jeden Wunsch. Er dürfe auch das Grab seiner Tochter besuchen, heisst es.

Massenmord als «Ereignis»

So soll in der Öffentlichkeit das Bild eines ganz normalen Menschen entstehen, nicht eines Monstrums, der sich 16 Jahre lang mithilfe der staatlichen Stellen dem Zugriff der internationalen Justiz entziehen konnte. Die mutmasslichen Kriegsverbrechen Mladics werden in Serbien routinemässig am Rande erwähnt, man spricht aber nicht vom Genozid in Srebrenica, sondern von «Ereignissen» – als handle es sich um eine harmlose Rauferei. Die Opfer kommen kaum zu Wort.

Die Vergangenheitsbewältigung ist gewiss ein schmerzhafter Prozess. Doch irgendwann muss auch Serbien damit anfangen, um europareif zu werden. Der Zeitpunkt ist mit der Festnahme Mladics gekommen, aber noch ist unklar, ob Serbiens Politiker diese einmalige Chance ergreifen. Die Ja-aber-Rhetorik prägt immer noch die Debatte über die jüngsten Kriege.

Ein Spiel mit dem Feuer

Zwar werden die Massaker an anderen Völkern nicht mehr rundweg geleugnet, aber es wird immer wieder daran erinnert, dass es auch auf serbischer Seite zivile Opfer gegeben habe. Das ist unbestreitbar. Doch die Absicht dieser Rhetorik ist leicht durchschaubar: In diesem Krieg waren demnach alle Täter und Opfer, die Schuld soll gleichmässig verteilt werden.Nur einige Vertreter der Zivilgesellschaft räumen ein, dass Serbien in den 90er-Jahren einen Eroberungsfeldzug geführt hat. Die alten Eliten haben immer noch Einfluss. Am Wochenende verteufelte der Schriftsteller, Wegbereiter des Kriegs und ehemalige Präsident Dobrica Cosic die UNO-Justiz in Den Haag, die angeblich die falsche Geschichte der Serben schreibe. Gefährlich für die Zukunft der Region ist auch sein Aufruf, Kosovo zu teilen. Mit dieser Idee liebäugelt auch Staatspräsident Tadic.Noch wird in Serbien die Illusion gehegt, man könne der EU auch beitreten, ohne Kosovo als unabhängigen Staat anzuerkennen.

Noch hat man sich mit der Nachkriegsordnung in Bosnien-Herzegowina nicht abgefunden. Deshalb zündeln dort die bosnischen Serben auf Geheiss Belgrads, sie drohen mit Abspaltung, wollen am liebsten die gemeinsamen Justizbehörden abschaffen. Es ist ein Spiel mit dem Feuer, das auf Grenzänderungen abzielt und die Stabilität der ganzen Region gefährdet.Es ist auch ein paradoxes Spiel: In Kosovo unterhält die serbische Regierung aus Sicht der meisten EU-Staaten illegale Parallelinstitutionen und sabotiert so die ohnehin schwierige Arbeit der dortigen europäischen Rechtsstaatsmission. Die gleiche Regierung fordert aber eine schnelle EU-Integration Serbiens. Das Land sucht eine Vormachtstellung auf dem Balkan, anstatt sich auf tief greifende innenpolitische Reformen zu konzentrieren.

Alte Seilschaften

Die Demokratie ist in Serbien noch nicht gefestigt, und die Wirtschaft wird immer noch von Oligarchen kontrolliert, die in den 90er-Jahren unter dem Regime von Slobodan Milosevic reich wurden. Nach der demokratischen Wende haben sie sich mit den neuen Machthabern arrangiert, finanzieren Parteien und kaufen Parlamentsabgeordnete, um ihre Interessen durchzusetzen. Dazu gehört auch die Vertreibung westlicher Investoren.

Immerhin hat Staatschef Boris Tadic nun dem organisierten Verbrechen und der Korruption den Kampf angesagt. Die EU sollte ihn dabei grosszügig unterstützen, ihn aber gleichzeitig drängen, von ein paar Illusionen Abschied zu nehmen. Dazu gehört auch der Traum vom schnellen EU-Beitritt, ohne vorher die wichtigsten Hausaufgaben gemacht zu haben. Mit der Festnahme Radko Mladics hat Serbien nur eine längst überfällige Pflicht erfüllt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.05.2011, 23:20 Uhr

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4 Kommentare

Tatoni Montani

31.05.2011, 16:45 Uhr
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Endlich einmal ein Artikel, der es auf den Punkt bringt! Man findet nur noch selten Artikel, die so deutlich machen, dass SERBIEN die Hauptschuld an den Balkankriegen trägt und dass SERBIEN unter Zugzwang steht. SERBIEN hat Jahrzehnte lang (auch in Jugoslawien) die anderen Balkanvölker ausgeplündert, SERBIEN steht in der Schuld und SERBIEN muss diese Schuld begleichen! Mladic ist nur der Anfang... Antworten


Petr Feyfar

02.06.2011, 11:57 Uhr
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"Nur einige Vertreter der Zivilgesellschaft räumen ein, dass Serbien in den 90er-Jahren einen Eroberungsfeldzug geführt hat", schreibt der Autor. Könnte er bitte auch erklären, gegen welches Land? Soweit ich informiert bin, gab es seinerzeit ein international anerkanntes Land Jugoslavien, dessen integrale Bestandteile die heute selbständige, bzw. scheinselbständige Staaten sind. Antworten




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