Ausland

Experten empfehlen den Staatsbankrott

Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 09.04.2010 32 Kommentare

Die Griechenlandkrise und kein Ende: Mittlerweile sehen immer mehr Fachleute in einem Staatsbankrott die Lösung. Doch selbst in diesem Fall verbleiben beachtliche Risiken.

Alles in gewohnten Rahmen: Diese Soldaten schieben wie eh und je in Athen Wache. Doch rundum stürzt ihr Land ins Chaos.

Alles in gewohnten Rahmen: Diese Soldaten schieben wie eh und je in Athen Wache. Doch rundum stürzt ihr Land ins Chaos.
Bild: Keystone

Die Griechenlandkrise verschärft sich täglich weiter. Das zeigt sich an den Risikoaufschlägen für die Staatsschulden des Landes. Am Donnerstag mussten die Griechen bereits 4,3 Prozent mehr für ihre Staatsschulden bezahlen als die Deutschen, insgesamt 7,44 Prozent. Die Sorgen um Griechenland haben auch den Aufwärtstrend an den internationalen Börsen zum Erliegen gebracht.

Schon vor der neusten Verschärfung der Lage war klar, dass Griechenland ohne ein Wunder mit der Schuldenkrise nicht fertig werden wird. Die Hilfszusagen der Europäischen Union haben sich als unwirksam und als unglaubwürdig erwiesen. Der Präsident der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, erklärte gestern zwar noch trotzig, mit einem Staatsbankrott Griechenlands sei nicht zu rechnen. Jede andere Aussage hätte die Lage weiter eskalieren lassen. Sie ist eine Reaktion darauf, dass unter Experten bereits eifrig über die konkreten Folgen eines solchen Ausgangs der Krise debattiert wird. Viele halten einen geordneten Staatsbankrott Griechenlands sogar für die bessere Lösung als ein anhaltendes Leiden, das letztendlich im Chaos endet.

«Der Bankrott kommt, aber nicht in diesem Jahr»

Wolfgang Münchau, einstiger Chefredaktor der deutschen «Financial Times» und aktuell Kommentator der britischen Ausgabe, ist überzeugt, dass der Bankrott kommt, wenn auch noch nicht in diesem Jahr. Denn selbst aus den hohen aktuellen Zinssätzen errechne sich noch eine geringe Wahrscheinlichkeit dafür. Doch im politischen und wirtschaftlichen Umfeld bleibe dem Land auf die Dauer schlicht kein anderer Ausweg. Die gleiche Ansicht äusserte gestern auch Mohamed El-Erian, Chef der Investmentgesellschaft Pimco. Griechenland könne letztlich keine Rettung von aussen erwarten. Die Risiken einer chaotischen Entwicklung würden weiter zunehmen.

Ein Staatsbankrott ist nicht das Ende eines Landes und nicht so aussergewöhnlich, wie es scheinen könnte. Eine Studie des Internationalen Währungsfonds IWF zählt zwischen 1824 und 2004 257 Beispiele auf. Berühmte jüngere Fälle sind Russland 1998 und Argentinien 2001. Die Ökonomen Kenneth Rogoff und Carmen Reinhart haben in einer umfassenden Studie festgestellt, dass auf Finanzkrisen immer mehrere Staatsbankrotte gefolgt sind. «Griechenland wird diesmal nur den Auftakt machen», sagte Kenneth Rogoff, einst Chefökonom des IWF, gemäss dem britischen «Telegraph».

Kein Staatsbankrott ist wie der andere

Ein Staatsbankrott bedeutet, dass ein Land die Zinszahlungen oder die Rückzahlung der Staatsschuld ganz oder teilweise einstellt. Das Land wird darauf in der Folge kaum mehr Geld im Ausland oder im Inland aufnehmen können oder dann nur noch zu aussergewöhnlich hohen Zinsen. Eine weitere Folge kann der Zusammenbruch von Banken sein, die Staatsanleihen als Sicherheit für Depositen in den Büchern halten. Doch es gibt auch einen Vorteil. Dem Land stehen die Mittel wieder zur Verfügung, die es ansonsten für den Schuldendienst aufwenden müsste. Eine wirtschaftliche Abwärtsspirale kann zum Ende kommen.

Kein Staatsbankrott ist gleich wie der andere. Daher ist auch keine generelle Aussage möglich, ob die Kosten oder der Nutzen für ein Land überwiegen. Immerhin besteht die Chance, dass sich die Nachteile in Grenzen halten. Das britische Wirtschaftsmagazin «Economist» zitiert Studien, wonach Länder nach einem Staatsbankrott nur für kurze Zeit höhere Zinsen für ihre Schulden bezahlen mussten. Schon nach dem zweiten Jahr haben sich diese offenbar im Durchschnitt wieder normalisiert. Es gibt allerdings auch besonders dramatische Fälle, wie etwa Argentinien. Das Land leidet bis heute an den Folgen seines Zahlungsausfalls von 2001. Entscheidend ist offenbar, ob ein Land sich seinen Gläubigern gänzlich verweigert oder mit ihnen eine Restrukturierung der Schulden aushandelt. Die schlimmeren Langzeitfolgen zeigen sich dann, wenn ein Land die Gläubiger im Regen stehen lässt.

Der Sonderfall Griechenland

Wie verschiedene Experten betonen, können die historischen Beispiele nur bedingt als Richtschnur für Griechenland dienen. Das Land gehört – anders als die meisten anderen Beispiele – zu den entwickelten Staaten und es hat keine unabhängige Währung. Deren Abwertung war immer eine Möglichkeit, über Exporte zu neuen Einnahmen zu kommen. Fraglich bleibt ausserdem, welche Folgen der Bankrott für andere gefährdete Staaten der Eurozone haben würde, etwa für Spanien oder Portugal. Eine Besonderheit ist auch die aktuelle weltwirtschaftliche Situation. Staatsfinanzen sind überall knapp, Banken leiden generell an einer schwachen Bilanz. Grössere Abschreiber auf griechischen Schulden beinhalten daher Sprengpotenzial weit über Griechenland hinaus.

Der Sorge um eine erneute Bankenkrise in Griechenland und im Euroraum widmet sich ein Artikel in der «New York Times» vom Dienstag, wo grundsätzlich zu einem Bankrott geraten wird. Dieser müsse allerdings über Verhandlungen mit den Gläubigern «limitiert» erfolgen. Um die griechischen Banken funktionsfähig zu halten, müsste deren Fremdkapital in Eigenkapital der Gläubiger gewandelt und die Banken allenfalls an ausländische gesunde Finanzinstitute verkauft werden. Durch Abschreiber gefährdete Banken im Euroraum seien auf Unterstützung durch ihre Regierungen angewiesen. Das sei zwar unpopulär, aber den Wählern noch immer besser zu verkaufen als eine direkte finanzielle Unterstützung der griechischen Regierung.

Kein Austritt aus der Eurozone

Auch die Frage, ob ein Staatsbankrott Griechenlands automatisch den Austritt des Landes aus der europäischen Währungsunion zur Folge hätte, wird intensiv debattiert. Schon im Januar hat Willem Buiter – noch bevor er den Posten als Chefökonom der Citigroup angetreten hat – argumentiert, dass dies weder im Interesse der Griechen, noch ein wahrscheinliches Szenario sei. Eine wieder eingeführte Drachme würde sehr schwach sein, die auf Euro lautenden Schulden würden nach einer Restrukturierung deshalb in der neuen Landeswährung viel stärker ins Gewicht fallen. Die Schuldzinsen würden förmlich explodieren. Buiter argumentiert, dass die Kapitalmärkte durchaus mit der Möglichkeit von Bankrotten einzelner Euro-Mitglieder rechnen. Das zeigen die unterschiedlich hohen Risikoprämien in den Schuldzinsen an. Würde die Ansicht vorherrschen, ein Griechenlandbankrott gefährde die gesamte Eurozone, müssten überall die Zinsen im Gleichschritt mit jenen von Griechenland ansteigen. Das tun sie nicht.

Dass sich die Lage für andere finanziell schwer angeschlagene Länder der Eurozone nach einem Bankrott Griechenlands verschärfen könnte, bezweifelt kaum jemand. Immerhin wird auch beruhigend vermerkt, dass Spanien oder Portugal der Krise entrinnen werden, wenn sie tatsächlich besser dran sind als Griechenland. Ansonsten sei auch in diesem Fall ein geordneter Bankrott die bessere Lösung.

«Schnallt euch besser an»

Genau lassen sich die Folgen eines griechischen Staatsbankrotts nicht voraussehen. Die von immer mehr Marktbeobachtern angestellten Überlegungen machen aber klar, dass dieser Ausgang zunehmend für wahrscheinlich gehalten wird. Ein Bankrott könnte sich vielleicht sogar als die beste Lösung unter den gegebenen Umständen erweisen. Doch ganz schmerzlos wird der Prozess selbst in diesem besten Fall nicht ablaufen. «Tighten your seat belts», «schnallt euch besser an», empfiehlt daher Mohamed El-Erian in Bezug auf die weitere Entwicklung der Griechenlandkrise. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.04.2010, 10:31 Uhr

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32 Kommentare

Miya Xu

09.04.2010, 12:35 Uhr
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Angesichts der wirtschaftlichen Verflechtungen und der Tatsache, dass viele Banken Ländern wie Griechenland aus eigener Profitsucht Kredite vergeben haben, wäre ein Staatsbankrott von Griechenland lediglich einer von vielen Dominosteinen, die ins Fallen kommen. Büssen wird der "kleine Mann"; entweder mit Arbeitslosigkeit, wenn die Wirtschaft weiter ins Wanken gerät, oder mit Verlust des Vermögens. Antworten


Hanspeter Buehler

09.04.2010, 10:49 Uhr
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Jede Institution die nicht von sich aus überlebensfähig ist, auch ein Staat oder eine Grossbank, sollte fallengelassen werden können. Und das funktioniert auch, aber die Lobbys derjenigen die sich dagegen sträuben sind stark. Diese handeln aus Selbstinteressen. Im Fall der Grossbanken sind gewisse wissenschaftliche Studien die dieser These zustimmen massiv unter Druck gesetzt worden. Antworten




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