Ausland
«Gebt den Nobelpreis zurück»
Von Bruno Kaufmann, Oslo. Aktualisiert am 13.10.2012 88 Kommentare
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Noch selten ist die Bekanntgabe eines Friedensnobelpreises nur mit Zustimmung begleitet worden. Unabhängig davon, ob es sich beim Preisträger um eine iranische Frauenrechtlerin oder einen amerikanischen Präsidenten handelte, zeigten sich die meisten Norwegerinnen und Norweger letztlich aber stolz darüber, dass ein fünfköpfiges Komitee aus ihrem abgelegenen Land einmal pro Jahr die weltweiten Schlagzeilen dominiert.
Nach der am Freitag bekannt gegebenen Verleihung des Preises an die Europäische Union wurden jedoch ganz andere Töne angeschlagen: «Gebt den Preis an die Schweden zurück», forderte ein linker Osloer Lokalpolitiker, der sich «beschämt und erniedrigt» zeigte. Der Grund: Kein anderes Thema besitzt in Norwegen seit dem Zweiten Weltkrieg eine derart grosse politische Sprengkraft wie das Verhältnis zu Europa.
Tanz auf mehreren Hochzeiten
Deshalb mochten sich viele eingeschworene EU-Gegner am Freitag auch gar nicht mit der Begründung des Nobelkomitees auseinandersetzen, laut welcher der Integrationsprozess in den «letzten sechzig Jahren entscheidend zu Frieden und Demokratie» in Europa beigetragen habe, sondern schossen sich sogleich auf den Komiteevorsitzenden Thorbjörn Jagland ein: Dieser habe den «Friedensnobelpreis missbraucht». Tatsächlich tanzt Jagland auf mehreren Hochzeiten: Als früherer sozialdemokratischer Premier hat er sich stets für den Beitritt seines Landes zur EU starkgemacht. Heute befasst er sich als Generalsekretär des Europarats namentlich mit europäischen Demokratiefragen.
Die gestrige Bekanntgabe wurde zudem von unschönen Vorkommnissen begleitet, die die Debatte und Proteste in Norwegen weiter anheizten: So soll die einzige klare EU-Gegnerin im Nobelkomitee an der entscheidenden Sitzung gefehlt haben. Auch ehemalige Weggefährten Jaglands wie der Staatsrechtler Eivind Smith forderten gestern Abend den Komiteevorsitzenden auf, sein Amt aufzugeben: «Die doppelten Rollen sind unglücklich für das Ansehen des Friedensnobelpreises», sagte Smith.
«Verbrüderung der Völker»
Verschiedene Kommentatoren erinnerten am Freitag an die Verleihung des Friedensnobelpreises an den damaligen westdeutschen Bundeskanzler Willy Brandt im Jahre 1971: Ein Jahr vor der ersten (von bislang) zwei Volksabstimmungen zur EU empfanden viele norwegische Europagegner diesen Entscheid schon fast als eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten – und boykottierten damals die Feierlichkeiten im Osloer Rathaus.
So weit dürfte es in diesem Jahr nicht kommen: Denn derzeit steht die Beitrittsfrage im ölreichen nordischen Land weit unten auf der politischen Tagesordnung. Das hat nicht zuletzt mit der unterdessen gesetzlich festgeschriebenen Unbeweglichkeit Norwegens in der EU-Frage zu tun. So kann schon ein Fünftel des nationalen Parlaments die Einreichung eines Beitrittsgesuches verhindern. Umgekehrt verfügen die norwegischen Bürger im Unterschied etwa zu den Schweizern über kein Recht, mittels Volksinitiative eine Frage zur Abstimmung zu bringen. Der norwegische Weltpolitiker Jagland mag in dieser blockierten Situation eine Chance gesehen haben, die grenzüberschreitende Demokratie zu würdigen, die – ganz im Sinne des Preisstifters Alfred Nobel – zur «Verbrüderung der Völker» beigetragen hat. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 13.10.2012, 07:40 Uhr
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88 Kommentare
Wie lange es wohl dauern wird, bis man diesen Fehler erkennt...???
Man frage die einfachen Bürger der EU-Staaten, die Bauern, den einfachen Arbeiter.
Wieviel Schaden die EU anrichtet(e), wird leider noch immer nicht verstanden.
Der Friedensnobelpreis verkommt zum Schiessbudenlorbeer.
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