Geheimdienste kennen Schlepper-Netzwerke

Banden, Milizen, Bootsplätze, Ablegehäfen und die Handynummern der Bosse: Lässt sich mit diesem Wissen die Flüchtlingskatastrophe bekämpfen?

Bis zu 1000 Euro pro Person kostet ein Platz in einem der Boote: Flüchtlinge aus Nordafrika auf ihrem Weg Richtung Lampedusa. Foto: Goulio Poscitelli (Contrasto)

Bis zu 1000 Euro pro Person kostet ein Platz in einem der Boote: Flüchtlinge aus Nordafrika auf ihrem Weg Richtung Lampedusa. Foto: Goulio Poscitelli (Contrasto)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Gewisse Zahlen sind so ungeheuerlich, dass sie die Kategorien des Denkens sprengen. 700, vielleicht sogar mehr als 900 Menschen ertranken am Wochenende auf ihrer Flucht nach Europa im Mittelmeer, nur sechzig Seemeilen vor der libyschen Küste. Eingepfercht, gefangen auf einem übervollen, gekenterten Boot. Wie viele es genau waren, wird man wohl nie erfahren. Wahrscheinlich wird auch ihre Identität und ihre Herkunft nie bekannt werden.

Die Schlepper hatten die Flüchtlinge mit Waffen an Bord gedrängt, viele von ihnen unter Deck, in den Bauch des Schiffes, und ­haben dann die Türe zum Laderaum ­abgeriegelt. Einer der wenigen Überlebenden erzählte nach seiner Rettung: «Es war klar, dass es nicht genügend Platz für uns alle gab.» Es seien auch 40 oder 50 Kinder an Bord gewesen und 200 Frauen, 950 Menschen insgesamt.

Als die Hilfsschiffe am Unglücksort ankamen, war alles ruhig, still. Das Mittelmeer ist besonders tief an jener Stelle. Es hatte die Flüchtlinge verschlungen, so viele auf einmal wie nie zuvor. Nur 28 überlebten. Der Schriftsteller Claudio Magris schreibt im «Corriere della Sera» von einem «Crescendo des Horrors», dem man beiwohne, Tag für Tag.

Auch diese Formel drückt vor allem die Ohnmacht über die Ungeheuerlichkeit aus. Und die vermeintliche Ohnmacht im Umgang mit dem Phänomen der Flucht, der Tragödien, der kriminellen Banden, von dem man annimmt, dass es in den nächsten Monaten noch viel massiver werden würde. Ohne dass sich eine Politik abzeichnete, die dem Drama ein Ende setzen könnte. «Das Meer», sagt Italiens Premier Matteo Renzi, «ist eine hässliche Bestie. Militärisch werden wir sie nie ganz kontrollieren können.» Aber wenigstens besser, um weitere Katastrophen zu verhindern?

Punktuelle Einsätze

Italien klagt seit geraumer Zeit, dass die Partnerstaaten in Europa es mit der ­Verwaltung des Flüchtlingsstroms allein lasse. Und dass dieser Strom so lange nicht abnehmen werde, als Libyen, wo die meisten Schaluppen der Verzweiflung ablegen, im politischen Chaos und in Anarchie versinke, seine Küsten nicht kontrolliere, die Menschenschmuggler fast frei gewähren lasse.

An eine schnelle Stabilisierung Li­byens glaubt niemand. Zu fruchtlos verliefen die internationalen Vermittlungen für die Einsetzung einer Regierung der nationalen Einheit. Deshalb fordert die italienische Regierung die internationale Gemeinschaft nun dazu auf, möglichst schnell alles daran zu setzen, die Schlepper zu bekämpfen, sie an ihrem skrupellosen Treiben zu hindern. Die Rede ist von punktuellen Einsätzen der Marine gegen deren Netz und deren Transportmittel, um das Geschäft zu zerstören und weitere Tragödien zu unterbinden. Schlepperbanden, sagen die Italiener, seien wie die Mafia. Und damit kennt man sich schliesslich aus.

Wie genau der rechtliche Rahmen für eine solche Intervention aussähe, ist noch nicht klar. Eine militärische Aktion im eigentlichen Sinn scheint ausgeschlossen, weil sonst Libyen seine Souveränität verletzt sähe. Wahrscheinlicher sind gezielte Schläge gegen die Banden, vielleicht auch die Zerstörung der Boote, die da in den Häfen liegen. Renzi telefoniert mit allen europäischen Hauptstädten, wirbt für den Plan. Letzte Woche war er dafür bei Barack Obama. Am Liebsten wäre es Italien und dem kleinen Malta, das geografisch ähnlich exponiert ist wie das Nachbarland, wenn die Operation eingebettet wäre in ein Mandat den Vereinten Nationen und unterstützt würde von der EU.

Glaubt man den italienischen Zeitungen, dann wissen die nationalen Geheimdienste genau Bescheid über die Banden und Milizen, über deren Köpfe und Komplizen im Ausland, über die Bootsplätze und Ablegehäfen im Westen Libyens, zwischen Zuwara und Zawiya, zwischen Khoms und Misrata. Offenbar geht das Wissen so weit, dass die Italiener über die Handynummern der Bosse verfügen. Und mit jeder Razzia unter den Verbindungsleuten in Italien er­fahren sie mehr.

Am Sonntag nahm die italienische Polizei auf Anordnung der Staatsanwaltschaft von Palermo 24 Personen fest, die «wie eine Reiseagentur» für Migranten gearbeitet haben soll, all inclusive gewissermassen: vom Ursprung der Flucht in Afrika oder im Nahen Osten über Libyen, Italien bis nach Deutschland, Holland, Schweden, Norwegen. Die Ermittler haben die Geldströme verfolgt. Sie verdächtigen die Gruppe, eine kriminelle Organisation gebildet zu haben, um Profit zu schlagen aus der klandestinen Einwanderung. Mafia eben. Es drohen ihnen Haftstrafen von bis zu neun Jahren.

Zur Hölle geworden

Die Staatsanwaltschaft von Palermo glaubt auch zu wissen, dass in Libyen eine Million Flüchtlinge nur darauf wartet, ihr Glück zu versuchen. Trotz allem, trotz allen Unglücks, trotz der Todes­gefahren. Weg wollen nicht nur Flüchtlinge aus Syrien, Somalia und Eritrea, die Libyen als Transitstation nutzen. Weg wollen auch Menschen aus Westafrika und Asien, die seit vielen Jahren im Land leben, vor allem als Hilfsarbeiter und Haushaltshilfen, und die seit dem Sturz des Regimes von Muammar ­al-Ghadhafi keine Arbeit mehr haben.

Libyen ist für viele zur Hölle ge­worden. Besonders prekär sollen die ­Zustände in den völlig überbelegten Auffanglagern für Flüchtlinge sein, die nach Berichten von Augenzeugen wie Haftanstalten geführt werden. Die sanitären Anlagen sollen desaströs sein, menschenunwürdig. Gewalt und Folter gehörten zur Tagesordnung. Und so ­legen die Flüchtlinge ihr Schicksal in die Hände von Schleppern, von denen sie wissen, dass ihnen nicht an ihrem Wohl gelegen ist. Nur an ihrem Geld.

Die Flucht über die Strasse von Sizilien ist die billigste, die Low-Cost-Variante auf dem Weg nach Europa. Weil sie die riskanteste ist. Und weil die Schleuser die Flüchtlinge wie Ware in viel zu kleine, oft gar nicht seetüchtige Boote zwängen. 1000 Euro kostet ein Platz im tödlichen Gedränge, Kinder zahlen weniger. Je mehr Passagiere auf ein Boot gehen, desto grösser ist der Erlös der Mafia. Die Flüchtlinge warten oft tagelang auf einen Anruf der Banden. Wenn der Ruf kommt, muss es ganz schnell gehen. Sie werden zu einem Ablegeplatz an einem verlassenen Strand gelotst, meist in der Nacht. Wer zögert, der wird mit Gewalt auf das Boot geführt. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 21.04.2015, 08:52 Uhr)

Umfrage

Flüchtlingsdramen: Würde ein europäisches Botschaftsasyl helfen?




Artikel zum Thema

Woher die Bootsflüchtlinge stammen

15'000 Menschen haben innert zehn Tagen den Weg über das Mittelmeer gewählt. Mehr...

«Es ist eine Schweinerei, dass es uns braucht»

Interview Aktivisten in ganz Europa betreiben eine Notruf-Hotline für Flüchtlinge in Seenot – das «Alarm Phone». Der Initiant des Schweizer Teams über die fehlgeleitete Flüchtlingspolitik Europas. Mehr...

Die Hoffnung der Flüchtlinge hängt an Privaten oder NGOs

Die Flüchtlingstragödie im Mittelmeer nimmt immer dramatischere Dimensionen an. Und der Sommer steht erst bevor. Italien trägt die Hauptlast und verübelt Resteuropa, dass es nicht mithilft. Mehr...

Das Immobilien-Portal für Basel und die Region

Werbung

Kommentare

Die Welt in Bildern

Hart im Nehmen: Ein Schwimmer im chinesischen Shenyang nutzt eine aufgebrochene Stelle in einem zugefrorenen See, um ein paar Längen zu absolvieren. (9. Dezember 2016)
(Bild: Sheng Li) Mehr...