Getarnte Bordelle

Von René Lenzin, Mailand. Aktualisiert am 02.09.2010 13 Kommentare

In Italien sind Bordelle verboten. Stattdessen boomen in Mailand die «Wohlfühlzentren». Nun ist eines aufgeflogen, weil ein regelmässiger Kunde Anzeige erstattete – um seine Ehe zu retten.

Gibt sich in Mailand gerne als «Centro di benessere» aus: Bordell.

Im Parterre wird massiert, und im Obergeschoss gibts die Extras – dieses Geschäftsmodell scheint in Mailand besonders gut zu florieren. Allein in diesem Jahr sind in der italienischen Wirtschaftsmetropole fast 100 neue Massagesalons eröffnet worden. Deren Zahl ist von 20 im Jahre 2000 auf inzwischen 370 angestiegen. «Centri di benessere», Wohlfühlzentren, nennen sie sich. Die Behörden gehen jedoch davon aus, dass es sich bei den meisten um in Italien verbotene Bordelle handelt.

Zumindest in einem Fall hat sich diese Vermutung bestätigt. Ein 35-jähriger Mailänder hat die Betreiberin eines solchen Salons angezeigt. Als die Polizei einen Augenschein vor Ort nahm, erwischte sie eine rumänische «Masseuse», die einem Kunden gerade die besagten Extras für 100 Euro feilbot.

Anzeige zur Rettung einer Ehe

«Gönne dir eine Stunde Entspannung, und entdecke fantastische Emotionen», lautete der eindeutig-zweideutige Werbeslogan des Salons im Internet. Nun ist der Laden geschlossen, und die Besitzerin, eine 33-jährige Brasilianerin, hat ein Strafverfahren wegen Ausbeutung und Förderung der Prostitution am Hals.

Die Anzeige hatte der Mann aber nicht aus Pflichtbewusstsein oder wegen moralischer Bedenken eingereicht, sondern schlicht, um seine Ehe zu retten.

Machtlose Behörden

Nach einer Kontrolle seines Handys war ihm seine Frau nämlich auf die Schliche gekommen, hatte entdeckt, dass er selber zu den regelmässigen Kunden des Etablissements gehört hatte – im Obergeschoss und nicht im Parterre, wie sich wohl versteht. Zunächst drohte ihm seine Frau mit der Scheidung. Unter der Bedingung, dass er seinen Lebenswandel ändert und das Bordell hochgehen lässt, war sie aber schliesslich bereit, ihm zu verzeihen.

Gegen die Eröffnung von Massagesalons können die Behörden nichts unternehmen. Seit die persönlichen Dienstleistungen in Italien liberalisiert sind, gibt es weder Bewilligungspflichten noch Beschränkungen bezüglich Öffnungszeiten. Eingreifen kann die Polizei nur, wenn sie die illegalen Extras nachweisen kann – das heisst faktisch, wenn sie eine Prostituierte auf frischer Tat ertappt. Oder wenn es sich bei den Masseusen um illegale Einwanderinnen handelt.

Ständig neue Salons

Rund ein Dutzend Salons hat die Stadt Mailand aufgrund dieser Möglichkeiten im laufenden Jahr geschlossen. Weil aber durchschnittlich jeden zweiten Tag irgendwo auf dem Stadtgebiet ein neues «Centro di benessere» aufgeht, ist das höchstens ein Tropfen auf den heissen Stein.

Die meisten der neu eröffneten Salons sind in chinesischen Händen. Die Masseusen werden dabei wie Sklavinnen gehalten, auch wenn sie tatsächlich «nur» massieren.

Chinesische Massagen an Stränden

Sie habe ihren Pass abgeben müssen und arbeite 15 Stunden am Tag, erzählte eine junge Chinesin unter Wahrung der Anonymität in der Zeitung «Corriere della Sera». Ihr Boss habe sich um Einreise und Aufenthaltsbewilligung gekümmert. 15 000 Euro habe sie dafür hinblättern müssen.

Vor zehn Jahren, so die Chinesin, sei nach Italien gekommen, wer nähen konnte. Heute müsse man die Massagetechnik beherrschen. Chinesische Masseusen bieten ihre Dienstleistungen häufig auch an Italiens Stränden an.

Diskreter als der Strich

Der Erfolg der Bordelle hängt auch mit dem Wunsch der Kunden nach Diskretion zusammen. Ein Besuch im Massagesalon gewährt mehr Anonymität als der weitverbreitete, aber eben auch öffentliche Strassenstrich. Von diesem Wunsch nach Diskretion leben auch die zahlreichen Tessiner Bordelle bestens. Der Grossteil ihrer Kundschaft stammt aus dem grenznahen Italien. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.09.2010, 23:04 Uhr

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13 Kommentare

Karl Springer

02.09.2010, 12:37 Uhr
Melden

Solch eine verklemmte Moral. Und das im Lande des "imperatore", des grössten Liebhabers aller Zeiten. Antworten


Paul Huber

02.09.2010, 04:54 Uhr
Melden

nun - wenn die Italienerinnen nicht "liefern" wollen - dann machen es halt die Chinesinnen - so geht es in der Natur - warum sollte hier der Staat eingreifen? Antworten



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