Ausland

Ghadhafis Bekehrungstour

Der libysche Diktator und Silvio Berlusconi feiern den zweiten Jahrestag des italo-libyschen Freundschaftspakts. Vor allem aber vertiefen sie die geschäftlichen Beziehungen.

1/10 Im Mediensturm: Silvio Berlusconi und Muammar al-Ghadhafi am Montagabend in Rom. Ghadhafis Forderung löst in Europa Empörung aus.

   

Ghadhafi will Geld von EU

Der libysche Staatschef hat von der Europäischen Union «jährlich mindestens fünf Milliarden Euro» für den Kampf gegen illegale Einwanderer aus Afrika gefordert. Libyen sei das Eingangstor der «unerwünschten Immigration», die könne nur an den Grenzen seines Landes gestoppt werden, sagte Ghadhafi am Montagabend in Rom. Es liege deshalb ganz im Interesse Europas, auf seine Forderungen einzugehen, «sonst kann es schon morgen zu einem zweiten Afrika werden,» sagte er weiter.

Ghadhafi versicherte, seine Forderung werde auch von Italien unterstützt. Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi an Gaddafis Seite ging auf die Äusserungen seines Gastes nicht ein.

Anlass für Ghadhafis Rom-Besuch war der zweite Jahrestag der Unterzeichnung des Freundschaftsabkommens zwischen beiden Ländern. Italien hatte Libyen als Entschädigung für die Kolonialzeit mehrere Milliarden Euro in Form von Projektinvestitionen zugesagt. Das nordafrikanische Land verpflichtete sich im Gegenzug, die Weiterreise von Flüchtlingen über das Mittelmeer nach Italien zu verhindern. (sda)

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Libyens Staatschef Muammar al-Ghadhafi sieht sich gerne von Frauen umgeben – vor allem von libyschen und italienischen, wie es scheint. Sorgsam bewacht von seiner weiblichen Leibgarde, landete er dieser Tage in Rom, wo er als Erstes einen vom libyschen Fernsehen übertragenen Auftritt vor 500 ausgewählten Italienerinnen absolvierte. Er berichtete ihnen von den Vorzügen des Islam, rief sie auf, sich zu dieser Religion zu bekennen, und schenkte ihnen eine Ausgabe des Korans. «Der Islam sollte die Religion von ganz Europa werden», sagte Ghadhafi zu den jungen Frauen, die eine Agentur für eine Tagesgage von 80 Euro angeheuert hatte.

Ghadhafis Show, die er bereits bei seinem letzten Besuch in Italien abgezogen hatte, löste erboste Reaktionen aus. Die ohnehin wenig islamfreundliche Lega Nord beschwerte sich über die Bekehrungsversuche auf christlichem Territorium. Rosy Bindi, Präsidentin des oppositionellen Partito democratico, sah die Würde der italienischen Frauen herabgesetzt. Und die «Finiani», die Anhänger von Berlusconis regierungsinternem Rivalen Gianfranco Fini, beklagten, Italien werde langsam, aber sicher zu «Ghadhafis Disneyland». Nur einer liess sich nicht beirren, nämlich der italienische Ministerpräsident und Gastgeber Silvio Berlusconi. Das sei doch alles nur Folklore, beschwichtigte er.

Die Berlusconi Ghadhafi AG

Keine Folklore sind allerdings die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Ländern. Italienische Firmen – besonders aus dem Erdölsektor – gehören traditionell zu den aktivsten ausländischen Unternehmen in Libyen. Und seit Ghadhafi den Ruch des Terroristenförderers losgeworden ist, laufen die Beziehungen vermehrt auch in die andere Richtung. Bereits halten libysche Staatsfonds Beteiligungen am staatlichen Ölkonzern ENI, an der Grossbank Unicredit und am Fussballklub Juventus Turin. Investitionen in den Versicherer Generali, in Telecom Italia sowie in weitere Grosskonzerne sollen geplant sein.

Berlusconi fördere diese Investitionen, um sich mit Ghadhafis Hilfe mehr Einfluss in der italienischen Finanz- und Versicherungsbranche zu sichern, bemängeln regierungskritische Kreise. Der Einstieg Ghadhafis bei Unicredit sei das «trojanische Pferd», mit dem Berlusconi Eintritt in jene Kreise erhalte, die wichtige Unternehmen wie etwa die RCS-Gruppe als Herausgeberin des «Corriere della Sera» kontrollierten, schrieb die linksliberale Zeitung «La Repubblica». Andere sehen es weniger dramatisch. Dank seinen guten Beziehungen zu vielen ausländischen Politikern gelinge es Berlusconi immer wieder, Türen für die italienische Wirtschaft zu öffnen, sagte der frühere Botschafter und heutige Publizist Sergio Romano kürzlich.

Milliardenentschädigung

Tatsache ist, dass Italien und Libyen traditionell enge Wirtschaftsbeziehungen unterhalten und dass auch die Regierungen vor Berlusconi gerne mit Tripolis geschäfteten. Dies zu Zeiten, als der libysche Diktator international noch geächtet war. Tatsache ist aber auch, dass sich diese Beziehungen unter Berlusconi intensiviert haben und dass der italienische Premier den libyschen Diktator hofiert wie noch kaum ein anderer westlicher Regierungschef vor ihm.

Anlass des bereits vierten Besuchs Ghadhafis in Rom in nur zwölf Monaten ist der zweite Jahrestag des Freundschaftspakts, den er am 30. August 2008 mit Berlusconi unterzeichnet hatte. Darin entschuldigte sich Italien für die Gräuel seiner Kolonialherrschaft in Libyen und sicherte eine Entschädigung von 5 Milliarden Euro zu – verteilt auf 20 Tranchen zu je 250 Millionen, mit denen eine Autobahn erstellt werden soll. Zudem hat sich Italien verpflichtet, ein Spital für die Opfer des Kolonialismus zu finanzieren. Im Gegenzug versprach Ghadhafi, den Strom afrikanischer und asiatischer Flüchtlinge von Libyen nach der Mittelmeerinsel Lampedusa zu unterbinden.

Keine Boatpeople mehr in Lampedusa und Aufträge für italienische Unternehmen, frohlockte Berlusconi damals. Inzwischen haben die Flüchtlinge jedoch andere Routen entdeckt, um nach Italien zu gelangen. Und an Aufträgen für italienische Firmen ist bisher noch nicht viel hereingekommen. Der Bau der Autobahn sei noch weit entfernt, und die Gesuche für staatlich geförderte Privatinvestitionen in Libyen beliefen sich auf gerade mal 1,7 Millionen Euro, rechnete der «Corriere della Sera» vor. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.08.2010, 21:47 Uhr

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20 Kommentare

Max Weber

01.09.2010, 11:27 Uhr
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Vor dem Bekehren sollten die Damen noch bedenken, dass der Austritt nicht mehr möglich ist. d.h. die Abtrünnigen werden mit Tode bestraft. Antworten


Jürg Bühler

31.08.2010, 17:42 Uhr
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Dürfen wir nun auch in Lybien den Leuten das Christentum anbieten? Oder nur wenn wir über eine Agentur Lybische Models engagieren für einen Tag? Antworten


Hans Iseli

31.08.2010, 17:33 Uhr
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Wenn auch alle Kommentatoren an sich recht haben: die Italiener ticken anders. Die lassen sich nicht über den Tisch ziehen, und am Schluss funktioniert es trotzdem. Und alle wundern sich. Siehe ihre Schlitzohr-Politik gegenüber der EU. Es sind Ueberlebenskünstler ersten Ranges! Bei aller berechtigten moralischen Kritik: irgendwie sympathisch! Antworten


Rolf Baumann

31.08.2010, 16:32 Uhr
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@Senn: Das hat nichts mit Ehre und Würde zu tun, sondern mit dem italienischen Wirtschaftssystem, wo sich junge Menschen für 80E einen Tag lang Ghaddafis Geblubber anhören, weils immer noch besser als gar nichts ist. @Dominguez: Reaktionen wie die ihre oder die der italienischen Rechtspolitiker sind genau das, was Ghaddafi damit beabsichtigt. So kann er zuhause gegen Europa weiter Wind machen. Antworten


Peter A HENZI

31.08.2010, 16:08 Uhr
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Und da wird Herr Sarazin kritisiert, obwohl er Recht hat! Wir werden immer mehr von diesen "Leuten " unterwandert! Antworten


Marki Basler

31.08.2010, 13:49 Uhr
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So jetzt hat auch der Berlusconi sein Problem, das er sicher nicht so schnell los wird. Ob er es gemerkt hat?? Vermutlich nicht. Die EU wird im dann schon zur Seite stehen..... Antworten


Alexander Dominguez

31.08.2010, 13:15 Uhr
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Das alte Lied. Die Muslime tanzen uns immer mehr auf der Nase rum. Stellen Sie sich mal vor, ein Bundesrat würde in Lybien oder einem anderen islamischen Land muslimische Frauen einladen, diesen vom Christentum vorschwärmen und ihnen eine Bibel als Geschenk geben. Der Sturm in der islamischen Welt wäre grenzenlos und der Bundesrat würde wohl gelyncht werden. Noch Fragen ? Antworten


Otto Fankhauser

31.08.2010, 12:21 Uhr
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Eines muss man dem Mann lassen, für einen Kameltreiber weiss er die Situation jedes mal zu nutzen. England entlässt einen Likerbie Attentäter frei damit BP besseren Zugang zu Lybien hat. Italien zahlt weil es günstiger ist die Flüchtlinge in Lybien zurückzuweisen als erst in Lampedusa Als Erpressung eignen sich Flüchtlinge auch in Zukunft. Europa schaut zu und ist blockiert. Antworten


ruth leemann

31.08.2010, 12:02 Uhr
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Italiens Präsident Berlusconi von Italien, lässt sich von Cadafi kaufen, dieser Mann wird langsam für die Welt langsam gefährlich. Antworten


Kurt Aegeri

31.08.2010, 11:41 Uhr
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Berlusconi - Mussolini - kein wirklich allzu grosser Unterschied mehr. Selten wurde ein Land derart in den Schmutz gezogen, wie zur Zeit Italien. Und dies durch den eigenen Präsidenten, der vor allem und in erster Linie seine eigenen Interessen verfolgt. Wann endlich wacht Italien auf und wann endlich begreift es, dass es so nicht weitergehen sollte? Antworten


Hans Müller

31.08.2010, 11:09 Uhr
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Da Ghadhafi die Hand hochhält und seine Handinnenfläche sehr, sehr deutlich zu sehen ist, wird uns ein gewiefter Handleser aufgrund aller seiner markanten Linien ganz bestimmt sagen können was wir von ihm und vor allem wie lange noch erwarten können oder müssen! Antworten


cristiano safado

31.08.2010, 10:03 Uhr
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Drei Italienerinnen wurden angeblich zum Islam bekehrt. Ein inszenierter politischer Gag zur Huldigung Ghadaffis? Es würde mich nicht wundern, wenn die drei die Burka bereits an der nächsten Cafeteria um die Ecke wieder gegen den Minirock ausgetauscht hätten. Und die geschenkten Korane? Nun ja, die verteilt vielleicht Berlusconi bei der nächsten Parlamentsdebatte an die Vertreter der Lega-Nord. Antworten


Edy Gerber

31.08.2010, 09:53 Uhr
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Gaddhafi hat einmal mehr seinen Gastgeber rücksichtslos über den Tisch gezogen. Geschieht Italien völlig recht: Wer sich solche Freunde aussucht, bestraft sich gleich selber. Antworten


Gerhard Engler

31.08.2010, 09:24 Uhr
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@ Joe Lang: Was wäre wohl passiert, wenn ein Moslem so etwas im franquistischen Spanien versucht hätte? Es liegt wohl kaum am Christentum oder am Islam, ob so etwas toleriert wird, sondern am politischen System. Italien ist nun mal eine Demokratie und Libyen eine von Europa gehätschelte Diktatur. Antworten


cristiano safado

31.08.2010, 09:13 Uhr
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Es darf darüber gerätselt werden, inwieweit das Verhältnis Berlusconi/Ghadaffi auch bei weniger offiziellen Beziehungen spielen. Vielleicht wird Libyen eines Tages Berlusconis Asylland sein, wenn all die Strafverfahren gegen ihn doch noch durchgesetzt werden können. Für die Schweiz zumindest bleibt Berlusconis unrühmliche Spiel im Zusammenhang mit der Geiselbefreiung Göldi/Hamdani in Erinnerung. Antworten


Martin Senn

31.08.2010, 08:56 Uhr
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Besitzen diese Models auch so etwas wie Ehre und Gewissen? Sich an diesem Strolchen - Treff für 80 Euro für einen Diktator und Mörder zu prostituiren zeugt wahrlich nicht davon! Antworten


Thom Weidmann

31.08.2010, 08:54 Uhr
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Ghadhafi ist ein legaler Terrorist. Schon immer gewesen. Lockerbie-Absturz, Bombenanschlag auf die Berliner Disco "La Belle". Mit unglaublicher Arroganz begent ist er doch nicht mehr als ein Despot, dem gleichen Mammon untertan wie die EU-Staatschefs die meinen ihn hätscheln und zu pflegen zu müssen. Ohne diese lieben Politiker & dem lybischen Oel wäre dieser Mensch sehr isoliert. Antworten


Heidy Nussbaumer

31.08.2010, 08:30 Uhr
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Berlusconi vor den Wahlen hat sich als Verteidiger gegen den kommunistischen Ansturm stark gemacht.Und auch als ein Premier fuer die christlichen Werte.Die Kirche hat ihm freies Spiel gegeben auch wegen seiner Finanzpolitik da sie einige Vorteile fuer den Vatikan hat.Und auch jetzt mit dem Theater mit Ghadafi ausser einzelnen Stimmen ist der Vatikan ziemlich ruhig. Geld stinkt nicht. (Leider) Antworten


Joe Lang

31.08.2010, 07:37 Uhr
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Was würde passieren, wenn jemand nach Libyen reisen und dort das Christentum verbreiten wollte? Wie lange würde er wohl die Folter überleben?! Antworten


Reto Huber

31.08.2010, 07:00 Uhr
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Die Italiener waren ja nie allzu gut mit diesen Eigenschaften bestückt, aber mittlerweile haben sie Ehrgefühl und Würde komplett verloren. Italien war nie ein zuverlässiger Bündnispartner und wechselte gegebenenfalls immer die Front wenn der eigene Profit gefährdet erschien. Aber dass die mitterlweile mit einem Terroristenfürsten und Feind der Schweiz zusammenarbeiten sollte zu KOnsequenzen führen Antworten



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