Ausland
Grosspapa Stalin wäre stolz auf ihn
Von David Nauer. Aktualisiert am 16.10.2009 2 Kommentare
Darf man in Russland schreiben, der Sowjetdiktator Stalin sei ein «blutrünstiger Menschenfresser» gewesen? Ja, man darf, hat soeben ein Moskauer Stadtgericht entschieden.
Das Urteil ist der vorläufige Schlussakkord in einem skurrilen, manche finden: unheimlichen Prozess. Auf der Anklagebank sass die Oppositionszeitung «Nowaja Gaseta», bekannt als letzter Hort der Pressefreiheit im modernen Russland. Geklagt hatte Jewgeni Dschugaschwili, 75, Oberst im Ruhestand – und Enkel des Josef Stalin.
«Ehre und Würde» besudelt
Kläger Dschugaschwili behauptete, ein Artikel der Zeitung habe die «Ehre und Würde» des Generalissimus besudelt. Der rüstige Rentner forderte 10 Millionen Rubel Schadenersatz, umgerechnet rund 330'000 Franken. Zudem müsse sich das Blatt von gewissen Aussagen über den Ex-Kremlchef distanzieren.
Der umstrittene Text war im April in einem Sonderbund mit dem Titel «Die Wahrheit über den Gulag» erschienen. Wörtlich heisst es darin unter anderem: «Stalin und die Tschekisten (so werden sowjetische Geheimdienstler bezeichnet – Red.) sind mit Blut befleckt, sie haben Verbrechen begangen, in erster Linie gegen das eigene Volk.»
Äusserlich und ideell ähnlich
Dschugaschwili wollte das nicht so stehen lassen, denn er teilt mit seinem berühmten Grossvater nicht nur eine äusserliche Ähnlichkeit: Schnurrbart, markante Nase, buschige Brauen. Er fühlt sich auch ideell mit ihm verbunden. Bereits früher verklärte Dschugaschwili die Stalin-Zeit als «die strahlendste Periode, die unser Land je durchlebt hat». Unter seinem Grossvater habe der Rubel mehr Wert gehabt als der US-Dollar, es habe Ordnung geherrscht, bemerkte er auch.
Vor Gericht spielte Dschugaschwili die Rolle seines Ahnen freilich herunter. Stalin habe keine Repressionen gegen unschuldige Menschen befohlen, sagte ein Anwalt der Familie. Er sei ein «einfaches Mitglied» der sowjetischen Führung gewesen. Gegen die anderen Parteikader hätte er sich allein niemals durchsetzen können.
Klage abgelehnt
Das Gericht lehnte die Klage dennoch ab. Die Begründung soll später veröffentlicht werden. Im Gerichtssaal kam es zu tumultartigen Szenen. Unterstützer der «Nowaja Gaseta» klatschten vor Freude. Menschenrechtler Nikita Petrow sprach von einem «Sieg der Vernunft». Die Gegenseite, vertreten durch zahlreiche Veteranen, rief laut «Schande».
Dabei ist historisch gesehen die Sache eigentlich klar. Längst ist nachgewiesen, dass Stalin die Verantwortung trägt für zahllose Opfer seiner Herrschaft. Millionen Menschen darbten in Straflagern, wurden ohne Prozess erschossen oder in den Hungertod getrieben.
Erinnerungslücke übergepinselt
Doch die russische Öffentlichkeit blendet diese unangenehmen Tatsachen gerne aus und überpinselt die Erinnerungslücke mit einem Kult um den Sieg im Zweiten Weltkrieg. Massenmörder Stalin wird inzwischen wieder als genialer Feldherr gerühmt, und seine Opfer werden abgetan als Kollateralschaden auf dem Weg zur Weltmacht.
Die staatliche Propaganda fördert diese Haltung nach Kräften. Premierminister Wladimir Putin etwa hält den Zusammenbruch der Sowjetunion für die «grösste geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts». Die Kreml-Partei Einiges Russland hat jüngst ein Gesetz gegen «Geschichtsfälschung» durchgepeitscht. Demnach droht jedem ein Strafverfahren, der den Sieg der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg anschwärzt.
Von diesem Zeitgeist fühlt sich Jewgeni Dschugaschwili offenbar getragen. Er überlegt, ob er gegen den Entscheid des Moskauer Stadtgerichts Berufung einlegt. So viel Kampfgeist! Grosspapa Stalin wäre wohl stolz auf seinen wackeren Nachfahren. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 16.10.2009, 04:00 Uhr
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2 Kommentare
Als Sekschüler habe ich im 1945 mit Begeisterung einen Vortrag gehalten:"Wie Stahlin wurde". Der Lehrer, ein Historiker, gab damals wenig Zweifel über meinen Inhalt. Ich tat es als von den SS im Zollhaus 1939-1943 bedrohter Schüler und freute mich ab 1942 an jeder Niederlage der Nazi- Armee, im Atlas verfolgt. Heute weiss ich, Stahlin war ein Millionenmörder, damals in diesem Masse nicht bekannt. Antworten
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