Ausland

Guttenberg düpiert auch Merkel

Von Birgit Baumann. Aktualisiert am 19.02.2011 14 Kommentare

Der deutsche Verteidigungsminister hat seinen Doktortitel niedergelegt. Doch seine Selbstverteidigung endete in einem Eklat.

Weiss zu täuschen: Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg.

Weiss zu täuschen: Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg.
Bild: Keystone, AP

Zwei Drittel gegen Rücktritt Guttenbergs

Gut zwei Drittel der Deutschen sind der Ansicht, dass Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) im Amt bleiben soll, obwohl er offensichtlich Passagen seiner Doktorarbeit nicht als Zitat gekennzeichnet hat. In einer Emnid-Umfrage für das Nachrichtenmagazin «Focus» sprachen sich lediglich 27 Prozent für einen Rücktritt aus. Fünf Prozent machten keine Angaben.

Das Meinungsforschungsinstitut Emnid befragte dazu am Mittwoch und Donnerstag (16./17. Februar) dieser Woche 1000 repräsentativ ausgewählte Bundesbürger. (dapd)

Artikel zum Thema

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

Sagt er was? Und wann? Wo? Am Freitagvormittag hat die Hauptstadtpresse in Berlin nur eines interessiert: wann und wie der deutsche Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) seine angekündigte Erklärung abgibt. Die Vorwürfe, er habe Teile seiner Doktorarbeit abgeschrieben, ohne richtig zu zitieren, werden immer massiver. Im Internet finden sich bereits 80 derartige Passagen.

Gut, dass dann um halb zwölf die Regierungspressekonferenz beginnt. Bei dieser stehen die Sprecher der Ministerien den Journalisten regelmässig Rede und Antwort. Natürlich kommt Guttenbergs Sprecher, Steffen Moritz, als Erster zu Wort. Was er mitzuteilen hat, löst Buhrufe aus. Guttenberg gebe in diesen Minuten «einigen ausgewählten Journalisten» im Ministerium eine Erklärung. «Ich bin baff, dass der Minister so ein Feigling ist und sich hier keinen Fragen stellt», ruft Dieter Wonka von der «Leipziger Volkszeitung», einer der kritischsten Journalisten in Berlin. Die Kollegenschaft applaudiert ihm, dann verlässt sie aus Protest den Saal – ein noch nie da gewesener Vorgang.

«Selbst am unglücklichsten»

Ein paar Hundert Meter weiter südlich, im Verteidigungsministerium, bekommen einige wenige Reporter, die seit den frühen Morgenstunden vor dem Tor standen, den Minister hingegen leibhaftig zu sehen. Sichtlich genervt erklärt Guttenberg: «Meine von mir verfasste Dissertation ist kein Plagiat. Sie enthält fraglos Fehler. Und über jeden einzelnen dieser Fehler bin ich selbst am unglücklichsten.» Doch er habe «zu keinem Zeitpunkt» der Erstellung der Arbeit «bewusst getäuscht oder bewusst die Urheberschaft einzelner Teile der Dissertation nicht kenntlich gemacht». Sollte er jemanden durch Nicht-Zitieren verletzt haben, so tue ihm das «aufrichtig leid», betont der Minister. Er teilt auch mit, dass er bis zur Klärung aller Vorwürfe durch die Universität Bayreuth seinen Doktortitel «vorläufig» ruhen lassen werde. Das sieht man zunächst auf seiner Homepage. Zu Mittag ist das «Dr.» vor seinem Namen bereits entfernt.

Zwei Strafanzeigen

Bei der Staatsanwaltschaft in Bayreuth sind mittlerweile zwei Strafanzeigen gegen den Freiherrn zu Guttenberg eingegangen. Einmal geht es um mögliche Verstösse gegen das Urheberrecht. Die andere Anzeige beinhaltet den Vorwurf der falschen eidesstattlichen Versicherung. Denn die Promotionsordnung sieht eine Erklärung des Bewerbers darüber vor, dass er seine Dissertation selbstständig verfasst.

Während die Linkspartei den Rücktritt des Ministers fordert, stärkt ihm die Union den Rücken. Kanzlerin Angela Merkel, die Guttenberg am Donnerstagabend wegen der Plagiatsaffäre ins Kanzleramt bestellt hat, lässt verlauten, sie vertraue Guttenberg. Doch der «Fall Guttenberg» macht auch Merkel zu schaffen. Bisher galt der Minister als Trumpf in ihrem teilweise recht farblosen Bundeskabinett. Seine hohen Popularitäts- und Glaubwürdigkeitswerte strahlten auch auf die Kanzlerin ab.

Die Plagiatsaffäre kommt zudem zur Unzeit für Merkel. Am Sonntag eröffnet die Bürgerschaftswahl in Hamburg das Superwahljahr. Seit Wochen befinden sich die CDU und ihr Bürgermeister Christoph Ahlhaus in Umfragen im freien Fall (siehe Artikel rechts). Guttenbergs Dissertation könnte das bürgerliche Lager noch einige Stimmen mehr kosten.

Die «Fussnoten» des Grossvaters

Ein Sieg des SPD-Spitzenkandidaten Olaf Scholz scheint gewiss. Vielleicht reicht es gar für die absolute Mehrheit. Für Merkel wird der Auftakt ins Superwahljahr also vermutlich ein Desaster – auch wenn die CDU versuchen wird, das Ergebnis der morgigen Hamburg-Wahl zum lokalen Ereignis ohne Ausstrahlung auf den Bund herunterzuspielen.

«Die CSU steht ganz eindeutig zu ihrem Minister», sagt auch CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt. Auffällig jedoch: CSU-Chef und Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer hielt sich lange zurück, bis er am Freitag erklärte: «Es muss jetzt Schluss sein mit den öffentlichen Anwürfen.» Seehofers Wiederwahl im Herbst als CSU-Chef dürfte nun wieder deutlich sicherer sein. Denn Guttenbergs Popularität hatte die seines Ziehvaters bereits weit übertroffen. Sogar von einer Kampfkandidatur der beiden um den CSU-Vorsitz war schon die Rede gewesen. Heimlich dürfte sich in Bayern auch Gesundheitsminister Markus Söder (CSU) freuen. Er gilt als zweiter Kronprinz Seehofers, stand aber zunehmend im Schatten Guttenbergs.

Und übrigens: Antiquariate vermelden verstärkte Nachfrage nach den Memoiren von Guttenbergs Grossvater Karl Theodor. Der ehemalige Staatssekretär im Bundeskanzleramt schrieb seine Erinnerungen in den Siebzigerjahren. Der Titel des Buches: «Fussnoten».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.02.2011, 06:36 Uhr

14

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

14 Kommentare

Gertrud Frey

19.02.2011, 11:21 Uhr
Melden

Deutschland schäme dich. Alle anderen auch.Was habt ihr doch keine Achtung und Respekt vor der anderen Person. Alle haben irgendwann etwas abgeschrieben und wenn es nur in Gedanken eine Rede gewesen ist. Alle Bücher haben vom Leben abgeschrieben. Alle Filme auch. Ich finde euch wiederlich alle die jetzt den Mann in den Dreck ziehen. Wer ohne Sünde ist der werfe den ersten Stein. Antworten


Matti Hoch

19.02.2011, 11:45 Uhr
Melden

Es ist schon interessant, wie gewisse Dinge fokusiert werden. Ich bin gegen Lüge und Unwahrheiten, aber im Ernst, Guttenberg wäre vielleicht auch ohne Dr. Titel Minister. Calmy hingegen hat als BR Achmadinejad hofiert und am Grab eines Terroristen u. Mörders von Juden, Arafat, offiziell einen Kranz niedergelegt! Doch das hat anscheinend niemand gebissen! Ja ja, die Masstäbe! Bitte keine Zensur!! Antworten




Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!