«Heute gibt die Politik den Waffen wieder den Vortritt»

Ex-Sowjetführer Michail Gorbatschow erhebt schwere Vorwürfe gegen die USA. Zum Mauerfall-Jubiläum reist er nach Berlin, um für Wladimir Putin zu werben.

«Welchen Sinn ergeben die Sanktionen?», fragt Michail Gorbatschow. Foto: Doris Fanconi

«Welchen Sinn ergeben die Sanktionen?», fragt Michail Gorbatschow. Foto: Doris Fanconi

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Mit welchen Gefühlen blicken Sie zurück auf den Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989?
Es war sehr schwierig, diesen Durchbruch zu schaffen, aber es war eine zwingende Etappe auf dem Weg zu Frieden und Abrüstung. Früher oder später musste die Berliner Mauer fallen. Gewiss, ohne die Perestroika und die Umwälzungen in der damaligen UdSSR wäre es nicht dazu gekommen. Europa wäre noch lange blockiert geblieben. Doch dann kam alles in Bewegung. Ohne Blutvergiessen, friedlich. Das ist den damaligen Politikern zu verdanken, die die geheimnisvolle Zutat zur friedlichen Lösung der Probleme gefunden hatten: Vertrauen. Es ist eine Zutat, die die heutigen politischen Führer der Welt untereinander wiederherstellen müssten.

Nach dem Fall der Mauer waren Sie stolz, Wegbereiter eines neuen Weltfriedens gewesen zu sein. Sie hatten grosse Hoffnungen. Heute auch noch?
Der Fall der Mauer war ein Ankunftsmoment, ein Ereignis, das uns mit seinem Tempo alle überrascht hatte. Als ich das erste Mal US-Präsident Ronald Reagan in der Schweiz traf, schien es unmöglich, eine gemeinsame Sprache zu finden. Dann fanden weitere Treffen statt, und am Ende war klar, dass selbst ein Falke und überzeugter Konservativer wie ­Reagan verstanden hatte, dass wir uns keinen Nuklearkrieg leisten konnten. So begann die Abrüstung.

Was die Mauer angeht, hat Sie ­Reagan bis zuletzt herausgefordert?
Das war seine Art. Als Schauspieler gefielen ihm imposante Phrasen. Niemand hat darauf geachtet. Das erste Signal ging vielmehr von einer Pressekonferenz aus nach den Verhandlungen mit Helmut Kohl im Sommer 1989. Damals fragte mich ein Journalist, was ich über die Mauer dachte. Ich antwortete, dass auf dieser Welt nichts von Bestand sei. Weder ich noch Kohl konnten an jenem Tag auch nur erahnen, dass wenige Monate später, am 9. November, Deutschland wieder vereint sein würde. Frankreich und Grossbritannien waren darüber nicht froh. Sie hätten es vorgezogen, die Sowjetunion und ihre Armee wären eingeschritten, um die Ereignisse aufzuhalten. Aber dann erwiesen sich alle Spitzenpolitiker jener Zeit als verantwortungsvoll und akzeptierten den Gang der Geschichte.

Was hat sich in dieser Beziehung seither geändert?
Heute stehen wir vor einem Krieg an den Grenzen Europas und in der Ukraine. Es herrscht Krieg im Nahen Osten mit dem Islamischen Staat, in Libyen, in Afrika. Die Politik gibt den Waffen wieder den Vortritt. Die Welt vergisst den Wert des Friedens.

Sind die heutigen Politiker weniger weise als jene von damals?
Ich erlaube mir keinen Vergleich. Ich sage nur, dass wir damals an eine neue Weltordnung glaubten. Die USA aber änderten ihr Verhalten sehr schnell wieder. Sie entwickelten eine neue Politik und beschlossen, die Welt von Washington aus zu regieren und das globale Machtmonopol zu beanspruchen.

Haben Sie an Obama geglaubt?
Ja, sicher. Und ich denke, dass er sehr gut verstanden hat, wie die Dinge stehen. Vielleicht hätte er sie auch ändern wollen. Aber offensichtlich ist die Macht des militärisch-industriellen Komplexes und anderer einflussreicher Kreise in den USA zu stark. Es ist immer noch Zeit, unsere Geschicke in die Hand zu nehmen. Aber wie in jenen Tagen wiederhole ich: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.

Das «europäische Haus», das Sie damals bauen wollten, wurde nie realisiert. Was war der Grund?
Wir dachten damals an ein vereintes Europa, zu dem auch Russland gehört hätte. Obwohl die EU zu jenem Zeitpunkt noch nicht zu einer solchen Erweiterung bereit war. Doch danach wurde das Konzept von Europa neu formuliert, und zwar nicht von Moskau. Wenn man heute von Europa spricht, versteht man darunter nur noch Westeuropa.

Als Sie kürzlich die Ukrainekrise kommentierten, sagten Sie, die USA seien schlimmer als Ebola. Man meinte, Wladimir Putin zu hören.
Jeder weiss genau, wie oft ich Putin bezüglich der Bürgerrechte kritisiert habe. Aber in der Ukrainefrage kann ich ihn nicht rügen. Er konnte der Krimfrage nicht ausweichen. Nicht nur aus historischen Gründen, oder weil die Halbinsel seit Hunderten von Jahren russisch ist. Nein, die Krim ist auch zum überwiegenden Teil von Russen bewohnt, nicht von russischsprachigen Ukrainern. Der Fehler geschah bei der Auflösung der UdSSR: Schon damals hätte man die Krim Russland zuschlagen müssen. Heute ist das Referendum anzuerkennen, das auf der Krim abgehalten wurde. Dessen Resultat hat keine Zweifel gelassen. Das haben alle bestätigt, die dabei waren, auch die internationalen Beobachter. Selbst wenn es schwerfällt, heute bleibt nichts anderes übrig, als die Krim als Teil Russlands in der internationalen Gemeinschaft zu akzeptieren.

Nützen die Sanktionen der Sache?
Welchen Sinn ergibt es, ein Land mit Sanktionen zu bestrafen, mit dem man gleichzeitig verhandeln will? Das ist doch absurd. Glaubt wirklich jemand, dass man mit einer Dämonisierung und Demütigung Russlands der gemeinsamen Sache dient? Der Frieden gehört allen, und wir können ihn nur gemeinsam bewahren.


Copyright «La Repubblica», Übersetzung lf.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 08.11.2014, 09:56 Uhr)

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