«Frankreich ist eine Jihadisten-Universität»

In wenigen Wochen wählt Frankreich ein neues Staatsoberhaupt. Bei der zweiten TV-Debatte traten erstmals alle elf Amtsanwärter gegeneinander an.

Eiserner Schlagabtausch: Le Pen diskutiert mit ihren Mitstreitern heftig über den Kampf gegen den Terrorismus. Video: Tamedia/AFP

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Die Frage eines möglichen EU-Austritts polarisiert den französischen Präsidentenwahlkampf. Bei der TV-Debatte am Dienstagabend griffen Bewerber von links und rechts die Europäische Union scharf an. Die Zuschauer überzeugte Jean-Luc Mélenchon am meisten.

Nach Angaben des Instituts Elabe hielten bei einer Blitzumfrage nach der Debatte rund 25 Prozent der Zuschauer Mélenchon für den überzeugendsten Kandidaten, vor Emmanuel Macron (21 Prozent), François Fillon (15 Prozent) und Marine Le Pen (11 Prozent).

Im Kampf um die Präsidentschaft behält dagegen der parteiunabhängige Macron seine Favoritenrolle. Nach Meinung der Zuschauer präsentierte der ehemalige Wirtschaftsminister in der vierstündigen Diskussion aller elf Kandidaten das beste politische Programm.

Mit der Chefin des rechtsextremen Front National Le Pen lieferte sich der 39-Jährige einen heftigen Schlagabtausch über das Streitthema Europa. Der ehemalige Investmentbanker, der einen proeuropäischen Kurs fährt, bezichtigte seine Erzrivalin am Dienstagabend im Fernsehen, Lügen zu verbreiten.

Emmanuel Macron appelliert an die Zuschauerinnen und Zuschauer. (Video: Youtube/CNews)

«Was Sie vorschlagen, ist der Nationalismus», sagte der Präsidentschaftsfavorit. «Nationalismus bedeutet Krieg.» Die Front-National-Chefin entgegnete, Macron packe «mindestens 50 Jahre alte Kamellen» aus.

«Gleiche Lügen wie der Vater»

«Nationalismus ist Krieg. Ich weiss es. Ich komme aus einer Region, die voll mit Kriegsgräbern ist», sagte Macron. Dieser stammt aus der Region Somme. Dort tobte 1916 die blutigste Schlacht des Ersten Weltkriegs. Le Pen konterte: «Sie sollten nicht vorgeben, etwas Neues zu sein, wenn man wie alte Fossilien spricht, die mindestens 50 Jahre alt sind». Macron setzte darauf hin nach: «Es tut mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen, Madame Le Pen, aber Sie sprechen dieselben Lügen aus, die wir von Ihrem Vater 40 Jahre lang gehört haben.»

Le Pen hat versprochen, den Euro in Frankreich abzuschaffen und eine Volksabstimmung über die EU-Mitgliedschaft anzusetzen. Macron diente unter dem aktuellen Präsidenten François Hollande von den Sozialisten als Wirtschaftsminister. Im August 2016 gab Macron sein Amt ab, um sich ganz dem Aufbau seiner Wahlkampagne zu widmen, die von der neuen politischen Bewegung «En Marche» getragen wird.

Die Schlussworte von Marine Le Pen. (Video: Youtube/CNews)

Neben Le Pen vertrat aber eine ganze Reihe anderer Kandidaten sehr europakritische Positionen, unter ihnen der Gaullist Nicolas Dupont-Aignan und der Rechtsnationalist François Asselineau. Linkspartei-Gründer Jean-Luc Mélenchon warb erneut dafür, die EU-Verträge neu zu verhandeln oder aufzukündigen.

In der vierstündigen Debatte wurde auch über Arbeitslosigkeit, Wirtschaftsreformen, Sicherheit und Staatsausgaben diskutiert. Dabei ging es teilweise heftig hin und her, immer wieder fielen sich die Kandidaten gegenseitig ins Wort.

«Dschihadisten-Universität»

Hitzig wurde auch über den Kampf gegen Terrorismus diskutiert. Frankreich sei eine «Dschihadisten-Universität», polterte Le Pen. «Wir müssen unsere Grenzen wiederbekommen. Denn es ist absolut unmöglich, gegen den Terrorismus zu kämpfen, wenn wir nicht wissen, wer in unser Land kommt.» Mélenchon kritisierte dagegen den seit den Terroranschlägen vom 13. November 2015 geltende Ausnahmezustand: «Wir müssen aus dem permanenten Ausnahmezustand aussteigen.»

François Fillon während der TV-Debatte. (Video: Youtube/CNews)

Die besten Aussichten, nach dem ersten Wahlgang am 23. April in die Stichwahl am 7. Mai einzuziehen, haben laut Umfragen Le Pen und Macron. Dieses direkte Duell dürfte demnach dann Macron klar für sich entscheiden. Allerdings sind fast 40 Prozent der Wähler noch unentschieden. Demoskopen weisen zudem darauf hin, dass viele Befragten nicht offen sagen wollen, für wen sie in der zweiten Runde stimmen würden. Zur letzten TV-Debatte sollen die Kandidaten am 20. April, drei Tage vor der ersten Wahlrunde, aufeinandertreffen.

Die vierstündige TV-Debatte zum Nachschauen. (Video: Youtube/CNews) (chi/chk/AFP)

Erstellt: 05.04.2017, 08:14 Uhr

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