Hunderte reisten mit Bussen zum Eternit-Prozess

Aktualisiert am 25.01.2010

Der Eternit-Strafprozess ist am Montagmorgen in Turin im Beisein Hunderter von Asbestopfern und Angehörigen wieder aufgenommen worden. Dem Schweizer Industriellen Stephan Schmidheiny droht eine Freiheitsstrafe von bis zu zwölf Jahren.

Die zweite Anhörung im Turiner Mammutprozess wegen asbestbedingter Todes- und Krankheitsfälle am Montag hat nur kurz gedauert: Nach den Erklärungen der Nebenkläger verschob Richter Giuseppe Casalbore die Anhörung auf den 8. Februar.

Der Prozess hatte am 10. Dezember vergangenen Jahres begonnen. Angeklagt sind der Schweizer Industrielle Stephan Schmidheiny und der belgische Baron Jean-Louis de Cartier de Marchienne. Sie waren am Montag nicht vor Gericht erschienen, wie italienische Nachrichtenagenturen meldeten.

Nachdem der Richter die Forderungen der Nebenkläger gehört habe, habe er die Verteidigung zu einer Stellungnahme aufgefordert. Diese habe darum gebeten, sich erst bei der nächsten Anhörung am 8. Februar äussern zu müssen. Diesem Antrag habe das Gericht stattgegeben.

Anklage wegen fahrlässiger Tötung

Schmidheiny und de Cartier, den beiden laut Anklage ehemals Verantwortlichen für vier Asbest-Fabriken der Eternit S.p.A. Genua, wird vorgeworfen, zwischen 1973 und 1986 Sicherheitsmassnahmen unterlassen zu haben und darum für den Tod von über 2000 Menschen verantwortlich zu sein.

Zudem erkrankten in italienischen Eternit-Fabriken und in deren Umgebung über 800 Menschen. Den beiden Angeklagten wird fahrlässige Tötung vorgeworfen. Ihnen drohen Haftstrafen zwischen drei und zwölf Jahren sowie hunderte Millionen Euro Entschädigungszahlungen.

700 Nebenkläger

Unter den 700 Nebenklägern befindet sich die italienische Arbeitsversicherungsanstalt Inail. Sie alleine verlangt fast 250 Millionen Euro als Rückerstattung für Entschädigungen, die sie an erkrankte Arbeiter zahlte.

Der 62-jährige Milliardär Schmidheiny lebt in Costa Rica. Er hatte vor dem Prozess den Bewohnern von Casale Monferato im Piemont, in dem die grösste Eternit-Fabrik stand, eine Entschädigung angeboten.

Eternit (Schweiz) verlangt Ausschluss

Die Zivilkläger in Italien wollen auch gegen die Eternit (Schweiz) AG vorgehen. Dagegen wehrt sich die Eternit (Schweiz). Sie habe am Montag beim Turiner Gericht den Ausschluss aus dem Verfahren beantragt, teilte das Unternehmen mit Sitz in Niederurnen/GL mit.

Eternit (Schweiz) sei eine eigenständige, unabhängige Gesellschaft. Stephan Schmidheiny habe nie eine Funktion beim Unternehmen inne gehabt. Zudem hätten die Firma und deren Eigentümer weder früher noch heute jemals einen Bezug zu Eternit S.p.A. Genua gehabt, heisst es in der Mitteilung.

Die Eternit (Schweiz) AG gehört zur Innerschweizer Baustoffgruppe swisspor von Bernhard Alpstäg. Gemäss Darstellung der Eternit- Website hatte Alpstäg das Niederurner Unternehmen 2003 vom Holcim- Konzern von Thomas Schmidheiny gekauft. Dieser wiederum hatte 1989 Aktienkapital und Präsidium der Schweizer Eternit von seinem Bruder Stephan übernommen. (sam/ddp)

Erstellt: 25.01.2010, 17:14 Uhr

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