Hungrig, ausgebombt, von der Welt vergessen

Hunderttausende wurden durch die Kämpfe in der Ostukraine vertrieben. Die ersten Hungertoten werden gemeldet. Flüchtlingshelfer vor Ort erheben schwere Vorwürfe gegen die ukrainische Regierung.

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«Wo sind die grossen Player?», fragt Katerina Kodysova. Die Leiterin der Notprogramme der tschechischen Hilfsorganisation People in Need in der Ostukraine meldet sich aus Slowjansk. Im Frühsommer war die Stadt der Brennpunkt der Kämpfe zwischen den Separatisten und den ukrainischen Truppen. Im Juli wurde sie von der Armee zurückerobert. Hier und auf der anderen Seite der Front, im von den Separatisten gehaltenen Donezk, ist People in Need aktiv. Versorgt mehrere Tausend Menschen pro Monat mit Essen, verteilt Kleider und Medikamente, hilft bei der Reparatur von beschädigten Häusern.

Sie seien eine vergleichsweise kleine NGO, sagt Kodysova. «Doch als wir unsere Arbeit aufnahmen, waren wir fast allein.» Die internationalen Hilfsorganisationen würden sich erst nach und nach vorwagen. Noch immer sei es, als ob die internationale Gemeinschaft die Zivilbevölkerung in den Konfliktgebieten vergessen habe.

Über eine Million Flüchtlinge

Das Ausmass der Flüchtlingskrise in der Ostukraine ist enorm. Weit über eine Million Menschen haben inzwischen ihren ursprünglichen Wohnort verlassen. Die Zahl hat sich seit Ausbruch des Konflikts im Zweimonatsrhythmus verdoppelt. Die UN-Flüchtlingsorganisation (UNHCR) schätzt, dass gut 600'000 Menschen innerhalb der Ukraine umgesiedelt sind. Kiew spricht von 850'000 sogenannten Internally Displaced Persons (IDPs). Hinzu kommen mehr als eine halbe Million Flüchtlinge im Ausland. Deren Ziel ist praktisch immer Russland.

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Ein grosser Teil der IDPs bleibt in Regionen nahe den Konfliktgebieten. Die Mehrheit kommt im privaten Rahmen unter. Gemäss UNHCR leben nur sechs Prozent in staatlichen Auffangzentren. Oldrich Andrysek, der oberste Vertreter der UNO-Organisation in der Ukraine, spricht von einem «aussergewöhnlichen Erfolg». Katerina Kodysova von People in Need ist weniger euphorisch. Die Auffangzentren seien die letzte Wahl der Flüchtlinge. Dorthin gingen nur diejenigen, die nichts und niemanden hätten. Ausserdem sei der Aufenthalt dort nicht gratis und die Preise teilweise vergleichbar hoch wie die Mieten für private Unterkünfte.

Die Front ist dicht

Die ukrainischen Behörden versuchten zwar, mit der Flüchtlingskrise fertig zu werden, sagt Kodysova. Sie seien aber überfordert. Erst sieben Monate nach Ausbruch des Konflikts wurde eine gesetzliche Grundlage für die Registrierung und Unterstützung von IDPs geschaffen. Ohne Registrierung sind Flüchtlinge von vielen Sozialleistungen ausgeschlossen. Die Zulassungskriterien für Sozialhilfe sind streng. Geld gibt es im Wesentlichen nur für Invalide, Alte, kinderreiche Familien und alleinerziehende Mütter.

Nahe der Front, dem Aktionsgebiet von People in Need, hat Kiew zudem die Kontrollen verschärft. Kodysova sagt, dass Zivilisten sich kaum noch zwischen den Separatistengebieten und der Restukraine bewegen könnten. Männer im wehrfähigen Alter würden schon lange nicht mehr durchgelassen. Jetzt seien aber auch Frauen und Alte abgeschnitten. Das stelle die Bevölkerung in den Separatistengebieten vor grosse Probleme. Zwar liefere die ukrainische Seite in unregelmässigen Abständen Strom und Gas. Die finanzielle Unterstützung sei aber komplett eingestellt worden, die lokalen Filialen ukrainischer Banken geschlossen. Um Geld zu beziehen oder Renten ausbezahlt zu bekommen, müsse die Zivilbevölkerung die Front passieren können. Auch wenn die Verwaltung der Separatisten teilweise mit Zahlungen einspringe.

Ersparnisse sind aufgebraucht

Das fehlende Geld sei für die Vertriebenen auf beiden Seiten das grösste Problem, sagt Kodysova. Die Ersparnisse seien in den letzten Monaten aufgebraucht worden. Arbeit für die Flüchtlinge gebe es kaum. Auch UNHCR berichtet von «Tausenden», die in ihre Wohnungen zurückkehrten, weil sie sich den Aufenthalt ausserhalb nicht mehr leisten könnten.

Insgesamt sei die Situation in den Separatistengebieten schwieriger als auf der anderen Seite. In den stark beschädigten Dörfern rund um Slowjansk hätten, auch mit der Hilfe von People in Need, in den letzten Monaten viele Gebäude repariert werden können. In Frontnähe sei das nicht möglich gewesen. Die Versorgungslage in den Separatistengebieten sei kritisch. Aus Donezk gebe es erste Berichte über Hungertote, sagt Kodysova. Auch hier sei nicht primär die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln das Problem, sondern das fehlende Geld.

Aussichten auf Besserung gibt es derzeit nicht. Der militärische Konflikt ist seit dem Jahreswechsel wieder eskaliert. Eindrücklich zeigt dies die Karte zur Situation an der Front, die der ukrainische Sicherheitsrat täglich veröffentlicht. Mit einem Explosionssymbol ist eingezeichnet, wo aktuell Kampfhandlungen stattfinden. Im Dezember fanden sich auf der Karte jeweils höchstens zwei, drei dieser Symbole. Heute zieren sie praktisch den gesamten Frontverlauf.

Zum Vergrössern der Karte hier klicken. (baz.ch/Newsnet)

(Erstellt: 20.01.2015, 16:26 Uhr)

People in Need

Die Hilfsorganisation People in Need wurde 1992 in Tschechien gegründet. Sie ist eine der grössten NGOs in Osteuropa. Sie finanziert sich durch private Spenden sowie durch Zahlungen der tschechischen Regierung, der EU, von UNO-Organisationen und anderer staatlicher Gönner. In der Ostukraine ist People in Need seit dem Sommer aktiv. Im August wurde ein Büro in Slowjansk eröffnet, seit November ist man auch in Donezk präsent. (ldc)

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