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«Ich werde Julian niemals im Stich lassen»
Von Peter Nonnenmacher, London. Aktualisiert am 18.12.2010 6 Kommentare
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Aufs «ungewöhnlichste Weihnachtsfest meines Lebens» freut sich der ostenglische Biofarmer und ehemalige Gardeoffizier Vaughan Smith. Der 47-Jährige und seine Familie teilen ihr Landhaus für den Rest des Jahres mit einem Gast, der eine elektronische Fussfessel trägt und jeden Tag zwischen 18 und 20 Uhr bei der Polizei vorsprechen muss.
Unterkunft im Presseclub
Julian Assange, der Wikileaks-Gründer, wartet auf sein Auslieferungsverfahren, das Schweden angestrengt hat. Statt in einer Gefängniszelle verbringt er die Wartezeit jetzt im fürstlichen Gemäuer aus dem 18. Jahrhundert, das auf 250 Hektar Fläche von Feldern, Wäldern und Wiesen umgeben ist. Im Haus selbst stehen zehn Schlafzimmer zur Verfügung. Eine Köchin sorgt fürs Wohl der Besitzer und ihrer Gäste.
Vaughan Smith hatte Assange schon die letzten Monate in seinem Londoner Presseclub – dem Frontline- Club, nicht weit vom Bahnhof Paddington – wohnen lassen. «Ein bisschen Friede und Sicherheit» benötige der Australier schliesslich, fand Smith. «Hier gehts darum, gegen Einschüchterung Stellung zu beziehen. Und zu sehen, ob unser Land zu diesem historischen Zeitpunkt wirklich der tolerante, unabhängige und offene Ort ist, als den man es mir in meinen frühen Jahren vorgestellt hatte.»
Der weisse Ritter von Wikileaks
Ein wunderlicher Zeitgenosse ist dieser Henry Vaughan Lockhart Smith, der weisse Ritter von Wikileaks und seines in die Klemme geratenen Chefs. Soldat, Reporter, Abenteurer, Unternehmer, Kleinbauer – all dies trifft auf den Bannerträger individueller Freiheit zu. Als Sohn eines Obersten war Smith im militärischen Dienst gross geworden und unter anderem in Nordirland, Zypern und Deutschland stationiert. Er gehörte als Hauptmann den Eliteschützen der Grenadiergarde an und war nebenher Testpilot für Ultraleicht-Flugzeuge.
In den Achtzigerjahren machte er sich einen Namen als Fotograf und Kameramann in Kriegsgebieten wie im Irak, in Afghanistan, auf dem Balkan oder in Tschetschenien. Zeitweise leitete er eine kleine Nachrichtenagentur für Videojournalisten namens Frontline News TV.
Geldscheinbündel und Handy retteten ihm das Leben?
Seine Kriegsgeschichten haben sich in London herumgesprochen. Zum Beispiel, dass in Kosovo eine Kugel, die ihm galt, von einem fetten Geldscheinbündel gebremst wurde und in seinem Mobiltelefon stecken blieb. Oder dass er im Golfkrieg von 1991 bei US-Truppen keck vorgab, britischer Offizier zu sein – um im Kriegsgelände frei fotografieren zu können. Solche Geschichten konnte er später am «Lagerfeuer» des Frontline-Clubs erzählen, den er 2003 in London gegründet hat. Der Presseclub, Treffpunkt von Londoner Medienleuten, hat sich in den letzten Jahren erheblichen Zuspruchs erfreut.
Smiths Home, das wirklich fast ein Castle ist, blieb aber immer Ellingham Hall. Das Landgut, drei Autostunden von London entfernt, ist seit über 300 Jahren im Besitz des Clans.Nun soll auch Julian Assange von Ellinghams Abgelegenheit, vom Luxusleben auf dem Lande profitieren. Wie man hört, soll sich Hausherr Smith bei seinem Gast dafür entschuldigt haben, dass die Internetverbindung in Ellingham Hall «nicht sonderlich gut» sei. Das wird der zuständige Provider sicher ändern können. Und Assange muss sich vorerst keine Sorgen um seine Zukunft machen. «Ich werde Julian niemals im Stich lassen», hat Vaughan Smith gelobt. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.12.2010, 21:30 Uhr
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