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Im Dickicht der Macht
Von Enver Robelli. Aktualisiert am 03.06.2011 21 Kommentare
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Mladic ist verhandlungsfähig
Den Haag hat sich zum Gesundheitszustand des mutmasslichen Kriegsverbrechers geäussert. Demnach scheint einem Prozess nichts im Weg zu stehen. Mladics Anwalt ist anderer Meinung.
Der serbische Ex-General Ratko Mladic, der im UNO-Tribunal in Den Haag auf seinen Prozess wegen schwerster Kriegsverbrechen wartet, ist verhandlungsfähig. «Im Augenblick gibt es keine Hinweise, dass der Gesundheitszustand Mladic hindern wird, am Gerichtsverfahren teilzunehmen», sagte der Sekretär des Tribunals, John Hocking, der Belgrader Zeitung «Blic».
Demgegenüber hatte der Anwalt von Mladic in den letzten Tagen ärztliche Diagnosen vorgelegt, nach denen der 69-Jährige an Lymphdrüsenkrebs leide und möglicherweise seinen Prozess nicht durchstehen werde. Der stellvertretende serbische Staatsanwalt für Kriegsverbrechen hat Zweifel an dieser Krebsdiagnose für Ratko Mladic geäussert.
Staatsanwalt Bruno Vekaric sagte, das entsprechende Dokumente «sieht aus wie eine Ente». Zudem zog er die darin genannte Diagnose in Zweifel. Zuvor hatte der serbische Verteidigungsminister Dragan Sutanovac dem Anwalt vorgeworfen, die «Öffentlichkeit zu manipulieren». «Ich glaube diese Geschichte wirklich nicht, aber wir werden der Sache nachgehen», sagte Sutanovac.
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Der alte Mann ist empört. Kaum hat er seine Zelle in Belgrad bezogen, beklagt sich Ratko Mladic über die Behörden, die seine Rente seit 2005 nicht überwiesen haben. Dann gibt er einem der Staatsanwälte für Kriegsverbrechen Anweisungen im Befehlston: Er fordert die Wächter dazu auf, ihm Erdbeeren und Romane russischer Schriftsteller in die Gefängniszelle zu bringen. Er will das Grab seiner Tochter besuchen, die schon während des Bosnienkriegs mit der Dienstpistole ihres Vaters Selbstmord begangen hat. Und er sagt, die Behörden müssten so schnell wie möglich die ausstehenden Rentenbeiträge nachzahlen.
Fernsehen, Familientelefonate
Diese und andere Wünsche werden Mladic schnell erfüllt. Auf einem Sonderkonto liegen derzeit umgerechnet knapp 60'000 Franken. Das Geld soll er nun rückwirkend erhalten. Dennoch hat Mladic nichts davon. Der mutmassliche Kriegsverbrecher wurde am Dienstagabend an das UNO-Tribunal ausgeliefert. Das Gefängnis befindet sich in Scheveningen, einem Vorort der niederländischen Hauptstadt Den Haag. Hier bekommt Mladic drei Mahlzeiten pro Tag, er hat Satellitenfernsehen und darf mit der Familie telefonieren. Und seine Rente bezieht er auch. An diesem Freitag wird Mladic erstmals vor Gericht stehen und sich zu den Anklagepunkten äussern.
Ein dunkles Kapitel der jüngsten Geschichte Serbiens ist also abgeschlossen. Andere sind aber noch offen. In Belgrad müssen sich wahrscheinlich schon bald viele Politiker, hochrangige Nachrichtendienstler und ehemalige Armeeoffiziere auf unangenehme Fragen gefasst machen. Wie konnte sich Mladic 16 Jahre lang dem Zugriff der Polizei entziehen? Wer hat seine Flucht finanziert? Welche Rolle, so fragt sich ein Vertrauter von Staatschef Boris Tadic, haben «ausländische Dienste und Quellen» gespielt? Wurden die USA und die EU von den serbischen Behörden jahrelang skrupellos an der Nase herumgeführt?
Zuletzt half noch die Familie
Als Ratko Mladic vor einer Woche im Dorf Lazarevo in der nordserbischen Provinz Vojvodina verhaftet wurde, fanden die Polizisten etwa 800 Euro in seiner Brieftasche. Offenbar hatte der 69-Jährige in den letzten Monaten keine Unterstützer und kein Geld mehr, er musste zu seinen nächsten Verwandten flüchten. Als er in seine Belgrader Zelle abgeführt wird, ist der Mann nur noch ein Schatten seiner selbst. Er trägt Jeans, eine Baseballmütze, eine dunkelblaue Windjacke – und er geht schleppend.
Die Weltöffentlichkeit hat ihn aber in Erinnerung als berüchtigten Kriegsherrn, der unter anderem die Hinrichtung von fast 8000 Männern in der ostbosnischen Kleinstadt Srebrenica befohlen haben soll. Das war im Juli 1995. Noch im gleichen Monat erhebt das Haager UNO-Tribunal Anklage wegen Kriegsverbrechen gegen Ratko Mladic. Der Militärchef der bosnischen Serben ignoriert die internationale Justiz, auch nach dem Einmarsch der Nato-Truppen in Bosnien spielt er den starken Mann. Erst 1996 tritt er zurück, bewegt sich aber zunächst völlig frei. Die westlichen Soldaten fürchten ein Blutbad, sollten sie versuchen, Mladic festzunehmen.
Oft hält er sich in der Serbenhochburg Pale auf oder in Han Pijesak. Hier in den bosnischen Bergen hatte der jugoslawische Führer Josip Broz Tito eine Bunkeranlage erbauen lassen. Und hier zeigt sich Mladic nach dem Bosnien-krieg im Kreis seiner Ziegen, die Namen wie «Madeleine Albright» und «Richard Holbrooke» tragen. In Han Pijesak kümmert sich der angeblich gesuchte Massenmörder um seine Bienen und geniesst die frische Bergluft. Als der öffentliche Druck auf die Nato stärker wird, Mladic endlich zu verhaften, flüchtet der General nach Serbien. Dort herrscht Slobodan Milosevic, und er denkt nicht einmal im Traum daran, die selbst ernannten serbischen Helden an die internationale Justiz auszuliefern. Mladic lebt in seinem Haus im Belgrader Viertel Banovo brdo, er tritt öffentlich auf, nimmt an einer Zeremonie zum Jahrestag der Schlacht auf dem Amselfeld teil. Im Jahr 2000 besucht er – in Begleitung einer bewaffneten Truppe – das Fussballspiel zwischen Jugoslawien und China. Auf der Ehrentribüne sassen neben ihm hochrangige Armeeoffiziere und der damalige Aussenminister.
Gefährliche Wende in Belgrad
Nach der demokratischen Wende in Serbien im Oktober 2000 ändert sich plötzlich die Lage. Der neue, prowestliche Ministerpräsident Zoran Djindjic lässt den langjährigen Autokraten Milosevic verhaften und liefert ihn an das UNO-Tribunal aus. Djindjic will das alte System demontieren. Um einer Festnahme zu entkommen, taucht Mladic unter. Er soll sich zunächst in einer Kaserne in Valjevo aufgehalten haben, 90 Kilometer südwestlich von Belgrad. Vielen Serben gilt er noch als Nationalheld. Im Oktober 2002 fühlt er sich offenbar wieder ganz sicher. So sicher, dass er in einem Restaurant unweit der Schweizer Botschaft in Belgrad speist. In der helvetischen Vertretung hat zur gleichen Zeit die damalige UNO-Chefanklägerin Carla Del Ponte einen Auftritt. Sie fordert die anwesenden westlichen Diplomaten auf, endlich der serbischen Regierung klarzumachen, dass sie ohne Mladics Festnahme nicht in die EU könne.
Im März 2003, nur zweieinhalb Jahre nach dem Sturz Milosevics, kommt es in Belgrad zu einer gefährlichen Wende. Da wird am helllichten Tag Zoran Djindjic ermordet. Mladic muss keine Festnahme fürchten. Djindjic wurde von der halbstaatlichen Unterwelt umgebracht, die von den ehemaligen Paramilitärs dominiert wird und enge Kontakte zum Geheimdienst und zu Armeekreisen pflegt. Die Parteifreunde Djindjics regieren noch ein paar Monate, dann kommt Vojislav Kostunica an die Macht. Als Regierungschef gibt er sich betont russenfreundlich, posiert mit nationalistischen Popen und Poeten, verteufelt den Westen, der die ehemalige serbisch dominierte Albanerprovinz Kosovo in die Unabhängigkeit entlassen will. Unter Kostunica geniesst die Fahndung nach Mladic keine Priorität, der finster blickende Juraprofessor sorgt sogar dafür, dass der frühere General seine Rente regelmässig bekommt. Mladic hält sich in verschiedenen Wohnungen in Belgrad auf, die ihm seine Helfer zur Verfügung stellen. Es handelt sich überwiegend um ehemalige treu ergebene Kämpfer.
Die Schüsse in der Kaserne
Serbische Ermittler haben heute Hinweise, dass Leute aus der Umgebung Kostunicas Mladic immer wieder gewarnt haben sollen. Erwähnt werden in diesem Zusammenhang vor allem zwei Namen: der ehemalige Geheimdienstchef Rade Bulatovic und der Ex-Leiter des militärischen Nachrichtendienstes, Aca Tomic. Beide sassen nach dem Mord an Premier Djindjic kurz im Gefängnis, kamen aber wieder frei. Und beide sollen jahrelang enge Beziehungen zu russischen Geheimdiensten gepflegt haben. «Wir werden die Fluchthelfer zur Verantwortung ziehen. Diese Männer haben unserem Land grossen Schaden zugefügt», sagt jetzt der Staatsanwalt für Kriegsverbrechen, Vladimir Vukcevic.
Noch im vergangenen Dezember hatte ein Gericht in Belgrad zehn Männer freigesprochen, die beschuldigt wurden, zwischen 2002 und 2006 Mladic versteckt zu haben. Der Fall soll neu aufgerollt werden. Laut der unabhängigen Radiostation B92 lebte Mladic auch in der Belgrader Topcider-Kaserne. Hier kam es 2004 zu einem blutigen Vorfall. Unbekannte erschossen zwei Rekruten, die offenbar Mladic gesehen hatten. Das Verbrechen ist noch nicht aufgeklärt, die Familien fordern, dass Mladic dazu befragt wird. Im Jahr 2006 kam die Polizei dem Gesuchten auf die Spur, doch die Festnahme wurde im letzten Moment vom Geheimdienstchef Rade Bulatovic vereitelt. In den folgenden Jahren versteckte sich Mladic in Provinzstädten und in der Trabantenstadt Neu-Belgrad. Dort wohnte er einmal in der Juri-Gagarin-Strasse, wo auch ein gewisser Radovan Karadzic bis zu seiner Festnahme im Juli 2008 lebte.
Wenige Monate vorher war es in Serbien erneut zu einer Wende gekommen. Der Nationalist Vojislav Kostunica verlor die Macht. Nun konnten die neue prowestliche Regierung und Staatschef Boris Tadic die Suche nach Mladic fortsetzen. Die Polizei stoppte sukzessive die Geldströme, viele Helfer von Mladic gaben auf. In den letzten Jahren soll er seinen Wohnsitz ständig gewechselt haben. Am Schluss irrte Mladic offenbar durch die weite Ebene der nordserbischen Provinz Vojvodina – bis er das Haus seiner Verwandten in Lazarevo fand.
Russische Hilfe
Der General hatte aber bis zuletzt mächtige Freunde, und nicht nur in Belgrad. Laut der Zeitung «Press», die den Demokraten von Boris Tadic nahesteht, sollen auch russische Sicherheitsdienste und Diplomaten Mladic unterstützt haben. Ein Name wird immer wieder erwähnt: Oleg Ziza, Mitarbeiter der russischen Botschaft in der serbischen Hauptstadt. Er soll Mladic und dessen Familie auch Geld gegeben haben. In einer Depesche der US-Botschaft, die von Wikileaks veröffentlicht wurde, heisst es, Tadics Kabinettschef Miodrag Rakic habe am 25. August 2009 bestätigt, dass Mladic sich in Serbien aufhalte, aber bessere Informationen dazu habe die Regierung in Moskau. Rakic, der zuletzt die Arbeit der serbischen Geheimdienste und die Fahndung nach Mladic koordinierte, beklagt sich bei den Amerikanern, dass russische Geheimdienststellen auf keine Frage über Mladics Aufenthaltsorte geantwortet hätten. Unangenehm wurde es für die Russen erst, als die serbischen Behörden mit der US-Bundespolizei FBI eine Zusammenarbeit begannen.
Ist er krebskrank?
Die serbischen Medien überbieten sich mit Details über Mladics Leben im Untergrund. Die neuste Enthüllung: Mladic, schreibt die renommierte Zeitung «Politika», sei 2009 in einer Belgrader Klinik behandelt worden. Das Blatt «Press» veröffentlichte am Donnerstag sogar eine ärztliche Diagnose. Demnach unterzog sich Mladic zwischen dem 20. April und dem 18. Juli 2009 einer Operation mit anschliessender Chemotherapie. Nach Angaben seines Anwalts leidet der mutmassliche Kriegsverbrecher an Lymphdrüsenkrebs. Ein Staatsanwalt sagte, der ärztliche Befund sei gefälscht. Serbiens Staatschef Boris Tadic wiederholt immer wieder, die Behörden hätten nicht gewusst, wo sich Mladic versteckt habe.
Doch schon im April 2010 schrieb eine bosnische Zeitschrift, dass Mladic bei seinen Verwandten in Lazarevo lebe. In den letzten Tagen stand die serbische Regierung erneut in der Kritik: Der Chefankläger des UNO-Tribunals, Serge Brammertz, warf ihr vor, nur halbherzig nach Ratko Mladic zu fahnden. Und westliche Diplomaten zeigten sich skeptisch, ob das Balkanland im Dezember den EU-Kandidatenstatus erhalten könne. Nun hat Tadic seinen grössten Trumpf ausgespielt. Als Belohnung erwartet er die schnelle Aufnahme Serbiens in die EU. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.06.2011, 09:45 Uhr
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21 Kommentare
Boris Krljic, zu Ihrer Information: Ihre Wortwahl ist schlicht falsch. Die NATO hat nichts mit dem "Int. Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien" wie es richtig heisst, zu tun. Die Mehrzahl der Richter stammen aus Länder, welche nicht NATO-Mitglieder sind. Das Mladic einen fairen Prozess erhält, ist ein Zeichen von Rechtstaatlichkeit. Er hätte auch wie bin Laden ja abgeknallt werden können. Antworten
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