Ausland

In Verona machen besorgte Bürger mobil

Von Kordula Doerfler, Verona. Aktualisiert am 18.03.2009

Im reichen, schönen Verona sorgen seit Monaten zivile Helfer in Parks und Quartieren für Ruhe und Ordnung – ganz legal. Auch anderswo in Italien macht diese Art von Selbsthilfe Schule.

Mächtig erhebt sich die Aussenmauer der römischen Arena an der Piazza Bra'. In den ersten milden Tagen dieses Frühjahres leuchtet das Amphitheater rötlich in der Sonne. Fussgänger flanieren über den weiten Platz, ein paar ganz Mutige nehmen den Kaffee schon im Freien.

Noch ist die Stadt ruhig und beschaulich. Zu dieser Jahreszeit gehört sie ihren Bewohnern. Verona, die einstige Römer-Siedlung und seit dem Mittelalter ein blühendes Kultur- und Handelszentrum, gilt ausländischen Touristen als Inbegriff italienischer Urbanität. Hunderttausende kommen jedes Jahr in den Sommermonaten, um die Freilichtopern in der Arena zu besuchen. Und auch vielen Italienern, die weiter südlich leben, erscheint die Stadt im prosperierenden Veneto als eine Art Paradies – klein, reich und sicher.

Viele Bürger Veronas aber fühlen sich bedroht, haben Angst vor einer wachsenden Zahl von Ausländern, welche die florierende Wirtschaft der Region so dringend braucht, fürchten sich vor Überfremdung und angeblich explodierenden Kriminalitätsraten. Vor fast zwei Jahren wählten sie deshalb einen Mann der rechtspopulistischen Lega Nord ins Amt des Bürgermeisters, mit 60  Prozent der Stimmen.

Seither regiert Flavio Tosi, 39, im Palazzo Barbieri, dem hochherrschaftlichen Rathaus gleich neben der Arena. Mit 250'000 Einwohnern ist die Stadt an der Etsch derzeit die grösste in Italien, in der die Partei von Umberto Bossi an den Hebeln der Macht sitzt.

Szenenwechsel. Rund um den Abenteuerspielplatz glänzt das Gras. Ältere Männer treffen sich zu einem Schwätzchen, Mütter schieben Kinderwagen vor sich her. Es ist ein friedliches Bild, das der Park San Giacomo bietet. Kein noch so kleines Stückchen Papier verunziert die Rasenflächen, selbst nach den in Italien sonst meist unvermeidlichen Zigarettenkippen wird man lange suchen. Darauf achten Mauro Merli und seine Leute. Gerade vorhin hat er zwei junge Frauen freundlich, aber bestimmt aufgefordert, das Gelände zu verlassen, wenn sie rauchen wollten.

«Das soll so bleiben, wie es jetzt ist, eine grüne Oase», sagt Mauro Merli und zeigt mit einer weit ausholenden Geste um sich. Im Hintergrund erhebt sich der mächtige Klotz der Poliklinik von Verona, nebenan sind eine Fachhochschule und eine Schule, rundherum stehen anonyme Wohnblocks. Es ist eine jener hässlichen gesichtslosen Vorstädte, wie sie überall in Italien seit dem Krieg um die historischen Stadtkerne gewuchert sind. Mit dem pittoresken Freilichtmuseum rund um die Arena verbindet den 5. Bezirk im Süden der Stadt kaum etwas. Die Mieten sind niedrig und die Arbeitslosigkeit und der Ausländeranteil hoch, soziale Spannungen brodeln.

Zwei von drei Wählern haben hier, im «Borgo Roma», für Flavio Tosi gestimmt, und auch der Bezirksbürgermeister ist ein «Legist». Fabio Venturi, 30 Jahre jung und Fan des berüchtigten Fussballklubs Hellas Verona, kennt die Gegend wie seine Westentasche. «Wir müssen die Quartiere wieder aufbauen», sagt er und zeigt auf den neuen Park.

Patrouillen bis zum frühen Abend

Vorher war das Grundstück eine verwahrloste Brachfläche, die in der Nachbarschaft als gefährlich galt. «Jetzt fühlen sich die Leute viel sicherer», ist Venturi überzeugt, und eine Gruppe von Anwohnern pflichtet ihm bei. Zu verdanken sei das vor allem den Männern – und wenigen Frauen – mit den leuchtend grünen Westen. Schon von weitem ist der Schriftzug «Assistente civico» zu erkennen, zu deutsch etwa «ziviler Helfer». Einzeln oder zu zweit patrouillieren sie durch den Park und die umliegenden Wohngebiete, von 8 Uhr morgens bis zum frühen Abend.

Es begann alles im letzten Jahr im November. Zusammen mit zehn anderen Freiwilligen organisierte Merli, selbst Invalider und Vorsitzender eines gemeinnützigen Vereins, die ersten Streifen. Mit Politik, so versichert der 52-Jährige, habe das gar nichts zu tun und auch gegen Ausländer habe man nichts. Die Unterstützung aus dem Rathaus und die des Bezirks allerdings war ihm gewiss. Bürgermeister und Präfektur genehmigten das Vorhaben mit Freuden, und die Freiwilligen erhielten sogar eine Art Crashkurs von der Polizei.

Meist, so schildert Merli den Alltag der Assistenti civici wichtig, haben sie mit Bagatellen zu tun. Man schlichtet Streit, meldet kaputte Strassenlaternen und sorgt dafür, dass der Müll nicht einfach auf die Strasse gekippt wird. «Wir sind eine Hausgemeinschaft im Grossen», sagt er. Die Helfer kennen jeden im Quartier, und das sei ein riesiger Vorteil. «Unsere Aufgabe ist es, die Augen offenzuhalten», pflichtet ihm Arnaldo Fusato bei, Rentner und ebenfalls in der Streife aktiv.

«Wir sehen vieles, was die Polizei gar nicht sehen kann.» Sollte es tatsächlich einmal zu einem schwereren Zwischenfall kommen, muss die Staatsmacht gerufen werden – per Funkgerät, das alle Helfer stets bei sich tragen. Waffen aber haben sie nicht, und mit den rechtsextremen paramilitärischen Schlägertrupps, die sich jüngst in einigen Orten Italiens gebildet haben, will Merli nichts zu tun haben.

Seit Anfang März, so hat die Mitte-rechts-Regierung von Silvio Berlusconi per Dekret beschlossen, dürfen sogenannte «ronde» in Wohnquartieren die Polizei unterstützen, um Straftaten zu verhindern und dem weit verbreiteten Gefühl von Unsicherheit in der Bevölkerung zu begegnen. Auslöser war eine Serie von brutalen Vergewaltigungen, die wochenlang die Schlagzeilen beherrschten. Dass die Täter mutmasslich meist Ausländer waren, schien vielen Italienern ein weiterer Beleg dafür, im eigenen Land nicht mehr sicher zu sein.

Vor allem in den reichen Städten des Nordens gründeten sich spontan und illegal «ronde», die manchmal auch das Recht selbst in die Hand nahmen. Eilends musste die Regierung deshalb nachbessern: Die «ronde» dürfen nur aus unbewaffneten Freiwilligen bestehen und müssen offiziell registriert werden – also keine Bürgerwehren. Das ist ohnehin eine ungenaue Übersetzung, denn «ronde» bedeutet «Runden», von Runden ziehen. In einigen italienischen Städten gibt es sie bereits seit Jahren. Von einer «italienischen Leidenschaft» sprach der «Corriere della Sera» gar kürzlich.

Mauro Merli selbst mag diesen Begriff nicht gelten lassen und lehnt auch jede Art von Selbstjustiz ab. Am ehesten ähnelt seine Initiative dem, was man im angelsächsischen Sprachraum «neighbourhood watch» nennt. Der Erfolg gibt ihm Recht – und das, obwohl er unumwunden einräumt, dass Verona im Vergleich zu Mailand, Rom oder Neapel doch ein recht sicheres Pflaster ist. Mehr als 300 Freiwillige sind nach vier Monaten in den Vorstädten Veronas unterwegs, auch in den besseren Gegenden nördlich der Innenstadt sieht man die neongrünen Westen.

Für reine Augenwischerei hält man das Projekt dagegen in der oppositionellen Demokratischen Partei (PD). «In Verona gibt es kein Quartier, das gefährlich ist», sagt Giandomenico Allegri, der Provinzsekretär des PD. Die «ronde», davon ist er überzeugt, seien nur ein billiges Mittel, um die Leute zu beruhigen und davon abzulenken, dass die Regierung kläglich versage bei der Immigrationspolitik und bei Fragen der inneren Sicherheit. Auch bei den staatlichen Sicherheitskräften von Polizei und Carabinieri sind längst nicht alle glücklich über die unverhoffte Unterstützung aus der Bevölkerung. «Der Staat muss sich zu Recht fragen lassen, warum er seine Bürger nicht schützen kann», kritisiert Bruno Zoppè von der Gewerkschaft der Polizei im Veneto. Offizielle Sprachregelung bei Veronas Polizei aber ist, dass es sich ja gar nicht um «ronde» handle.

So formuliert es auch Bürgermeister Flavio Tosi in seinem prunkvollen Büro. «Es sind Bürger, die etwas für andere Bürger tun.» Mit hellen Jeans, ausgebeultem Sakko und ohne Krawatte entspricht er bewusst nicht dem sonst üblichen Stil der politischen Klasse. Im Gespräch gibt er sich offen und umgänglich. Dabei haben seine Verordnungen ihm in Italien den Spitznamen «Sheriff von Verona» eingebracht: Kaum im Amt, verhängte Tosi Geldbussen gegen Obdachlose und Prostituierte, liess die Polizei gegen fliegende Händler aufmarschieren und ein Roma-Lager räumen. Trotzdem oder gerade deswegen ist er auch im feinen Teil Veronas populär. «Auf der Strasse nennt man mich einfach Flavio», sagt er stolz.

«Kontrolle über das Territorium»

Nur wenn man ihn auf seine nachweislichen Kontakte zu Rechtsextremen aus dem Umkreis von Hellas Verona anspricht, ist es mit der Höflichkeit vorbei. Oder auf einen brutalen Mord, der Verona vor einigen Monaten tatsächlich landesweite Presse bescherte. Fünf blutjunge Sympathisanten der Skinhead-Szene erschlugen auf offener Strasse einen jungen Mann, weil er ihnen eine Zigarette verweigert hatte. Niemand kam dem Opfer zu Hilfe. Um ein paar wenige Irre könne er sich nicht kümmern, entgegnet Tosi brüsk. Und kehrt zu seinem Lieblingsthema zurück. Die Assistenti civici, davon ist er überzeugt, seien der richtige Weg. «Verona ist ein Modell für andere Städte.» Es gehe darum, «die Kontrolle über das Territorium» zu bekommen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.03.2009, 23:09 Uhr


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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

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