Ausland

Italien träumt von Alcatraz

Von Oliver Meiler, Genua. Aktualisiert am 09.11.2009

Die Regierung in Rom will Schwerverbrecher zukünftig vor der italienischen Küste inhaftieren. Denn die Gefängnisse sind verwahrlost und heillos überfüllt.

Fernab der Zivilisation: Die alte und wohl bald neue Gefängnisinsel Pianosa.

Fernab der Zivilisation: Die alte und wohl bald neue Gefängnisinsel Pianosa.
Bild: Keystone

Da liegt er, der alte Hafen von Genua, im Licht der Dämmerung, still und erholt, getroffen von der Wirtschaftskrise, vom lahmenden Welthandel. Ein Kreuzfahrtschiff, die Splendida, überragt alle anderen Fähren und Boote im Hafen, ein Schiff wie ein Haus: mehr als 330 Meter lang, mit Platz für 3900 Passagiere, mit Suiten, Pools, Restaurants. Eben erst in Betrieb genommen, überdimensioniert, mit viel Luxus ausgestattet.

Wenn es nach der italienischen Regierung ginge, dann würde nicht weit weg von hier bald ein weiteres Haus schwimmen, etwas kleiner und leichter als die Splendida und ohne jeden Komfort. Geplant ist ein Durchgangsgefängnis für 400 Häftlinge mitten im Hafen – mehrstöckig, mit hundert Zellen, schwimmend.

Es soll schon Zeichnungen geben davon, entworfen von der staatlichen Werftgesellschaft Fincantieri, dem weltgrössten Bauer von Kreuzfahrtschiffen und wichtigsten Arbeitgeber in Genua, der ebenfalls hart getroffen wurde von der Krise. Seine Auftragsbücher sind leer. Die Idee des «schwimmenden Knasts», wie ihn die Medien nennen, kommt gerade richtig. Doch die Idee ist in der Not geboren und sorgt für Aufregung. Die linke Bürgermeisterin von Genua, Marta Vincenzi, ist «ideologisch» dagegen: «Es ist doch unzivilisiert und absurd, Menschen mitten auf dem Wasser gefangen zu halten», sagt sie und meint damit die Häftlinge und die Wärter, «schwimmende Gefängnisse widersprechen allen meinen Maximen».

20'000 Gefangene zu viel

Es sind schöne Maximen. Nur bringen sie keine Lösung. Italiens Gefängnisse haben ihre Kapazitätsgrenzen überschritten. Und das massiv. Für 43'000 Häftlinge wäre Platz. Zurzeit teilen sich diesen Platz aber 65'000, von denen die Hälfte auf ein Urteil der legendär langsamen italienischen Justiz wartet. Im Gesamtplan für eine Neuordnung der Haftanstalten hat Justizminister Angelino Alfano angekündigt, man wolle 24 neue Anstalten bauen. Einige davon sollen provisorisch sein wie zum Beispiel der «schwimmende Knast» von Genua. Auch alte, seit vielen Jahren geschlossene Gefängnisse will Alfano wieder öffnen.

Allen voran die Gefängnisinsel Pianosa, Italiens Antwort auf Alcatraz. Das kleine und flache Eiland, etwa zehn Quadratkilometer gross, liegt in der Nähe von Elba und steht unter Denkmalschutz. 250 Touristen im Tag dürfen sie besuchen, keiner mehr, und alle nur ein paar Stunden lang im Beisein eines Führers und ausschliesslich im Sommer – so fragil soll ihr natürliches Gleichgewicht sein, so preziös ihre alten Steine.

Ruine für die Mafiosi

Das Gefängnis selber, 1858 vom Grossherzog der Toscana eingerichtet und 1998 stillgelegt, ist baufällig. Bald sollen aber wieder die gefährlichsten Mafiosi dort untergebracht werden, jene, deren Haft dem Paragrafen 41 bis untersteht, dem härtesten Haftregime im italienischen Strafgesetzbuch.

Der Artikel war in den 1970er-Jahren für Terroristen geschaffen worden. Nach den Mafiamorden an den Richtern Giovanni Falcone und Paolo Borsellino, 1992, traf er aber seither vornehmlich Bosse des organisierten Verbrechens. Alfano, der Minister aus Sizilien, will seinen Plan einer Wiedereröffnung von Pianosa als Beweis dafür verstanden wissen, dass er mit aller Kraft gegen die Mafia vorgehe, gegen die sizilianische Cosa Nostra genauso wie gegen die neapolitanische Camorra und die kalabrische 'Ndrangheta. Er kämpft aber noch mit Widerständen innerhalb der Regierung. Alle führen hehre Gründe an, vor allem ökologische. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.11.2009, 04:00 Uhr


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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

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