Ausland
Jene Sommertage, in denen in Jugoslawien der Krieg entbrannte
Von Enver Robelli. Aktualisiert am 22.06.2011 10 Kommentare
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Zuerst die unendliche Landschaft neben der schnurgeraden Strasse. Weizenfelder, ein strahlend blauer Himmel, flimmerndes Sonnenlicht. Vogelgezwitscher erfüllt die Luft, ein Kleinflugzeug dreht Runden am Horizont. Dann wird das Grauen sichtbar: zerschossene Fassaden und zerstörte Häuser, die von verblichenem Reichtum zeugen.
Allgegenwärtige Narben
Vukovar im Sommer 2011, genau zwanzig Jahre, nachdem der Zerfall Jugoslawiens begonnen hatte. In keiner anderen Ortschaft in Kroatien sind die Narben der Vergangenheit so allgegenwärtig wie in der Barockstadt an der Donau. In Vukovar lebten vor dem Konflikt 22 verschiedene Nationalitäten. Hier war der zweitgrösste jugoslawische Binnenhafen. Und Borovo, wohl Osteuropas grösste Schuhfabrik, beschäftigte etwa 22'000 Mitarbeiter. Heute ist Borovo eine Industrieruine. Wo früher Stiefel für die Arbeiterklasse produziert wurden, wuchert hüfthoch das Gras.
János Szénási, 82 Jahre alt, einst Gastarbeiter in Österreich, Buchbinder von Beruf, Angehöriger der ungarischen Minderheit, sitzt in einer Gaststätte im Stadtzentrum, hält mit zitternden Händen die Kaffeetasse – und er beginnt zu erzählen über die Zeit, als Vukovar täglich mit bis zu 8000 Granaten beschossen wurde. Das war im Herbst 1991. Am 25. Juni hatten Kroatien und Slowenien die Unabhängigkeit von Jugoslawien erklärt. Und der Serbenführer Slobodan Milosevic liess kurz danach Vukovar belagern von der mittlerweile serbisch dominierten Volksarmee, paramilitärischen Banden, Grosskriminellen wie Zeljko «Arkan» Raznjatovic und nationalistischen Hetzern wie Vojislav Seselj.
Der Traum von Grossserbien
Diese Männer und ihre Anhänger hatten einen Traum: Sie wollten auf den Ruinen Jugoslawiens ein grossserbisches Reich errichten. Szénási dachte zuerst, der Wahnsinn werde nur ein paar Tage dauern, er hoffte, jemand in Europa würde diesen Krieg stoppen. Er blieb in seiner Stadt, versteckte sich mit seiner Familie in Kellern, trotzte der Blockade. Auf der Flucht zum nächsten Versteck traf eine Granate eine Menschentraube, auf dem Boden erstickten später am eigenen Blut seine Frau und sein Sohn. «Der Krieg trifft meist die Unschuldigen», sagt Szénási. Er ist ein gebrochener Mann; will er nicht an die Belagerung denken, nimmt er Beruhigungstabletten. Vukovar ist eine Stadt der Alten, viele Jugendliche ziehen weg, es gibt kaum Arbeit.
Savo Colovic ist zurückgekehrt. Er ist 78, war früher Versicherungsmakler, heute geht der Rentner oft entlang der Donau spazieren. Er ist einer der wenigen Serben, der den Krieg nicht mitgemacht hat. Im Frühling 1991 flüchtete er in die nordserbische Provinz Vojvodina. Heute sagt er: «Nur die Mutter des Fahnenflüchtigen weint nicht im Krieg.» Einige Serben betrachten ihn als Verräter, aber das kratzt ihn nicht.Colovic steht vor dem Schloss Eltz, das gerade restauriert wird. Vukovars Wahrzeichen wurde 1991 von den Serben zerstört. Sinnlos nennt Colovic den jüngsten Krieg seiner Landsleute. Er ist mit seiner Familie zurückgekommen. Sein Sohn ist arbeitslos, seine Tochter, einst eine der besten Handballspielerinnen Jugoslawiens, schlägt sich als Putzfrau durch. Die zwei grössten Bevölkerungsgruppen, die Kroaten und die Serben, leben in Vukovar nebeneinander, es gibt Schulen für kroatische und für serbische Kinder. Auch die Kindergärten sind immer noch getrennt. «Es muss sich etwas ändern in den Köpfen», sagt Colovic ratlos und verzweifelt. Er werde das aber kaum noch erleben.
Aus dem Spital verschleppt
Der Name Vukovar steht bis heute für eines der schlimmsten Massaker während des blutigen Zerfalls Jugoslawiens. Als die serbischen Eroberer nach dreimonatiger Belagerung im November 1991 in die Stadt einmarschierten, umzingelten sie zuerst das Krankenhaus. Etwa 400 Menschen, Patienten, Pfleger, Ärzte, wurden an den Stadtrand verschleppt. Das Haager UNO-Kriegsverbrechertribunal hat später die Namen von 255 Personen aufgeführt, die auf dem Gelände des landwirtschaftlichen Betriebes Ovcara exekutiert wurden. Eine Gedenkstätte erinnert dort daran.
Drei Offiziere der Jugoslawischen Volksarmee haben inzwischen langjährige Haftstrafen erhalten, der grossserbische Ideologe Vojislav Seselj steht vor Gericht in Den Haag, der Schwerverbrecher Arkan wurde nach dem Krieg in einem Belgrader Hotel erschossen. Und Slavko Dokmanovic, der für die Schweinezucht in Ovcara zuständig war und dann als Bürgermeister das Massaker organisierte, hat sich 1996 in seiner Zelle in Den Haag das Leben genommen.
Dragan Kurolt, Verteidiger von Vukovar, hat die meisten dieser Männer beim Einmarsch nach Vukovar gesehen. Als die Stadt fiel, versteckte er sich im Krankenhaus, fiel in die Hände serbischer Soldaten und wurde mit Hunderten anderen Kroaten nach Serbien verschleppt. Dass er mit dem Leben davonkam: ein Zufall. Sein Onkel war katholischer Pfarrer in Belgrad, er zeigte den Behörden einige gefälschte Papiere, gemäss denen Dragan, sein Neffe, ein angehender Ordensmann sei. Dragan kam frei, heute ist er ein Kriegsveteran in Rente. Er steht vor den Trümmern seines Lebens wie viele andere Verteidiger von Vukovar.
Nationalisten mit krimineller Energie
Es gibt viele Erklärungen, wer die Schuld am Zerfall Jugoslawiens trägt. In Belgrad heisst es, die slowenischen und kroatischen Separatisten seien verantwortlich, weil sie im Juni 1991 einseitig die Unabhängigkeit erklärt hätten. In Slowenien und Kroatien wiederum sieht man sich als Opfer des grossserbischen Nationalismus. «Es ist wahr, dass Nationalisten auf allen Seiten mit krimineller Energie den Konflikt provoziert haben», sagt Zarko Puhovski, Politologieprofessor an der Universität Zagreb.
Als Menschenrechtler der ersten Stunde gründete Puhovski 1989 mit linksliberalen Intellektuellen aus ganz Jugoslawien die erste unabhängige Partei, die sich für eine friedliche Umgestaltung des Vielvölkerstaates einsetzte. Die Initiative sei gescheitert, sagt er, weil vor allem die kommunistischen Dogmatiker und Nationalisten in Belgrad Reformen abgelehnt hätten. Deren Ziel sei es gewesen, die inneren Grenzen gewaltsam zu ändern und Grossserbien zu schaffen nach dem Motto «Serbien ist überall dort, wo es ein serbisches Grab gibt».
Der Zehntagekrieg
Der Krieg in Slowenien dauerte im Sommer 1991 nur zehn Tage, weil dort praktisch keine Serben lebten. Danach wurden die Serben in Kroatien und in Bosnien bewaffnet und erklärten ihre Parastaaten. Das «Abenteuer» hatte vor allem für die kroatischen Serben fatale Folgen. Sie lehnten alle Friedensvorschläge ab, sogar eine weitreichende Autonomie mit eigener Regierung, Parlament, Flagge, Währung. Im Sommer 1995 liess die internationale Gemeinschaft der kroatischen Armee freie Hand. Präsident Franjo Tudjman, ein Serbenhasser, konnte jubeln: Etwa 200'000 Serben flüchteten nach Bosnien und Serbien.
Die jugoslawische Krise hatte sich lange vor dem Ausbruch der Kriege verschärft. 1980 starb Josip Broz Tito, der das Land mit seiner Autorität als ehemaliger Partisanenführer zusammengehalten hatte. Die kommunistischen Parteiführer waren unfähig, die Wirtschaftskrise zu bekämpfen, 1981 hatte die Regierung 21 Milliarden Dollar Schulden angehäuft. Parteifunktionäre aus den reicheren Republiken Slowenien und Kroatien warnten, das jugoslawische Projekt sei auf Illusionen und Fantasien gebaut, und forderten tief greifende Reformen. Serbien drängte aber auf eine weitere Zentralisierung. Die Grabenkämpfe lähmten das Land, und die KP verlor zunehmend an Legitimität. Ende der 80er-Jahre hatten vor allem national denkende Politiker und Nationalisten das Sagen. Von Slowenien bis Mazedonien fielen von 1991 bis 2001 etwa 150'000 Menschen dem Krieg zum Opfer.
«Zeichen der Hoffnung»
«Der Krieg ist Rock ’n’ Roll ohne Regeln. Der Krieg hat unsere Herzen kälter gemacht», sagt Dragan Kurolt. Er lebe heute allein, vielleicht sei das besser so. Hass auf die Serben empfinde er nicht. Sein bester Freund in Vukovar sei ein Serbe. «Er war damals ein Teenager, er kann nichts dafür.» Kürzlich haben die beiden einen 18-Kilo-Fisch aus der Donau gezogen. Vor dem Krieg hatte Vukovar 44'000 Einwohner, inzwischen ist etwas mehr als die Hälfte zurückgekehrt. «Immerhin ein Zeichen der Hoffnung», sagt Kurolt. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 22.06.2011, 20:20 Uhr
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10 Kommentare
Diese Einzelschicksale sind wirklich traurig! Leider gibt es davon auf allen Seiten unzählige... Jedoch darf man bei der Schuldfrage die Rolle der westeuropäischen/amerikanischen Politik nicht vergessen, welche aus Eigeninteresse eine Teilung des Landes anvisierten und dadurch einen schwachen und folgsamen Westbalkan erschaffen wollten, welchen wir heute auch haben... Antworten
Herr Petrovic, Sie haben recht. In den Norden (Slovenien und Kroatien) von ex Jug. Wurde viel mehr Investiert als in den anderen ex. Jug. Ländern. Für mich ist allerdings immer wieder interessant, wie sich hier mache gegen die Serben stellen. Warum? Warum gibt fast jeder den Serben die Schuld? Angefangen von den Medien. Antworten
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