Jetzt fliegen die ersten Steine gegen britische Parlamentarier

In Grossbritannien begehren die Wähler gegen die Gewählten auf. Der Spesenskandal hat zu einer gefährlichen Stimmung geführt. Selbst die Königin sorgt sich um den sozialen Frieden.

Britische Abgeordnete galten mal als hart arbeitende Volksvertreter: Der abtretende Speaker Michael Martin.

Britische Abgeordnete galten mal als hart arbeitende Volksvertreter: Der abtretende Speaker Michael Martin. (Bild: Keystone)

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Wen auch immer man anspricht in diesen Tagen auf der Insel: Die Ansichten über «das nutzlose Pack in Westminster» sind fast überall dieselben. Binnen zweier Wochen hat sich das Image der Parlamentarier drastisch gewandelt: Aus hart arbeitenden Volksvertretern sind Halunken geworden, die sich auf Kosten braver Steuerzahler schamlos bereichern.

«Was die sich da erlauben, ist doch echt abscheulich», meint eine junge Kassiererin im Tesco-Supermarkt von Hammersmith, im Westen Londons. «Die führen ein Luxusleben, während wir hier ums Nötigste kämpfen müssen.» Und eine Mutter mit Kinderwagen sagt: «Ich bin wirklich wütend. Das ist der reinste Betrug. Die schieben sich Zehntausende zu, für Landgüter und Gärten und riesige Apartments in London. Und uns sagen sie, wir müssten den Gürtel enger schnallen.»

«Wer mäht mein Gras?»

Ein Rentnerpaar, mit seinem Spaniel auf dem Weg zum nahen Ravenscourt Park, beharrt zwar darauf, «dass nicht alle die Finger im Spesentopf haben». Einige Parlamentarier seien «ganz anständige Leute, die sich wirklich einsetzen». Was den Rest betreffe, sei allerdings wahr, dass die sich «beschämend» verhalten hätten. Vor allem der regierenden Labour Party, die einmal soziale Gerechtigkeit versprochen hat, wird das übel genommen. «Das letzte Mal habe ich noch Labour gewählt», sagt die Frau mit dem Kinderwagen, «aber jetzt nicht mehr.»

Eine Momentaufnahme nur, doch sie ist durchaus typisch für die Stimmung im Lande. Dass sich ein Gutteil der 646 britischen Unterhaus-Abgeordneten Antiquitäten und Kronleuchter, Weihnachtsbäume, Wimperntusche und feinstes Rasierwasser aus der parlamentarischen Spesenkasse bewilligt hat, empört deren Wähler gründlich.

Keine Spur von Reue

Einigen Abgeordneten ist der Zorn auch nach zwei turbulenten Wochen nur schwer verständlich. Wenn sie als Parlamentarierin schon unter der Woche in Westminster leben müsse, brauche sie eben jemanden, der sich in ihrer Abwesenheit daheim um den Garten kümmere, meint etwa die Tory-Abgeordnete Ann Widdecombe: «Wer sonst soll mir das Gras mähen? Die Katze vielleicht?»

Verzweifelte Bemühungen der Staatssekretärin Margaret Beckett, vor einem Fernsehpublikum die eigenen Vergünstigungen zu rechtfertigen, endeten mit Buhrufen und einer Empörung im Saal, wie man sie seit Jahrzehnten nicht erlebt hat. Ihr «heuchlerisches Gehabe» könne sie sich schenken, wurde ihr zugerufen.

Beispiellose Krise

Mittlerweile sehen sich die Abgeordneten von allen Seiten angefeindet. «Eine Kultur des Missbrauchs» hat ihnen der frühere Erzbischof von Canterbury, Lord Carey, vorgeworfen: «Die moralische Autorität unseres Parlaments ist auf dem niedrigsten Stand seit Menschengedenken angekommen.» Nachdem in der Kreditkrise das Finanzsystem in Verruf geraten sei, und jüngst auch das Vertrauen in die britische Polizei schwer gelitten habe, komme nun mit dem Unterhaus der Rest des Establishments gefährlich ins Schleudern, schrieb der liberale «Observer».

Professor Vernon Bogdanor, ein prominenter Verfassungsexperte, sieht schon «eine für britische Verhältnisse beispiellose Krise» am Horizont aufziehen, die ihn «an die Skandale der dritten und vierten französischen Republik» erinnere. Derweil ist den Parlamentariern selbst ganz und gar nicht geheuer, was ihnen aus der Bevölkerung entgegenschlägt. Wüste Beschimpfungen hat es in dieser Woche schon gegeben. Einer konservativen Abgeordneten sind Steine durchs Fenster geworfen worden. Ein anderer hat Polizeischutz angefordert. Weitere sind für ein paar Tage «abgetaucht», um der Volksseele Zeit zu geben, sich zu beruhigen.

Aber ob sich die Leute so schnell beruhigen werden, weiss niemand zu sagen. Die Labour-Hinterbänklerin Diane Abbott befürchtet, dass es «nicht genügen» werde, sich zu entschuldigen oder Geld zurückzuzahlen: «Die Leute wollen Abgeordnete tot am Laternenpfahl baumeln sehen.» Das mag etwas weit gegriffen sein, aber die Stimmung ist so unwägbar geworden, dass selbst Königin Elizabeth II. sich bei Premier Gordon Brown erkundigt hat, wie ernst man im Regierungsviertel diese fatale Krise «ihres» Parlaments nehme.

Weisse Ritter rüsten zum Kampf

Ernst nimmt man sie zweifellos, im Parlament wie in Downing Street. Nicht nur droht der Labour Party bei den Europa- und Lokalwahlen Anfang Juni ein katastrophaler Einbruch. Die beiden grossen Parteien müssen gleichermassen fürchten, dass ihnen kleine Protestparteien das Wasser abgraben werden. Und für die Unterhauswahlen, die bis Mai 2010 ausgeschrieben werden müssen, rüsten schon jetzt allerlei «weisse Ritter», verbitterte Gewerkschafter und Anti-Korruptions-Aktivisten zum Kampf gegen die etablierten Mächte. Möglicherweise werden sich Labour- und Tory-Kandidaten im ganzen Land parteilosen Herausforderern gegenübersehen, die den Volkszorn in eine Parlamentsbesetzung ganz neuer Art umwandeln wollen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.05.2009, 06:50 Uhr

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16 KOMMENTARE

Mark Herges

22.05.2009, 14:29 Uhr

@Tom Widi und @balz graf Da habt ihr gar nicht mal so unrecht! Wenn wir was erkennen können, dann, dass dieses Spiel seit Jahrzehnten vor unseren Augen abläuft und das ALLE involviert sind! Diese Erkenntnis ist wichtig, wenn ein komplettes Umdenken stattfinden soll. Wir haben es (noch) in der Hand. Aber jetzt muss es stattfinden, bevor noch mehr Steine fliegen oder Schlimmeres.


Markus Altdorfer

22.05.2009, 13:50 Uhr

Ich wundere mich einfach immer wieder über die Empörung der Bevölkerung wenn solche Machenschaften aufgedeckt werden. Wir haben es doch selbst in der Hand wenn wir als Volksvertreter wählen. Wieso wählen wir denn immer mehr oder weniger die gleichen Lobbyisten, Unternehmer und Privilegierten nach Bern? Es gibt nur eins. Man muss gezielt panachieren und nur "einfache" und ehrliche Leute wählen!


balz graf

22.05.2009, 12:38 Uhr

wie viele der personen, die sich hier empören, hätten die ihnen bewilligten spesen abgelehnt?


Tom Widi

22.05.2009, 11:58 Uhr

Oh, wie lieben wir Schweizer doch populistische Themen - die Medien sind es Euch sehr dankbar. Was mich erstaunt ist eigentlich nur, wie erstaunt doch alle sind. Seit der Mensch nur den Profit kenn, steht sich jeder selbst am nächsten. Und ich bin ziemlich überzeugt, auch solche, die sich hier gerne anders zum Besten geben.


Peter Waldner

22.05.2009, 11:50 Uhr

Eine strikte "Aufräumaktion" wäre wohl das einzig Richtige. Die grossen Parteien müssten ihre Parlamentarier, die in den Augen einer gesunden Volksmeinung die Steuerzahler abgezockt haben, einfach zum Rücktritt nötigen, notfalls mit der Alternative "Parteiausschluss". Nur so können sie sich wieder "reinwaschen". Das passive Aussitzen wirds kaum bringen.


Ellen Braun

22.05.2009, 11:26 Uhr

Die Zeit der Wenigen und ihren Mitläufern aus Politike, Wirtschaft, Kirche ist vorbei. Ihre Machenschaften werden von der intensiven Lichtkraft die nun mit jedem Tag unseren Planeten immer mehr erreicht ans Tageslicht gespühlt . Auch jene, die heute noch den Kopf in den Sand stecken, um ja ihr heiles Bild bewahren zu können, werden eben nun jeden Tage etwas mehr wachgerüttelt.


Thomi Horath

22.05.2009, 11:16 Uhr

Bei uns gibt es z.B. ein Gratis 1.Kl-GA für jeden Parlamentarier. Man kann sich streiten, ob dies gerechtfertigt ist, oder nicht. Es würde ja auch ein 2.Kl-Streckenabo für Wohnort-Bern reichen, oder?


Nadja Reuteler

22.05.2009, 11:00 Uhr

mich würde mal interessieren wie es bei unseren Politikern aussieht... wäre mal an der Zeit alles zumindest überprüfen zu lassen, sei es auch nur zur Sicherstellung dass wir sowas nicht haben! mache mir aber da wenig Hoffnung, denn gibt sicher viele ähnliche Fälle bei uns. also, raus mit denen und ja keine Rente mehr geben!!


Werner Meier

22.05.2009, 10:05 Uhr

@D. Grimm: Und wofür genau wollen Sie unsere Parlamentarier und Regierungsmitglieder gleich am Laternenpfahl baumeln sehen? Abwählen würde m.E. genügen.


Erich Hofstetter

22.05.2009, 10:00 Uhr

Wenn es eine Trennlinie gibt zwischen Wirtschaft und Politik, dann verläuft sie vielleicht nicht dort wo sie sie vermuten, M. Raggenbass. Die Interessen gewisser politischer Kreise sind absolut deckungsgleich mit jenen Banker. Das ist kein Widerspruch. Im übrigen bin ich sicher, dass sich die Empörung britischer Banker sehr in Grenzen hält.


Barbara Grunder

22.05.2009, 09:28 Uhr

Wen wunderts. Bei uns ist es doch dasselbe, vom Bund über Kanton bis in die Gemeinden. Ist immer irgendwo zu lesen, oder zu erfahren.


Eric Mayer

22.05.2009, 08:59 Uhr

In Grossbritannien begehren die Wähler gegen die Gewählten auf. Ich finde die Wortwahl aufbegehren fehl am am platz, wer gibt diesen möchte gern herren das recht dazu sich so abzuheben vom volk. schliesslich wenn man als bürger so arglistig hinters licht geführt wird, muss mann sich wirklich nicht mehr wundern wenn der steuerzahler deutlicher wird und zur härteren materie greift!!


Dominik Grimm

22.05.2009, 08:24 Uhr

«Die Leute wollen Abgeordnete tot am Laternenpfahl baumeln sehen» heute in England, morgen vielleicht schon in der Schweiz! Wird die Marke von 200'000 Arbeitslosen überschritten, werden sich auch bei uns einige Parlamertarier und Regierungsmitglieder zu rechtfertigen haben. Die Veruntreuung von Spesen ist nur unwesentlich im Vergleich zum politschen Schaden der die letzten 20 Jahre angerichtet wur


Marc Raggenbass

22.05.2009, 07:50 Uhr

Lange machte man uns glauben, dass Banker und ihre Boni die Ursache der heutigen Krise sind und man suchte das Heil in der Politik, in neuen Vorschriften, die auch von der Politik stammen. Im Gegensatz zu Bankern, schafften die Politiker nie Mehrwert; sie spühlten nie Milliarden in die Sozialversicherung, sondern bedienen sich nur. Als Bürger müssen wir uns engagieren und Missbräuche bekämpfen.


Alexander Hampe

22.05.2009, 07:19 Uhr

Ich finde es beschämend , dass sich die herrschende Kaste selbt in dieser Kriese nicht in Ihrer Habgier zu zügeln vermag. Viele Menschen bangen um ihre Arbeit und damit um ihre wirtschaftliche sowie soziale Existenz.. An diesem Beispiel sieht man deutlich wie Herrschenden, nicht nur in den bekannten korrupten Ländern, den Bezug zum Volk und zur Realität verloren haben. Wie lange noch?


Bruno Froehlich

22.05.2009, 00:15 Uhr

Was gibt es da aus der Schweiz zu kommentieren ? Einst war CH das Zeichen fuer mustergueltige Demokratie, keine Korruption, ein sauberer Staat. Und was wird heute unter den Teppich gekehrt, welche unentdeckten Leichen sind noch im Keller. Also erst den eigenen Stall sauber machen und kein Wort zu den Englaendern, hoechstens, es scheint weltweit die gleiche Misere...






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