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Klimaexpress ist in Kopenhagen

Die dänische Hauptstadt erwartet 18'000 Konferenzteilnehmer, darunter 60 Regierungschefs. Die Sicherheitskräfte rechnen mit Ausschreitungen.

Passanten vor der leuchtenden Weltkugel im Zentrum Kopenhagens, die auf die Klimakonferenz hinweist.

Passanten vor der leuchtenden Weltkugel im Zentrum Kopenhagens, die auf die Klimakonferenz hinweist.
Bild: Reuters

Nichts erinnert im Hauptbahnhof Kopenhagen an die bevorstehende Jahrhundertkonferenz. Der Klimawandel findet auf keinem Plakat statt, kein Flyer wird einem in die Hand gedrückt. Es ist zu früh für die Umweltaktivisten. Noch ist nur ein kleiner Teil der 18 000 erwarteten Konferenzteilnehmer anwesend, das Gros wird heute anreisen. Diplomaten, Manager, Lobbyisten, Umweltorganisationen und Journalisten. Die wichtigsten Unterhändler sind rund 60 Staats- und Regierungschefs. Es ist die grösste politische Konferenz, die je in Dänemark stattgefunden hat.

Eine grosse Show

«Kopenhagen wird eine grosse Show», sagte kürzlich Bundesrat Moritz Leuenberger. Er hatte Recht. Das Spektakel beginnt allerdings erst im Stadtkern, auf dem Rathausplatz. Kopenhagen hat keinen Aufwand gescheut, um das Thema Klimawandel unter die Bevölkerung zu bringen. Von der Klimakonferenz ist hier allerdings keine Rede, dafür von «Hopenhagen». Das ist eigentlich eine Kampagne, die weltweit auffordert, per Internet eine Petition für einen starken, verbindlichen Klimavertrag zu unterschreiben. Doch für die nächsten vierzehn Tage steht dieser Begriff für Konzerte, Podien, Ausstellungen, Kunst. Entspannt soll die Kopenhagener Bevölkerung an das emotionale Thema herangeführt werden.

Die Politik scheint hier nur am Rande ein Thema zu sein. Es geht um Handfestes. So hat sich die Industrie den besten Ort neben dem Rathaus ausgesucht. Eine gigantische, leuchtende Weltkugel erwartet den dichten Menschenstrom, der am Wochenende aus der Shoppingmeile mit Weihnachtseinkäufen auf dem Platz zwischen Konzertbühne und grün leuchtenden Pavillons Halt macht. Klimafreundlicher Häuserbau wird dort gelehrt, die Stadt der Zukunft präsentiert. Und Siemens fragt per Leuchtschrift: «Wollt ihr warten, bis es zu spät ist? Es gibt Lösungen.» Der Stadtbummler findet sie auf Plätzen, zwischen Häuserzeilen – stets im Lichtermeer der Weihnachtsbeleuchtung.

Hohe Ziele für Kopenhagen

«Werdet Klimabürger der Welt», heisst es auf dem Plakat in Weltformat. Und dabei zeigen zwei kerngesunde Buben ihre Muskeln. «Earth's body guards». Die Stadtregierung braucht die Unterstützung der Bevölkerung, wenn sie ihr ehrgeiziges Ziel umsetzen will: Bis 2025 soll Kopenhagen CO2-neutral sein. Mehr Windenergie will sie einsetzen, die Geothermie fördern, den Verkehr eindämmen, Elektrobusse sollen fahren, Häuser isoliert und die Metro ausgebaut werden – ein 50-Punkte-Programm. Ein Problem haben sie im Vergleich zu anderen europäischen Städten nicht: Knapp 40 Prozent der Kopenhagener fahren mit dem Velo zur Arbeit.

Wie Ernst es der Stadt ist, zeigt sie am Gipfel. Vor einem Jahr hatten rund 12 Prozent der Hotels ein Ökozertifikat, nun sollen es bereits gut 50 Prozent sein. 2,5 Millionen Euro wurde in das neue Energiesystem im Konferenzzentrum Bella Center investiert. 20 Prozent weniger CO2 soll das Kongresszentrum heute ausstossen. Die gesamte Klimakonferenz soll CO2-neutral sein. Die ausgestossenen Treibhausgase werden durch klimafreundliche Energieprojekte in Bangladesh kompensiert.

Kopenhagen unternimmt alles, um während der Klimakonferenz in einem guten Licht erscheinen wird. 6500 Polizeibeamte sollen laut Medienberichten im Einsatz stehen, um die Sicherheit rund um die Uhr zu gewährleisten. Es ist das erste Mal, dass so viele Staatschefs, darunter der amerikanische Präsident Barack Obama, an den Schlussverhandlungen teilnehmen (vgl. Artikel rechts).

Autonome und Anarchisten

Die Polizei will nichts dem Zufall überlassen. Sie erwartet Ausschreitungen durch Autonome und Anarchisten. Das sei ein noch nie dagewesener Aufwand und ohne Hilfe aus dem Ausland, weiss ein Polizist. Doch bereits wird in den Medien diskutiert, ob die bevorstehenden überlangen Arbeitstage der Polizeibeamten nicht ein Risiko für die Sicherheit sei.

Bei diesen Aussichten ist die sympathische Kampagne des «Climate Express» geradezu wohltuend. Am Samstag Nacht gegen 23 Uhr ist der Sonderzug in Kopenhagen von Brüssel eingetroffen. An Bord Politiker, Wissenschaftler, Journalisten und Umweltaktivisten. Auf ihrer Reise wurden Interviews gemacht, es gab Workshops und Podien. Es war die letzte Etappe auf dem Weg vom japanischen Kyoto, wo 1997 das Kyoto-Protokoll beschlossen wurde, durch Sibirien nach Moskau. Eine Handvoll Kameraleute und Journalisten empfingen die Reisenden.

Der Direktor der Uno-Umweltorganisation Unep, Achim Steiner, trug eine fussballgrosse silberne Weltkugel mit sich. Darin 350 Gigabyte Geschichten, Stimmen, Bilder und Aktionen von Leuten der ganzen Welt, was sie gegen den Klimawandel unternehmen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.12.2009, 08:36 Uhr

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