Ausland
«Kloake der Kriminalität»
Es sind noch immer Hunderte. Hunderte von über hunderttausend. Sie hocken, stehen oder schlendern vor den Gittern der mit Ketten verrammelten Markttore herum. Sie verhandeln mit Wachmännern, deren blaue Uniformhemden vor Wichtigkeit zu platzen scheinen. «Heute nicht», sagt ein Uniformierter zu einer jungen Russin, die sich nach vorn gedrängt hat. «Komm morgen wieder. Um elf.» Er wendet sich gelangweilt ab. «Du musst 1000 Rubel zahlen, dann kommst du auf die Warteliste», erklärt ihr ein Kaukasier. «Und wie viel kostet es, meine Ware rauszuholen?», fragt sie. «60000 Rubel für eine Fuhre», lautet die Antwort. Der Kaukasier grinst traurig. 60000 Rubel, das sind über 1300 Euro. Über 1300 Euro Schmiergeld.
Am 29. Juni wurde der Tscherkisow-Markt im Osten Moskaus geschlossen. Ohne Vorwarnung. Seitdem sind die Händler ausgesperrt. Sie stehen draussen, ihre Waren liegen innerhalb der Tore. Zehntausenden droht der Ruin.
Grösser als 400 Fussballfelder
Es war der grösste Markt Europas, ein Markt, auf dem mindestens 100000 Menschen arbeiteten und täglich über eine Million Leute einkauften. Der «Tscherkison», wie ihn die Moskauer nennen. Über 200 Hektaren Hallenlandschaft, mehr als 400 Fussballfelder gross, ein Wald aus Läden, Lagern, Grosshandlungen, voll mit Jeans aus China, Kunstlederschuhen und Plastikspielzeug, eine Stadt mit eigenen Schaschlikständen, Cafés, Wohnheimen, einer Synagoge, Tätowierungssalons und Zahnarztpraxen. Ein Staat im Staat, wie die Moskauer Zeitungen zu schreiben pflegten, ein Staat mit eigenen Gesetzen. Keiner weiss, wie viel Geld hier täglich floss. Aber als vor einigen Wochen Ministerpräsident Wladimir Putin erklärte, auf einem Moskauer Markt läge Schmuggelgut im Wert von zwei Milliarden Dollar, da wussten alle, dass er den Tscherkison meinte. Und dass Putins Worte nichts Gutes bedeuteten.
Erst hiess es, man mache nur für zwei Tage dicht, wegen Verstössen gegen Hygiene- und Brandschutzvorschriften. Aber inzwischen erklärte Moskaus Stadtpräsident Juri Luschkow, der Markt sei wohl endgültig geschlossen. «Für die russischen Produzenten und Händler finden wir schon einen Platz, aber die Chinesen und Vietnamesen verschwinden aus Moskau!», bestimmte er. Luschkows Beamte nennen den Markt nur noch eine « Kloake der Kriminalität ». Chinesen sieht man vor dem Gitterzaun kaum. Die meisten Wartenden sind Kaukasier. Viele zeigen russische Pässe. Einige tragen Kunststoffsandalen an blossen Füssen, andere massive Goldketten am Hals. Kleine und mittlere Händler geniessen in Russland den Ruf, notorische Optimisten zu sein. Einige hoffen auf freien Zugang zu ihren Waren, andere sogar, dass der Markt wieder aufgemacht wird. «Zumindest bis zum Jahresende, damit wir etwas Neues finden können», sagt eine 65-jährige Sprachwissenschaftlerin aus Dagestan, die seit 16 Jahren mit Damenunterwäsche handelt. Dann fängt sie an, Jelzin und «die anderen Hasen» zu schmähen, die die Sowjetunion ruiniert hätten. «Vorher waren wir alle eine Familie. Jetzt gibt es nur noch Weisse, Gelbe und Schwarze.»
Schmuggel mit Segen von oben
Warum der Tscherkison zugemacht wird? Die ausgesperrten Händler streiten nicht ab, dass auf dem Markt viel Schmuggelware realisiert wurde. «Aber die ist doch nicht vom Himmel gefallen», räsoniert ein Armenier. Tatsächlich gilt der russische Zoll als die vielleicht korrupteste Behörde im Land. Und selbst der nationalpatriotische Duma-Abgeordnete Wladimir Schirinowski spottet: «Solche Mengen Schmuggelgut können nur in den Verkauf gelangen, wenn es Protektion von ganz oben gibt.»
Die Händler erzählen, auf dem Tscherkison kosteten sechs Quadratmeter Verkaufsfläche umgerechnet über 2200 Euro Monatsmiete. Im Voraus zahlbar. Und die meisten hier hätten noch Container voller Ware innerhalb der Tore stehen. Mutmasslich unhygienische Schmuggelware, die jetzt beschlagnahmt zu werden droht. «Mein ganzes Kapital, 16000 Dollar, kann mir weggenommen werden», schimpft ein rundlicher Aserbaidschaner. Er sei pleite, bis auf ein paar Rubel in der Hemdtasche, mit denen er pathetisch klimpert. «Ich werde stehlen, ich werde töten.» Aber sein Zorn klingt hilflos. Und wie die meisten hier hat er Angst, zu erzählen, dass man im Tscherkison auf die offizielle Platzmiete noch einmal rund 100 Prozent Schmiergeld zahlen musste, an alle möglichen Behörden.
Staat wälzt Verantwortung ab
Der Feldzug gegen den Tscherkison wirkt wie die Ersatzhandlung einer Bürokratie, die ihre eigene Korruption bekämpfen soll, aber nicht will. Minister klagen, die Dumpingtextilien aus China und der Türkei erstickten die sanft keimende russische Leichtindustrie. Und Ramschmärkte wie der Tscherkison kosteten den Staatshaushalt jährlich fast 1,5 Milliarden Euro. Aber keiner redet davon, dass vor allem Korruption und Bürokratie Russlands Kleingewerbe den Atem abschnüren. Die Staatsmacht hat wieder einmal einen Sündenbock gefunden. (Der Bund)
Erstellt: 22.07.2009, 07:42 Uhr
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.



