Ausland

Krieg der Bilder – und der Blick dahinter

Von Simon Widmer. Aktualisiert am 30.07.2014

Zwei Bilder russischer Rebellen: Der eine hält ein Plüschtier in die Luft, der andere stiehlt den Ring eines Opfers. Für viele westliche Medien ist klar: Beide handeln skrupellos. Aber stimmt das auch?

Welche Aussage erlaubt dieses Bild? Ein prorussischer Rebell hält ein Plüschtier. (<nobr>18. Juli</nobr>)

Welche Aussage erlaubt dieses Bild? Ein prorussischer Rebell hält ein Plüschtier. (18. Juli)
Bild: Maxim Zmeyev/Reuters

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«Die Wahrheit ist das erste Opfer des Krieges», sagte der britische Schriftsteller Rudyard Kipling. Das trifft auch auf den Ukrainekonflikt zu. Ganz besonders auf den Umgang mit dessen Bildern.

Auf einem Bild der Fotoagentur AFP ist zu sehen, wie ein prorussischer Rebell ein Plüschtier eines der verstorbenen Opfer in die Luft hält. Ukrainische Medien schlachteten das Bild aus, um die prorussischen Kämpfer als Monster darzustellen. Auch in sozialen Netzwerken war die Meinung schnell gemacht: User bezeichneten den Mann als «widerwärtig» und als «Leichenfledderer».

Auch westliche Medien übernahmen diese Interpretation der Bilder. So schreibt das Online-Portal der Tageszeitung «Österreich», die Rebellen würden die Opfer verhöhnen.

Das australische Newsportal Yahoo7! nutzte das Foto um zu illustrieren, wie die Rebellen die Unfallstelle plündern würden.

Auch der «SonntagsBlick» titelte auf der Frontseite: «Was sind das bloss für Menschen – Putins Rebellen treten die Würde der Opfer mit Füssen!» Im Lauftext steht, der Mann halte das Stofftier, «als wäre das schwarz-weisse Plüschwesen eine Trophäe».

Ein anderes Beispiel: Auf Twitter machte ein Screenshot eines (nicht verifizierten) Videos die Runde. Auf diesem soll zu sehen sein, wie ein Separatist den Ring eines Opfers klaut. Darüber berichtete etwa der englische «Mirror»:

Auch in diesem Fall zeigten sich die User bestürzt.

Der Fall scheint klar. Oder doch nicht? Das untenstehende Video, das im Blog «Friedensblick» thematisiert wird, zeigt beide Vorfälle in einem anderen Licht.

Der Mann, der das Plüschtier aufhebt, ist sichtlich berührt (zu sehen ab 0:36). Er nimmt seine Mütze ab und bekreuzigt sich. Das Plüschtier legt er wieder auf den Boden zurück.

Der Mann, der angeblich den Ring stiehlt, hebt den Ring auf dem Video nur kurz auf (zu sehen ab 1:13), legt ihn aber sofort in eine Kartonschachtel. Später wird angedeutet, dass die Kartonschachtel mit den anderen Gegenständen vom Unfallort wegtransportiert wird.

Das Plüschtier und der Ring: Welche Version stimmt? Eine Frage, die kaum zu beantworten ist. Die Kriegsparteien setzen Bilder und Videos als mächtige Waffe ein, um die öffentliche Meinung zu manipulieren. Eines ist klar: Medien dürfen solche Bilder nur äusserst zurückhaltend interpretieren.

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.07.2014, 07:34 Uhr

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