Mazedonien geht gegen mafiöse Romahändler vor
Von Enver Robelli. Aktualisiert am 06.03.2010
Lösungsmittel schnüffeln: Ein Roma-Junge 2007 in Mazedonien. (Bild: Reuters)
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Es begann mit einer Lüge. Kurz nachdem die EU Ende Dezember den Visumzwang für die Bürger von Mazedonien, Montenegro und Serbien aufhob, setzten Menschenhändler und dubiose Reisebüros auf dem Balkan ein Gerücht in Umlauf. Wer im Besitz eines biometrischen Passes sei, der könne nach Westeuropa auswandern, hiess es. In Belgien oder in den skandinavischen Staaten erhalte man sogar Asyl.
Das falsche Versprechen verbreitete sich wie ein Lauffeuer. In den letzten acht Wochen hat das mazedonische Innenministerium rund 150 000 Ausreisen registriert. Man rechnet, dass die meisten ausgereisten Bürger bald in ihre Heimat zurückkehren werden. Tatsache ist aber, dass die Zahl der Asylanträge aus den drei Balkanländern in einigen westeuropäischen Staaten deutlich gestiegen ist.
Keine Chancen auf Asyl
Inzwischen ist die EU über die Reisewelle beunruhigt. Brüssel hat in den letzten Tagen die Regierungen in Skopje, Belgrad und Podgorica aufgefordert, ihre Bürger mit Informationskampagnen über die Visafreiheit aufzuklären. Die Bedingungen sind klar: Staatsangehörige von Mazedonien, Montenegro und Serbien dürfen sich maximal 90 Tage im Schengen-Raum aufhalten. Die Erwerbstätigkeit ist ausdrücklich untersagt. Wer das Gastland nicht fristgerecht verlässt, wird in seine Heimat abgeschoben. «Die meisten Asylgesuche sind wirtschaftlich motiviert und haben wenig Aussicht auf Erfolg», sagte ein EU-Sprecher.
Am Freitag führte der serbische Ministerpräsident Mirko Cvetkovic Gespräche in Brüssel mit EU-Verantwortlichen und mit seinem belgischen Amtskollegen Yves Leterme über die steigende Zahl von Asylbewerbern aus Serbien. Nächste Woche will Leterme Mazedonien besuchen, um eine Lösung für das Problem zu finden. Seit dem 1. Januar haben nach Angaben der belgischen Behörden 400 mazedonische und 360 serbische Staatsbürger um Asyl gebeten. Obwohl klar ist, dass es sich um Wirtschaftsflüchtlinge handelt, müssen die belgischen Behörden ihre Gesuche prüfen.
Skopje schliesst Reisebüros
Die Warnungen aus Brüssel zeigen bereits Wirkung. Die mazedonischen Behörden haben damit begonnen, mehrere Reiseagenturen unter die Lupe zu nehmen, die in den vergangenen zwei Monaten Ausreisewillige nach Westeuropa transportiert haben. Am Donnerstag wurden im Romaslum Suto Orizari in der Hauptstadt Skopje die Büros der Reiseagentur «Skaj Vim» geschlossen. Das Busunternehmen gehört der Familie eines Abgeordneten, der die Roma im mazedonischen Parlament vertritt. Der Clan soll vor allem Roma nach Belgien und Deutschland gebracht haben. Aus den mehrheitlich von Albanern bewohnten Gebieten im Westen Mazedoniens und aus dem südserbischen Presevo-Tal sind in den letzten Tagen deutlich weniger Personen weggegangen.
Es wird geschätzt, dass seit der Visaliberalisierung etwa 50'000 mazedonische Albaner ihre Heimat verlassen haben. Hauptgrund für den Exodus ist die schlechte Wirtschaftslage. Vertreter der albanischen Minderheit, die ein Viertel der zwei Millionen Einwohner Mazedoniens ausmacht, werfen der Regierung vor, die albanisch bewohnten Dörfer und Städte absichtlich zu vernachlässigen. So plane die Staatsspitze, bis 2014 für Denkmäler und repräsentative Bauten in Skopje 80 Millionen Euro auszugeben, mache aber keine Mittel locker für ökonomisch rückständige Gebiete. Erst nach der jüngsten Auswanderungswelle versprach das Wirtschaftsministerium Investitionen in den albanischen Ortschaften rund um Kumanovo. Vor allem Jugendliche verlassen ihre Heimat, weil sie keine Arbeit haben.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.03.2010, 07:00 Uhr
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