Ausland

Mehr als ein Dutzend Staaten anerkennen Armenier-Genozid

Die Türkei protestiert heftig gegen die Armenien-Resolution des US-Repräsentantenhauses, das wie der Nationalrat in der Schweiz von einem Völkermord spricht.

Planmässiges Morden der Türken in den Jahren 1915/16: Armenische Opfer.

Planmässiges Morden der Türken in den Jahren 1915/16: Armenische Opfer.
Bild: Keystone

Ein US-Kongressausschuss will, dass die USA die Verfolgung der Armenier durch die Türkei als Völkermord bezeichnen. Bereits heute haben mehr als ein Dutzend Staaten diesen Schritt vollzogen, darunter Frankreich und die Niederlande.

Mit dem Resolutionsentwurf warf der US-Aussschuss ein Thema auf, das in der Türkei hochsensibel behandelt wird. Die Türkei beharrt entschieden auf ihrer Position, wonach die Vertreibung mit ihren Folgen nicht als Genozid zu bewerten ist.

Die Türkei hat inzwischen Washington zur Korrektur der Resolution aufgefordert. Die Resolution laste der Türkei ein Verbrechen an, das sie nicht begangen habe, hiess es in einer Erklärung. Der US-Kongress müsse einen «historischen Fehler» berichtigen, zitierten türkische Medien am Freitag Parlamentssprecher Mehmet Ali Sahin. Der auswärtige Ausschuss im US-Kongress hatte die Resolution am Vortag mit 23 gegen 22 Stimmen angenommen.

Bis zu 1,5 Millionen Tote

Im Osmanischen Reich, das nach dem Ersten Weltkrieg unterging, lebten gegen Ende des 19. Jahrhunderts etwa 2,5 Millionen Armenier. Laut Historikern kam es schon 1895 unter Sultan Abdulhamid II. zu ausgedehnten Pogromen, weit mehr als 100'000 Armenier wurden getötet. Den Auftakt zum Massenmord bildete am 24. April 1915 eine Verhaftungswelle unter den führenden armenischen Intellektuellen in Konstantinopel. Unmittelbar darauf begannen die Massendeportationen aus den Siedlungsgebieten der Armenier in Ostanatolien.

In Todeskarawanen zogen monatelang Hunderttausende in Richtung der Wüsten Mesopotamiens und Syriens. Neben türkischen Sondereinheiten und Pöbel beteiligten sich auch kurdische Kommandos aktiv am Massenmord an den Armeniern. Dem Völkermord fielen nach Schätzungen von Historikern bis zu 1,5 Millionen Armenier zum Opfer. Der planmässige Mord an der armenischen Bevölkerung in den Jahren 1915/16 gilt als erster Genozid der modernen Geschichte.

Historiker: Präzise Planung

Von türkischer Seite wird der Genozid bis heute bestritten. «Es ist eine historische Tatsache, dass während des Ersten Weltkriegs die Armenier 1915 aufbegehrten und schwere Gewalttaten gegen Zivilisten und den Staat verübten. Während der deshalb angeordneten Umsiedlung der Armenier mussten beide Seiten erhebliche Verluste hinnehmen», schrieb 1998 der damalige türkische Präsident Süleyman Demirel dem französischen Präsidenten Jacques Chirac.

Nach Ansicht von Historikern steht die Verantwortung der damaligen türkischen Führung an dem Völkermord ausser Zweifel. Sie zitieren etwa den Generalsekretär der Jungtürken, Nazim Bey: «Es ist dringend erforderlich, das armenische Volk vollständig auszurotten, so dass kein Armenier auf unserer Erde übrigbleibt und der Begriff 'Armenien' ausgelöscht wird.»

Verunglimpfung des Türkentums

Der Genozid war ihrer Einschätzung nach präzise geplant. Zu schriftlichen Anordnungen seien mündliche Geheimbefehle gekommen, schon Monate vor Beginn der Deportationen seien Sonderkommandos aufgestellt worden. Weniger kritisch darf man sich in der Türkei zu dem Thema äussern. So wurde der türkische Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk nach kritischen Äusserungen dazu auf Grundlage des Staatsschutzparagrafen 301 wegen «Verunglimpfung des Türkentums» angeklagt.

Der Prozess wurde aber Anfang 2006 eingestellt. Der durch ähnlich kritische Äusserungen bekannte türkisch-armenische Journalist Hrant Dink wurde 2007 in Istanbul ermordet.

Bundesrat hält sich zurück

In der Schweiz hat der Nationalrat den Massenmord an den Armeniern als Genozid anerkannt, nicht jedoch der Bundesrat. Letzterer argumentiert, dies sei Sache von Historikern und nicht von Politikern. Die Regierung möchte die Beziehungen zur Türkei nicht zusätzlich belasten. Auch einige Kantonsparlamente haben den Genozid anerkannt. (vin/sda/ddp/)

Erstellt: 05.03.2010, 10:39 Uhr

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