Ausland

Meine Jugendfreundin Angela

Von Patrick Marcolli. Aktualisiert am 06.12.2011 1 Kommentar

Er hörte die Stones, sie die Beatles. Stadtführer Matthias Rau aus Berlin erinnert sich an seine Jugendfreundin Angela Merkel.

Beharrlich und uneitel: Angela Merkel auf einem Foto zu DDR-Zeiten.

Beharrlich und uneitel: Angela Merkel auf einem Foto zu DDR-Zeiten.
Bild: PD

Matthias Rau: Der 58-Jährige bietet thematische Stadtführungen in Berlin an. (Bild: PD)

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Matthias Rau ist nicht einer, der vorschnell Lob verteilt. Er ist ein kritischer Geist. Schaut hin, denkt nach, wägt ab – und bildet sich eine klare Meinung. Zum Beispiel über die Stadt Berlin, die er liebe und der er viel verdanke, wie er sagt. In der er kluge, detailreiche und sehr lebensnahe Stadtführungen durchführe, in der er aber viele negative Entwicklungen beobachte. Besonders in jenen Quartieren im ehemaligen Osten, wo er einen grossen Teil seines Lebens verbracht hat und die sich seit der Wiedervereinigung so stark verändert haben, dass langjährige Bewohner wegziehen müssten. Das Leben sei ihnen dort zu teuer geworden.

Ich treffe Matthias Rau, Jahrgang 1953, in einem Café im Prenzlauer Berg, einem dieser Stadtteile. Berlin ist eigentlich nicht unser Gesprächsthema – und hat doch sehr viel damit zu tun. Rau ist ein Kind der DDR. Genau wie die amtierende Bundeskanzlerin, um die sich unser Gespräch drehen wird. Rau wohnt seit ein paar Jahren im Arbeiterquartier Friedrichshain, weil er aus finanziellen Gründen weg musste vom Prenzlauer Berg. Angela Merkel, Jahrgang 1954, residiert in Berlin Mitte und regiert seit 2005 im repräsentativen Kanzleramt, das noch unter ihrem politischen Ziehvater Helmut Kohl geplant wurde.

Westliche Musik

Rau und Merkel leben heute nur ein paar Kilometer voneinander entfernt. Doch trennen die beiden Welten. Das war nicht immer so. In Templin, einer kleinen Stadt im Norden Brandenburgs, sind die beiden zusammen aufgewachsen. Matthias Rau als Sohn eines Diakons, der den «Waldhof» leitete, eine kirchlich-psychiatrische Einrichtung am Rande der Stadt. Angela Merkel als Tochter des Pfarrers Horst Kasner, der innerhalb des «Waldhofs» einem Pastorenkolleg vorstand.

Angela und Matthias verbrachten einige Jahre ihrer Kindheit und frühen Jugend in diesem Mikrokosmos Waldhof, einem auch von Westgeldern finanzierten Konglomerat mit Schusterei, Näherei, Gärtnerei und Bauernhof. Sie hörten Musik – er die Stones, sie die Beatles. Und er spielte ihr auf der Gitarre Lieder des DDR-Dissidenten Wolf Biermann vor.

Irgendwann trennten sich ihre Wege. Matthias Rau wählte den unbequemen: lernte Krankenpfleger, brach ein Theologiestudium ab, verweigerte den Wehrdienst in der Nationalen Volksarmee und bestritt sein Leben unter anderem als Aktmodell und Tellerwäscher. Ab Mitte der Achtzigerjahre begann er für Westorganisationen wie das Goethe-Institut mit illegalen Stadtführungen durch Ostberlin.

Offene Flanke

Angela Kasner – wie Merkel damals noch hiess – wählte einen ganz anderen Weg. Sie war Mitglied der Freien Deutschen Jugend (FDJ), der staatlich geförderten Jugendorganisation, studierte Physik in Leipzig, heiratete 1977 ihren Kommilitonen Ulrich Merkel und arbeitete bis 1989 an der Akademie der Wissenschaften in der Abteilung Theoretische Chemie, wo sie mit dem späteren Basler Theaterdirektor Michael Schindhelm das Büro teilte. Zwar gehörte sie nie zur SED, blieb aber auch zu ihrer Zeit in der Akademie aktives Mitglied der FDJ. In Oppositionsgruppen betätigte sie sich nicht.

Matthias Rau nennt Merkels Verhalten in der DDR rückblickend «opportunistisch». Er meint es aber weder abschätzig noch böse. Er stellt es lediglich fest, wertet nicht einmal. Eine «offene Flanke» für die Kanzlerin sei ihre DDR-Vergangenheit dennoch, sagt Rau. Deswegen thematisiere sie sie wohl nur sehr selten. Das sei eigentlich schade. «Sie könnte nämlich den Menschen einiges darüber erzählen, wie gross die Umbrüche in der Wendezeit gewesen sind, wie schwer der Verlust des eigenen Milieus damals wog, wie schwer es auch war, mit Werteverlusten umzugehen.» Rau nennt es «puren Zufall», das Angela Merkel in den relativ unübersichtlichen Jahren der Wiedervereinigung bei der CDU gelandet ist. Eigentlich sei sie gar in der falschen Partei. «Sie hätte eher Mitglied der Grünen werden sollen.» Rau begründet dies mit Merkels Herkunft: Ihr Vater habe sich ebenso wie ihr Bruder den Grünen angeschlossen, die Mutter sei Sozialdemokratin.

Von den Eltern Angela Merkels zeigt sich Matthias Rau noch heute sehr beeindruckt und spricht von ihnen in den höchsten Tönen. Vater Horst Kasner sei ein hochpolitisierter Mensch gewesen. Einer, der für die Intellektuellen in der DDR ein wichtiger Ansprechpartner gewesen sei. Manchmal, im Schatten der Nacht, hätten sich auch unzufriedene SED-Mitglieder heimlich zu ihm begeben und ihn um Rat gefragt, erzählt er. 1989/1990 habe Horst Kasner einen dieser wichtigen «Runden Tische» der Wendezeit moderiert. Die Mutter wiederum habe als Altphilologin an einer Schule unterrichtet und als sehr strenge, aber auch geachtete und beliebte Lehrerin gegolten.

Lutheranisches Ethos

Vor diesem familiären Hintergrund malt sich heute Matthias Rau ein Bild von dem Mädchen aus seiner Kindheit, aus dem die mächtigste Frau der Welt geworden ist und das als deutsche Regierungschefin in diesen Tagen eine so entscheidende Rolle in der Wirtschafts- und Währungskrise spielt.

Und dieses Bild ist sehr positiv – überraschend positiv, wenn man bedenkt, dass Rau Merkel eben noch als Opportunistin in der DDR bezeichnet hat. Sie sei blitzgescheit, analytisch unglaublich stark – und vor allem keine Ideologin. Deshalb sei sie nur daran interessiert, Probleme zu lösen. Eine Pragmatikerin durch und durch. Ihr lutheranisches Ethos, das ihr von den Eltern mitgegeben wurde, sei noch heute in ihrer Politik zu erkennen. «Merkel empfindet beispielsweise eine grosse Verantwortung gegenüber der Schöpfung, wenn ich diesen sehr grossen Begriff gebrauchen darf», sagt Rau.

Zermürbende Taktik

In Raus Augen war es nicht ihrer Taktik oder dem machiavellistischen Kalkül einer Machtpolitikerin geschuldet, dass sie nach Fukushima den Ausstieg aus der Atomenergie verkündete – obwohl Merkel die AKW-Laufzeiten kurz zuvor noch verlängert hatte. «Diese Katastrophe war für sie ein Signal, sie ist nicht einfach umgekippt», sagt Rau.

Merkels Verhalten in der Eurokrise sei ebenso ein Zeichen ihres Pragmatismus, diese Mischung aus Beharrlichkeit und Nachgeben, die viele Gegner auf den Plan ruft und sie gleichzeitig zermürbt. Matthias Rau muss schmunzeln, wenn er an CDU-Ministerpräsidenten wie Roland Koch oder Christian Wulff denkt, die sich eine Zeitlang als parteiinterne Konkurrenten Merkels aufspielten und mehr oder weniger offen aufs Kanzleramt schielten. Mit all diesen Karrierepolitikern ist Merkel fertig geworden, sie hat sie verzweifeln lassen oder auf ungefährliche Posten entsorgt. «Angela wurde von vielen unterschätzt», sagt Rau. Ihre Uneitelkeit habe man mit Harmlosigkeit verwechselt.

Matthias Rau ist Angela Merkel schon lange nicht mehr begegnet. Er weiss aber, dass sie sich jeweils nach ihm und seiner Familie erkundigt, wenn sie in ihrer Heimat weilt. Als ihr Vater Anfang September starb, hat sich Rau kurz überlegt, an die Beerdigung zu fahren. Er hat es nicht getan. Er habe an diesem Tag arbeiten müssen, begründet Rau. Vielleicht mag auch die Distanz ein wenig zu gross gewesen sein. (Basler Zeitung)

Erstellt: 06.12.2011, 12:05 Uhr

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1 Kommentar

Sandra Junker

06.12.2011, 13:34 Uhr
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Nur weil Vater und Bruder bei den Grünen war, muss die Tochter doch noch lange nicht das gleiche Gedankengut mit sich tragen. Antworten



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