«Mit Putin haben die Ukrainer einen gemeinsamen Feind gefunden»

Die ukrainisch-amerikanische Harvard-Politologin Nadiya Kravets über Russlands strategische Fehler, die Unruhen im Osten der Ukraine und eine mögliche Zukunft des krisengeschüttelten Landes.

«Höchstens 29 Prozent sind separatistisch gestimmt»: Eine Frau hüllt sich vor den Barrikaden in Donezk im Osten der Ukraine in die russische Flagge.

«Höchstens 29 Prozent sind separatistisch gestimmt»: Eine Frau hüllt sich vor den Barrikaden in Donezk im Osten der Ukraine in die russische Flagge. Bild: Keystone

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Frau Kravets, was ist von den prorussischen Ausschreitungen zu halten, die derzeit im Osten der Ukraine stattfinden? Sind sie von Moskau gesteuert oder kommt hier nicht doch der Wille wenigstens eines Teils der Bevölkerung zum Ausdruck?
Tatsächlich gibt es im Osten der Ukraine einige Leute, die prorussisch eingestellt sind. Umfragen zeigen uns allerdings, dass auch dort höchstens 29 Prozent separatistisch gestimmt sind oder den Anschluss fordern. Allerdings wurden diese Zahlen vor den Protesten auf dem Kiewer Maidan und der Annexion der Krim erhoben. Wie das Ergebnis heute aussehen würde, wissen wir nicht. Vermutlich haben die Ereignisse der letzten Monate das Land polarisiert, und wer im Osten der Ukraine lebt, bezieht seine Informationen meist aus dem russischen Fernsehen. Was die Verursacher der Unruhen anbelangt, ist zu vermuten, dass es sich bei ihnen um russische Bürger handelt, die von Moskau bezahlt werden. Möglich ist, dass auch der frühere Präsident Viktor Janukowitsch, der von den Revolutionären auf dem Maidan vertrieben wurde und nun im russischen Exil lebt, seine Hände mit im Spiel hat.

Verfolgt Russland in der Ukraine so etwas wie einen Masterplan oder nutzt Präsident Wladimir Putin eher ad hoc Gelegenheiten, die sich ihm bieten?
Beides. Russland wollte die Ukraine, Weissrussland und Moldawien immer in seinem Einflussbereich behalten. Dabei hat Moskau einiges versucht, von der Unterwanderung der Sicherheitsdienste über die Einsetzung russlandfreundlicher Beamter bis zur Finanzierung prorussischer Medien. Unter Putin konnte all dies sehr viel kohärenter umgesetzt werden als unter seinem Vorgänger Boris Jelzin, da der russische Staat vor Putins Amtsantritt noch sehr viel dezentraler und auch chaotischer organisiert war.

Vor allem fürchtet Putin, dass die Ukraine der Nato beitreten könnte. Ist es vor diesem Hintergrund nicht verständlich, wenn sich Russland eingekreist fühlt?
Die Leute, die Putin derzeit beraten, schätzten die Situation falsch ein. Sie sind geopolitische Strategen. Das politische Innenleben anderer Länder hingegen ist ihnen fremd. Wer die Ukraine kennt, hätte kaum damit gerechnet, dass sich die russisch-ukrainischen Beziehungen wegen des Abgangs Janukowitschs grundlegend ändern würden: Von den Revolutionären auf dem Maidan verfolgte ursprünglich keiner das Ziel, die Ukraine solle der Nato beitreten.

Wie könnte eine Lösung des derzeitigen Konflikts aussehen? Sollte sich die Ukraine für neutral erklären?
Dafür ist es nun zu spät. Die geopolitische Situation hat sich geändert: Selbst in traditionell neutralen Ländern wie Finnland und Schweden rufen nun manche nach einem Nato-Beitritt. Bis vor drei oder vier Jahren hat man in der Ukraine darüber diskutiert, ob sich das Land für neutral erklären solle. Doch nun gibt es eigentlich nur noch zwei Alternativen: den Beitritt zum westlichen Bündnis oder aber eine enge Kooperation mit der Nato.

So gesehen hat Putin einen schweren strategischen Fehler begangen.
Das hat er, denn in ihm haben die Ukrainer einen gemeinsamen Feind gefunden. Bisher bekämpften sie sich gegenseitig, doch das ist nun vorbei. So gesehen hat Putin mehr für die Ukraine getan als jeder andere. Es gibt Leute in Kiew, die sagen, man solle ihm eine Statue errichten, als Dank für seinen Beitrag zur Einheit der Ukraine.

Ist es denn realistisch, dass Russland Truppen in den Osten der Ukraine schickt?
Es stehen Truppen an der Grenze, und diese scheinen sich auf eine Invasion vorzubereiten. Ob in Moskau die entsprechende politische Entscheidung fällt, hängt wohl davon ab, ob es den Provokateuren gelingt, genug Fakten zu schaffen, die ein Eingreifen Russland gerechtfertigt erscheinen lassen könnten.

Wie würde das ukrainische Militär auf einen russischen Einmarsch reagieren?
Die Antwort würde diesmal wohl deutlich ausfallen. Auf der Krim wussten die Befehlshaber nicht, ob sie ihren eigenen Leute vertrauen können, auch weil die meisten, die dort dienten, von der Krim stammten und nicht aus anderen Teilen des Landes. Ausserdem war die Ukraine im Fall der Krim sehr schlecht vorbereitet, nicht zuletzt auch wegen der gleichzeitig stattfindenden Proteste in Kiew. Dies alles ist nun anders: Die ukrainische Armee ist gut aufgestellt und hoch motiviert.

Wofür standen die Leute, die auf dem Maidan protestierten?
Das war eine sehr breite Koalition. Es gab dort Faschisten und Rechtsextreme, doch waren diese in der Minderheit. Was alle verband, war die Ablehnung des korrupten Regimes Janukowitschs. Die Anführer wechselten dauernd, einen eindeutigen Leader gab es nicht. Wenn einer etwas sagte, was den Leuten nicht gefiel, buhten sie ihn aus. Einige Redner traten für Kompromisse mit Janukowitsch ein, doch die Menge liess das nicht zu. Neue Gesichter, die nicht mit den Oligarchen verbandelt sind, erschienen auf der politischen Bühne. Ich denke dabei etwa an Lesya Orobets und Olga Pohomolets, Namen, die im Westen kaum bekannt sind, von denen man aber noch hören dürfte. Etablierte Politiker wie Witali Klitschko oder Julia Timoschenko dürften den Maidan dagegen eher geschwächt verlassen haben. Timoschenko will nun Präsidentin werden, doch auf dem Maidan war davon kaum jemand begeistert.

So unterschiedlich wie die Demonstranten auf dem Maidan, scheinen auch die Mitglieder der neuen ukrainischen Regierung zu sein. Wer sind diese Leute und was verbindet sie?
Es ist eine Interimsregierung, in der in der Tat die unterschiedlichsten Strömungen vertreten sind. Es gibt dort Ultrarechte aus dem Umfeld der Partei Swoboda, aber auch sehr respektable und kompetente Leute wie den neuen Wirtschaftsminister Pawel Scheremeta. Was die Regierungsmitglieder ­verbindet, ist ihr Wille, schmerzhafte Reformen durchzuführen. Sie haben auch keine andere Wahl, ist die Ukraine doch auf Kredite des Internationalen Währungsfonds angewiesen, um ihre Schulden zu bedienen.

Wirtschaftlich ist die Ukraine abhängig von Russland. Steht die neue Regierung hier nicht vor einem unlösbaren Problem?
Das gilt vor allem für den Energiebereich. Allerdings kann man dies ändern: Die Ukraine müsste ihre Wirtschaft diversifizieren. Vor allem die grossen Unternehmen, die sich im Besitz der Oligarchen befinden, würden leiden, wenn Energie teurer würde. Sicher wäre es für die Wirtschaft des Landes schlecht, wenn deren Exporte nicht mehr konkurrenzfähig wären, aber man könnte ja zum Ausgleich kleinere und mittlere Unternehmen fördern, um die sich die bisherige Regierung foutiert hat. Die Ukraine muss nun dieselben schmerzhaften Reformen beschliessen, die Polen, Tschechien und die Slowakei bereits vor zehn Jahren durchgeführt haben.

Neben wirtschaftlichen Fragen sind es auch kulturelle, die zwischen Russland und der Ukraine hoch umstritten sind, darunter vor allem die Rolle der russischen Sprache. Ist das Russische in der Ukraine ein bedrohtes Idiom?
Bezeichnenderweise findet gerade jetzt eine Renaissance des Ukrainischen statt, denn viele hören aus Prinzip auf, Russisch zu sprechen. Verschwinden wird das Russische dennoch kaum: Die Sprachfrage ist ein Thema, das von Politikern benutzt wird, um das Land zu spalten und von den eigentlichen Problemen abzulenken. Dabei haben sie eine künstliche Trennlinie geschaffen, denn daran, dass selbst in Kiewer Ministerien Dokumente auf Russisch verfasst werden, wollte niemand je etwas ändern. Ob Russisch offizielle Amts­sprache wird, ist so gesehen eine rein symbolische Frage.

Grösste Konfession in der Ukraine ist noch immer die Russisch-Orthodoxe Kirche. Wie wirkt sich dies auf den gegenwärtigen Konflikt aus?
Wir haben in der Ukraine mehrere grosse Konfessionen: Im Westen die Griechisch-Katholische Kirche, die mit Rom uniert ist, die Russisch-Orthodoxe Kirche, die dem Moskauer Patriarchat unterstellt ist sowie die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche. Bisher hielt die Russisch-Orthodoxe Kirche zu Putin und Janukowitsch, doch bereits während der Proteste auf dem Maidan stellten sich einzelne Priester auf die Seite der Demonstranten. Möglich ist, dass sich nun Teile der Russische-­Orthodoxen Kirche abspalten und der Ukrainischen Kirche anschliessen werden. Die Bedeutung solcher Prozesse kann kaum hoch genug eingeschätzt werden, denn die Kirchen sind die einzigen Institutionen im Land, denen die Leute vertrauen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 10.04.2014, 09:07 Uhr

Vermesserin des postsowjetischen Raums

Nadiya Kravets ist eine ukrainisch-amerikanische Politologin. Sie studierte im englischen Oxford und in San Francisco. Seit 2012 lehrt und forscht sie am Ukrainian ­Research Institute der amerikanischen Harvard-Universität. Schwerpunkt­mässig beschäftigt sich Kravets mit geopolitischen ­Fragen, der Aussenpolitik der Sowjet­union und ihrer Nachfolgestaaten, der Sicherheitspolitik der Ukraine sowie den diplomatischen Beziehungen zwischen den früheren Sowjet­republiken. Derzeit ­arbeitet sie vor allem an Forschungs­projekten zur Sicherheits­politik der Schwarzmeer­region sowie zur ukrainischen Energiepolitik. hjm

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