Ausland
Montenegros ungekrönter König dankt ab
Von Enver Robelli, Pristina. Aktualisiert am 22.12.2010 1 Kommentar
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Irgendwann werden auch Langzeitherrscher amtsmüde. Milo Djukanovic, der in den letzten zwanzig Jahren wie ein König in Montenegro geherrscht hat, ist am Dienstag als Regierungschef zurückgetreten. Diesen Schritt hatte der erst 48-jährige Politiker seit längerer Zeit angekündigt. Er wolle mehr Zeit für seine Familie und Freunde haben, liess er ausrichten. Djukanovics Abgang kommt für politische Beobachter in der Hauptstadt Podgorica zum richtigen Zeitpunkt. Letzte Woche beschloss die EU, dem Balkanland den Kandidatenstatus zu verleihen. Um wichtige Reformen in Angriff zu nehmen, brauche Montenegro eine neue politische Führung, heisst es.
Djukanovic hatte schon 2006, kurz nach dem Austritt Montenegros aus der Staatenunion mit Serbien, die politische Bühne verlassen. Nach einem Jahr kehrte er zurück, weil sein damaliger Nachfolger krank wurde. Nun soll Finanzminister Igor Luksic Regierungschef werden. Luksic ist als Wegbereiter für die EU-Integration besser geeignet: Der Ökonom und Hobbypoet hat in den letzten Jahren mehrere EU-Hilfsprogramme betreut und ist international gut vernetzt. Djukanovic dagegen wäre kaum in der Lage, gewesen, Reformen umzusetzen und einen funktionsfähigen Rechtsstaat aufzubauen, weil er dazu zuallererst reiche Freunde und Paten hätte entmachten müssen.
Ermittlungen im Sand verlaufen
In den letzten zwei Jahrzehnten war Djukanovic fünfmal Regierungschef und einmal Präsident. Die Krönung seiner politischen Karriere erreichte er im Mai 2006, als sich seine Landsleute in einem Referendum für die Unabhängigkeit entschieden. Montenegro galt vor allem während der jüngsten Balkankriege als Drehscheibe für den Zigarettenschmuggel über die Adria nach Westeuropa. Einem Bericht der italienischen Anti-Mafia-Kommission zufolge stammte in den Neunzigerjahren etwa die Hälfte des Bruttoinlandprodukts der Zwergrepublik aus dem Zigarettenschmuggel.
Die Ermittlungen gegen Djukanovic sind jedoch stets im Sand verlaufen. Er habe niemals Schmuggelbanden gedeckt, sagte er im März 2008 nach einem sechsstündigen Verhör im süditalienischen Bari. Vor den Wahlen in diesem Frühjahr erhielt er sogar Besuch von Silvio Berlusconi. Der Italiener, der wie sein Amtskollege in Podgorica für den Rechtsstaat nicht viel übrig hat, versprach neue Investitionen im Energiebereich und im Tourismus.
Spitzname «das Rasiermesser»
Milo Djukanovic fällt auf: gross gewachsen (1,94 Meter), athletisch (er gilt als begnadeter Basketballspieler) und scharfzüngig (wegen seiner Art der Abrechnung mit politischen Gegnern wurde er «britva», «das Rasiermesser», genannt). «Jung, schön und gescheit», so beschrieb ihn die serbische Presse Ende der Achtzigerjahre, als Djukanovic mit anderen Funktionären der kommunistischen Partei die alte Nomenklatura ablöste und als 29-Jähriger Ministerpräsident wurde. Sein Ziehvater sass in Belgrad und hiess Slobodan Milosevic. Der neue starke Mann Serbiens brauchte willfährige Marionetten, um seine Macht zu festigen.
In der ersten Hälfte der Neunzigerjahre trug Djukanovic den Kriegskurs von Milosevic mit. Ein dunkler Fleck in seiner Karriere bleibt die Beteiligung montenegrinischer Soldaten bei den Angriffen auf Dubrovnik. Erst nach dem Bosnienkrieg brach Djukanovic mit Milosevic – und wurde ein verlässlicher Partner Brüssels und Washingtons. Diplomaten und Geheimdienste wussten, dass Montenegro ein Freihafen für Schmuggler war. Doch solange Djukanovic ein Stachel im Fleisch des Belgrader Despoten war, nahm man das hin.
Der starke Mann von Montenegro hat aber auch grosse Verdienste. Während der Nato-Luftangriffe auf Serbien bot er Belgrader Oppositionellen Zuflucht, und für die Flüchtlinge aus Kosovo öffnete er die Grenzen. Später entschuldigte er sich bei den Kroaten für die Angriffe auf Dubrovnik. Trotz des Rücktritts vom Amt des Regierungschefs bleibt Djukanovic einflussreich: Er wird weiterhin Vorsitzender seiner Demokratischen Partei der Sozialisten (DPS) sein und die Fäden im Hintergrund ziehen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 21.12.2010, 21:34 Uhr
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1 Kommentar
Milo Djukanovic wird weiter an der Macht bleiben weil Montenegro ohne Djukanovic politisch nicht funktionell überlebensfähig wäre. Er ist wie ein Garant für den Zusammenhalt Montenegros und hat auch bislang keine ethnische Spannung herbeigeführt obwohl Albaner im Süden und Bosnjaken im Norden sich an einem Anschluss im Nachbarland sehnen. Antworten
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