Ausland
«Niemand darf vergessen»
Stichwort
Waffenstillstand im Ersten Weltkrieg
Die Unterzeichung des Waffenstillstands am 11. November 1918 beendete die letzten Kämpfe des Ersten Weltkriegs. In einem Eisenbahnwaggon im Wald von Compiègne diktierte der französische Marschall Ferdinand Foch der deutschen Delegation unter Führung des Zentrumsabgeordneten Matthias Erzberger die alliierten Bedingungen. Der Vertrag kam einer deutschen Kapitulation gleich. Er sah den Rückzug der deutschen Truppen im Westen bis hinter den Rhein und im Osten bis hinter die Grenzen von 1914 vor. Die Alliierten forderten innerhalb eines Monats Tausende Waffen, Lokomotiven und Eisenbahnwagen ein. Ausserdem mussten die Deutschen ihre Kriegsflotte abrüsten. Nach dem Ende der Kämpfe konnte die Welt aufatmen. Der Krieg hatte seit seinem Beginn im Sommer 1914 mehr als 8,5 Millionen Menschen das Leben gekostet. Nie zuvor hatten sich so viele Soldaten gegenübergestanden: Insgesamt waren auf beiden Seiten 65 Millionen Männer mobilisiert. Der technische Fortschritt infolge der Industrialisierung ermöglichte eine moderne Kriegsführung mit beispielloser Zerstörungskraft. Erstmals wurden Giftgas sowie massenhaft Panzer und Flugzeuge eingesetzt. Verheerend waren vor allem die Folgen des Stellungskriegs an der Westfront. Nach dem raschen deutschen Vorstoss im Sommer und Herbst 1914 konnten beide Seiten bis Kriegsende kaum noch Geländegewinne verzeichnen. Als Symbol für die Kriegsschrecken gilt die Schlacht von Verdun. Im Kampf um die Maas kamen in 300 Tagen und Nächten 300'000 Deutsche und Franzosen ums Leben, ohne dass eine der beiden Seiten einen entscheidenden Bodengewinn erreichte.
Neun Jahrzehnte stand die Feier am Pariser Triumphbogen eher im Zeichen des Sieges über das Deutsche Reich und der Ehrung der Veteranen. Der Erste Weltkrieg war mit weitem Abstand der mörderischste Krieg auf französischem Boden und der Tag der Waffenruhe ist bis heute Feiertag. Für die Aussöhnung mit Deutschland schien der 11. November nicht geeignet, weil die Umstände des Waffenstillstandes im Wald von Compiègne und der folgende Versailler Vertrag als Demütigung Deutschlands und Keim des Zweiten Weltkrieges empfunden wurden.
Seite an Seite haben Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy am Mittwoch der Opfer des Ersten Weltkriegs gedacht und die Aussöhnung beider Länder beschworen. Am 91. Jahrestag des Kriegsendes legten sie am Triumphbogen in Paris erstmals gemeinsam einen Kranz am Grab des Unbekannten Soldaten nieder und entzündeten symbolisch die Ewige Flamme. Bisher hatte noch nie ein Regierungschef des einstigen Feindeslandes an den französischen Gedenkfeiern teilgenommen.
Sarkozy würdigte Merkels Anwesenheit als «aussergewöhnliche Geste der Freundschaft». Im Rückblick auf die Schrecken des Krieges sagte die Kanzlerin, Geschehenes könne nicht ungeschehen gemacht werden, doch könnten aus der «Kraft der Versöhnung» Vertrauen und sogar Freundschaft entstehen. «Deutsche und Franzosen dürfen nie mehr künstliche Feindbilder aufbauen», mahnte sie. «Das Gegeneinander kennt nur Verlierer, das Miteinander kennt nur Gewinner.»
Freundschaft mit Blut besiegelt
Die deutsch-französische Freundschaft finde ihr Ziel in Europa, sagte Merkel weiter. Persönlich habe sie sehr berührt, dass so viele Franzosen mit den Deutschen den Jahrestag des Mauerfalls feierten. «So, wie für uns heute der 11. November ein Tag des Friedens in Europa geworden ist, so ist der Tag des Mauerfalls für alle ein Tag der Freiheit.» Beide Gedenktage mahnten dazu, für Frieden und Freiheit einzutreten und Werte wie Demokratie und Menschenrechte, europäische Solidarität und transatlantische Partnerschaft zu verteidigen.
«Das Siegel der deutsch-französischen Freundschaft ist die Erinnerung an das deutsche und das französische Blut, das für alle Ewigkeit den Boden von Verdun, am Chemin des Dames wie auch an den Ufern der Maass durchtränkt», sagte Sarkozy und sprach von einer für beide Seiten gleichermassen furchtbaren Schicksalsprüfung. Beide Völker hätten begriffen, «dass sie sich die Hand reichen müssen, um dem Unheil ein Ende zu setzen». Die Flamme unter dem Arc de Triomphe sei für Franzosen und Deutsche auch «die Flamme der Hoffnung». «Niemand darf vergessen, wohin der Wahn des Menschen führen kann», sagte der französische Präsident.
Vorschläge für gemeinsamen Feiertag umstritten
Der Jahrestag des Waffenstillstands am 11. November 1918 ist in Frankreich bis heute ein Feiertag und soll nach Vorstellung Sarkozys künftig als Tag der deutsch-französischen Versöhnung begangen werden. Verteidigungsminister Hervé Morin sprach sich allerdings gegen einen gemeinsamen Feiertag aus. Die Frage, ob er Sarkozys Plan begrüsse, beantwortete Morin im Sender Canal& mit «Nein». Das deutsch-französische Paar sei in erster Linie ein Symbol für den Aufbau Europas, sagte er.
Dagegen würdigte der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Werner Hoyer, die Idee. «Für die Franzosen ist das der wichtigste Gedenktag; es ist eine ausserordentliche Geste», sagte der FDP-Politiker der «Hannoverschen Allgemeinen Zeitung». Dies und der Besuch der Kanzlerin in Paris zeigten, dass die deutsch-französischen Beziehungen «nicht allein ein Erinnerungs-, sondern auch ein Zukunftsprojekt sind», sagte Hoyer. Der Idee eines zukünftigen gemeinsamen deutsch-französischen Ministers, wie ihn Paris vorschlägt, erteilte er aber eine Absage: «Wir müssen die Realität im Blick behalten. Diese doppelte Kabinettszugehörigkeit stösst an praktische und rechtliche Grenzen.»
Es ist bereits das dritte Treffen Merkels und Sarkozys innerhalb von zwei Wochen. Erst am Montag war der französische Staatspräsident in Berlin beim «Fest der Freiheit» zum 20. Jahrestag des Mauerfalls dabeigewesen. Bereits gleich nach ihrer Wiederwahl im Bundestag war die Kanzlerin am 28. Oktober zu einem Abendessen mit Sarkozy nach Paris geflogen, um den EU-Gipfel am Tag darauf vorzubereiten. Der nächste deutsch-französische Ministerrat steht voraussichtlich im Januar bevor.
Schweigeminuten und Gottesdienst in London
Mit zwei Schweigeminuten und Gedenkfeiern haben Grossbritannien und Belgien am Mittwoch an das Ende des Ersten Weltkriegs erinnert. Am Jahrestag des Waffenstillstands vom 11. November 1918 kamen Königin Elizabeth II. sowie hohe Vertreter aus Politik und Streitkräften zu einem Gottesdienst in der Westminster Abbey in London zusammen. Es war der erste Gedenktag zum Kriegsende nach dem Tod der letzten drei britischen Veteranen.
Noch heute dächten die Menschen voll Trauer an Giftgas und Schlamm, Stacheldraht und Bomben, sagt der Dekan der Westminster Abbey, John Hall, nach Berichten der britischen Nachrichtenagentur PA. Vor 91 Jahren hätten die Waffen endlich geschwiegen. «Der grosse Krieg war vorbei. Menschenleben, Freundschaften, Familien, Gesellschaften und Nationen lagen in Trümmern.»
Zehntausende Teilnehmer im belgischen Ypern
In Brüssel legten König Albert II. und Premierminister Herman Van Rompuy Kränze am Grab des Unbekannten Soldaten nieder. In Ypern versammelten sich Zehntausende Menschen zu einer Feier am berühmten Kriegerdenkmal, auf dem die Namen von 55.000 vermissten Soldaten eingraviert sind. Mohnblüten fielen von dem Bogen des Mahnmals, als Würdeträger aus Belgien, Grossbritannien, Kanada, Neuseeland, Australien und Indien für zwei Minuten in Schweigen verharrten. Acht Hornisten spielten den Zapfenstreich.
Ypern wurde während des Ersten Weltkriegs weitgehend zerstört. Der Ort gilt als Symbol für die Schrecken des Krieges. In der Umgebung, der Region Flandern, zeugen rund 150 Soldatenfriedhöfe von dem verlustreichen Stellungskrieg. Experten vermuten, dass noch immer etwa 100.000 Gefallene nicht registriert sind. (vin/ap/sda)
Erstellt: 11.11.2009, 15:11 Uhr
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