Ausland

Organraub an Pälastinensern: Schwedens Konflikt mit Israel

Von Stephan Israel, Brüssel. Aktualisiert am 25.08.2009

Ein schwedischer Journalist wirft israelischen Soldaten Organraub an Palästinensern vor und bringt damit Schwedens EU-Präsidentschaft in Schwierigkeiten.

Schwerer Vorwurf: Die Organraub-Story im Kulturteil von Aftonbladet.

Schwerer Vorwurf: Die Organraub-Story im Kulturteil von Aftonbladet.

Artikel zum Thema

Familie wollte keine Autopsie

Jerusalem. - Der zentrale Fall ist 17 Jahre alt, auf den der kontroverse «Aftonbladet»-Artikel den Verdacht stützt. Damals sollen israelische Soldaten getöteten Palästinensern Organe entnommen haben. Einen Beweis dafür gibt es aber nicht.
Die Faktenlage stellt sich laut israelischen Recherchen wie folgt dar: Am 13. Mai 1992 wurde im Dorf Amatin im Norden der Westbank ein gesuchter Fatah-Kämpfer namens Bilal Ghanem von einem geheimen Kommando der Armee beim Verlassen seines Hauses gestellt. Von zwei Schüssen traf ihn einer ins Herz. Minuten später, so die Zeitung «Yediot Ahronot», sei der Getötete per Helikopter abtransportiert worden. Die eine Woche später freigegebene Leiche habe eine lange Operationsnaht aufgewiesen. Dabei habe die Familie keiner Autopsie zugestimmt.
Die Beerdigung sei noch in der Nacht erfolgt. Da Ausgangssperre herrschte, hätten nur Angehörige teilnehmen dürfen. Ein schwedischer Journalist mit Kamera habe jedoch Aufnahmen gemacht, als man den vom Militär ausgehändigten Leichensack geöffnet habe. Die Umstände vor und nach dem Tod seien der Familie fragwürdig erschienen. Aber selbst die Angehörigen des getöteten Palästinensers behaupten nicht, dass ein Organklau stattgefunden habe. Sie hätten solche Geschichten lediglich von anderen Familien gehört. (ig)

Für Carl Bildt eskaliert der Konflikt mit Israel zu einem ungünstigen Zeitpunkt: Schwedens Aussenminister führt bis Ende Jahr die EU-Agenda. Der Streit mit Israel über einen schwedischen Zeitungsartikel entwickelt sich zur Belastung. Der Autor des Artikels wirft der israelischen Armee vor, Organe getöteter Palästinenser verkauft zu haben (siehe Kasten). Israel verlangt, dass die schwedische Regierung sich vom Journalisten und seinen Behauptungen klar distanziert. Carl Bildt kontert in seinem Blog mit dem Verweis auf die Pressefreiheit.

Die schwedische Boulevardzeitung «Aftonbladet» hatte den Artikel des Journalisten Donald Bostrom vergangene Woche auf den hinteren Seiten im Kulturteil veröffentlicht. «Die Organe unserer Söhne werden geplündert», zitierte der freie Mitarbeiter palästinensische Familien. In Israel ist die Empörung gross, auch weil der Journalist seine Geschichte auf bereits 1992 geführte Interviews stützt und selbst zugesteht, für den Vorwurf vom Organraub keine Beweise zu haben.

Israels Regierungschef Benjamin Netanyahu startet heute Dienstag mit einem Besuch beim britischen Premier Gordon Brown eine kleine Europatournee. Am Mittwoch trifft er ebenfalls in London den US-Nahostgesandten George Mitchell und kommt am Donnerstag in Berlin zur deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel. Eigentlich wollten die Gastgeber den Besucher wegen seiner Siedlungspolitik in den besetzten Gebieten unter Druck setzen. Netanyahu könnte den Konflikt mit dem schwedischen EU-Vorsitz nun nutzen, um vom Thema abzulenken, befürchten Diplomaten in Brüssel. Auch ein geplanter Besuch von Carl Bildt in Israel Anfang September gilt als unsicher oder dürfte zumindest vom Konflikt zwischen Schweden und Israel überschattet werden.

Dabei sind Beziehungen zwischen der EU und Israel ohnehin schon genug kompliziert. Israel möchte eigentlich die Zusammenarbeit mit der EU als wichtigem Absatzmarkt aufwerten. Auch innerhalb der EU gibt es Regierungschefs wie Italiens Silvio Berlusconi, die sich sogar einen Beitritt Israels vorstellen können. Andere Länder wie Schweden oder Belgien gelten traditionell eher als palästinenserfreundlich. Einig ist sich die EU, dass eine Vertiefung der Beziehungen mit Israel von Fortschritten bei der Lösung des Nahostkonflikts abhängig sein soll. Seit dem Amtsantritt Netanyahus herrscht hier allerdings praktisch Stillstand.

Der Konflikt um den Artikel in «Aftonbladet» erinnert an den sogenannten Karikaturenstreit, bei dem sich 2005 die dänische Regierung in einer Konfrontation mit fast der ganzen islamischen Welt sah. Auch der damalige Regierungschef Anders Fogh Rasmussen verweigerte im Namen der Pressefreiheit eine Entschuldigung für die Mohammed-Karikaturen in dänischen Zeitungen. Auch für Schweden geht die Pressefreiheit vor. In einer ersten Reaktion hatte sich zwar Schwedens Botschafterin in Tel Aviv vom Zeitungsbericht distanziert. Die Diplomatin wurde jedoch von der Zentrale in Stockholm schnell zurückgepfiffen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.08.2009, 07:47 Uhr

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