Ausland
Paris warnt Franzosen auf der ganzen Welt
«Charlie Hebdo» druckt Mohammed-Ausgabe erneut
Weil die französische Satirezeitung «Charlie Hebdo» gleich am ersten Tag ausverkauft war, wird am Freitag eine Neuauflage der Ausgabe mit den umstrittenen Mohammed-Karikaturen am Kiosk liegen.
«Alle 75'000 wie üblich gedruckten Exemplare sind verkauft worden», sagte der Direktor der Wochenzeitung, Charb, am Mittwoch in den Redaktionsräumen des Blattes vor Journalisten. Es werde daher erneut eine Ausgabe gedruckt, die am Freitag verkauft werde. Wieviele Exemplare erscheinen sollen, sagte Charb nicht.
Muslime zerreissen Zeitung
«Charlie Hebdo» hatte am Mittwoch eine Reihe von Karikaturen gedruckt, die sich vor allem mit dem in den USA produzierten islamfeindlichen Film befassen. Einige Zeichnungen zeigen auch den Propheten Mohammed. Wie Kioskbesitzer berichteten, kauften viele Menschen am Morgen gleich mehrere Ausgaben, um sie anschliessend öffentlich zu zerreissen. Ein Mann habe ihn bereits morgens um sechs gebeten, ihm alle Ausgaben zu verkaufen, sagte ein Kioskbetreiber im Pariser Stadtteil Belleville, in dem zahlreiche Einwanderer aus den Maghreb-Staaten wohnen. «Er sagte, er wolle sie und alle anderen, die er finden könne, zerstören.»
Ein anderer Kioskverkäufer sagte, einige Kunden hätten die Ausgaben vor seinen Augen zerrissen und ihm vorgeworfen, eine Zeitung zu verkaufen, die «Probleme in Frankreich schaffen» werde. (AFP)
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Der weltweite Alarm wird nur wenige Stunden nach Erscheinen der Mohammed-Karikaturen ausgelöst: Vor französischen Botschaften fahren wie in Ägypten massiv Polizeikräfte auf, die Franzosen in muslimischen Ländern werden per SMS zu höchster Vorsicht aufgerufen. Und das Aussenministerium in Paris ordnet an, dass Auslandsvertretungen sowie französische Schulen und Kulturzentren in rund 20 Ländern am Freitag ganz geschlossen werden. Die Sorge in Paris ist gross, dass wegen der Karikaturen nun Frankreich zur Zielscheibe gewaltbereiter Muslime wird.
Das französische Satireblatt «Charlie Hebdo» druckte heute Mittwoch rund 20 Karikaturen ab, die allerdings nicht den Propheten Mohammed und den Islam aufs Korn nehmen sollten, sondern den weltweiten Aufruhr nach dem in den USA produzierten islamfeindlichen Film «Die Unschuld der Muslime». Die eher mässig witzigen Zeichnungen zeigen teils auch den Propheten, etwa wie er nackt vor einer Kamera liegt und sein entblösstes Hinterteil in die Höhe reckt.
Zwischen Meinungsfreiheit und Kritik
Angesichts der ohnehin schon hochgekochten Wut in vielen muslimischen Ländern wegen des islamfeindlichen Films befürchten nun viele, dass die Karikaturen zum Brandbeschleuniger werden könnten. Der Leiter der Grossen Moschee von Paris, Dalil Boubakeur, verurteilte die Veröffentlichung, «die die allgemeine Empörung in der muslimischen Welt noch zu verstärken droht». Seine Vereinigung, der 700 der 2000 muslimischen Gebetshäuser in Frankreich angehören, will das Freitagsgebet nutzen, um zur Ruhe aufzurufen.
Die sozialistische Regierung schwankte indes zwischen der Verteidigung der Meinungsfreiheit und Kritik an «Charlie Hebdo» hin und her. Innenminister Manuel Valls stellte klar, dass an der Meinungsfreiheit nicht zu rütteln sei. Wie Premierminister Jean-Marc Ayrault verwies er darauf, dass es jedermann freistehe, wegen der Karikaturen vor Gericht zu ziehen.
«Schwachsinnig und absurd»
Im Aussenministerium herrscht hingegen Unverständnis zumindest wegen des Zeitpunkts der Veröffentlichung, denn die Proteste in muslimischen Ländern wegen des islamfeindlichen Films sind nach wie vor voll im Gange. «Ist das sachdienlich und intelligent, Öl ins Feuer zu schütten? Die Antwort ist nein», machte Aussenminister Laurent Fabius aus seiner Verärgerung keinen Hehl. Den Film aus den USA nannte er «schwachsinnig» und «absurd».
In Frankreich, wo rund fünf Millionen Muslime leben und damit die grösste muslimische Gemeinde Europas, blieb es am Mittwoch auf der Strasse noch ruhig. Hacker legten allerdings die Internet-Seite von «Charlie Hebdo» lahm und im Internet, wo tausende Botschaften zu den Karikaturen kursierten, wurden auch unverhohlen Drohungen verbreitet. «In Wirklichkeit gefällt den Leuten von Charlie Hebdo ihr Büro nicht mehr, sie wollen kostenlos umziehen. Das wird heute Nacht abgefackelt werden», schrieb jemand in Anspielung auf den Brandanschlag auf die Redaktionsräume des Blattes im vergangenen November.
Auch Deutschland verschärfte die Sicherheitsvorkehrungen an seinen Botschaften in der arabischen Welt. Zu einzelnen Vertretungen werde zusätzliches Personal geschickt, sagte Aussenamtssprecher Andreas Peschke am Mittwoch in Berlin. Ob am Freitag die deutschen Botschaften in muslimischen Ländern ebenfalls geschlossen werden, liess er allerdings offen. An Freitagen, Feiertagen in der islamischen Welt, war es in der Vergangenheit nach den traditionellen Gebeten in den Moscheen häufig zu Demonstrationen und Ausschreitungen gekommen.
Wut nach der «Scharia Hebdo»
«Charlie Hebdo» hatte schon damals für Empörung gesorgt, weil es sich in einer Sonderausgabe in «Scharia Hebdo» umbenannte und den Propheten Mohammed zu seinem «Chefredakteur» ernannte. Auf dem Titel war eine Mohammed-Karikatur abgedruckt mit der Äusserung: «Hundert Peitschenhiebe, wenn Sie sich nicht totlachen.» Die Antwort – offenbar von Islamisten, die nichts für solchen Humor übrig haben – folgte prompt: Die Redaktionsräume wurden bei dem Brandanschlag völlig zerstört, der Internet-Auftritt der Zeitung lahmgelegt.
Der Chefredakteur und Zeichner des Blattes, Charb, blieb auch diesmal unbeeindruckt. Eine Klage schrecke ihn nicht und unter Polizeischutz stehe die Redaktion ohnehin schon seit einem Jahr, versicherte er im Gespräch mit AFP-TV. Bissig fügte er noch hinzu: Wenn sich eine Satire-Zeitung bei ihren Veröffentlichungen immer nach den weltweiten Umständen richten wollte, dann wäre es «nie angemessen, Witze über den radikalen Islam oder Religionen im Allgemeinen zu machen». (fko/AFP/dapd)
Erstellt: 19.09.2012, 19:16 Uhr
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