Ausland

Ratschläge vom alten Fritz

Von Markus Somm. Aktualisiert am 12.11.2011 20 Kommentare

Ohne Friedrich den Grossen wäre Preussen in Deutschland nie zur bestimmenden Macht geworden. Und wahrscheinlich redeten wir heute nicht über die Krise des Euro. Eine Analyse.

Der alte Fritz hat die Geschichte Europas wesentlich mitbestimmt: Friedrich der Grosse vor dem Charlottenburger Schloss.

Der alte Fritz hat die Geschichte Europas wesentlich mitbestimmt: Friedrich der Grosse vor dem Charlottenburger Schloss.

Maria Theresia, Kaiserin der Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, hatte damit nicht gerechnet: Dass dieser junge König, den man für schwul hielt und der in jener lächerlichen Stadt in der brandenburgischen Sandwüste, genannt Berlin, residierte, dass dieser flötenspielende Clown Friedrich der II. von Preussen einfach in Schlesien einfallen würde. Es galt als die reichste Provinz des Habsburgerreiches. Sein Verlust war inakzeptabel.

Man schrieb das Jahr 1740. Die Habsburger, deren Oberhaupt Maria Theresia war, wirkten geschwächt. Denn gemäss der Tradition der Familie hätte sie, als Frau, nie an die Macht gelangen dürfen, doch ihr Vater, Karl VI., der ohne Sohn geblieben war, hatte jahrelang in den Hauptstädten Europas dafür gebettelt, dass Maria Theresia als seine legitime Nachfolgerin angesehen wurde. Als er starb, übernahm sie. Doch ihr Thron wackelte. Im Wissen um diese Schwäche, versuchten alle Fürsten in Europa, von den Habsburgern Konzessionen zu erpressen. Aber nur Friedrich II., den man später den Grossen nennen sollte, nutzte diese Gelegenheit so kaltblütig und so entschlossen brutal. Europa staunte.

Vermutlich hatte sich Friedrich II. in wenigen Tagen nur entschieden, die Habsburger zu überfallen – die Warnungen seiner Generäle ignorierte er. Kaum war ihm mitgeteilt worden, dass Kaiser Karl VI. überraschend gestorben war, fasste er den Entschluss, vielleicht innert Stunden, ein Entschluss, der so folgenreich war, dass mich beim Gedanken daran eine Art historisches Gruseln erfasst. Ohne Friedrich den Grossen wäre Preussen in Deutschland nie zur bestimmenden Macht geworden, ohne Preussen kein Bismarck, ohne Preussen kein Erster, kein Zweiter Weltkrieg, kein Hitler und kein Holocaust. Und wäre Friedrich nicht gewesen: Wahrscheinlich redeten wir heute nicht über die Krise des Euro.

Aus der Einöde eine Grossmacht

«Was die Zeitgenossen an Friedrichs schlesischem Abenteuer faszinierte», schreibt der australische Historiker Christopher Clark in seinem glänzenden Buch über die Geschichte Preussens, «war diese Mischung von Tempo und Erfolg – vor allem wenn man in Betracht zieht, wie ungleich die beiden Kriegsgegner waren: hier Preussen, ein drittrangiger Mitläufer im europäischen System, dort Österreich, die führende Dynastie im Heiligen Römischen Reich und ein etabliertes Mitglied im Club der Supermächte.» David hatte Goliath geärgert – und gewonnen. Schlesien blieb bei Preussen – und machte es reich. In bloss gut 40 Jahren formte Friedrich der Grosse aus seiner Heimat, einer Einöde, eine Grossmacht.

Vor 300 Jahren, im Januar 1712, ist Friedrich der Grosse geboren worden. Aus diesem Anlass widmete ihm der «Spiegel», das deutsche Nachrichtenmagazin, diese Woche eine Titelgeschichte, Biografien und Ausstellungen werden folgen, Feiern stehen an. Es ist ein friderizianisches Jahr, das die Deutschen bald begehen, zu einem Zeitpunkt, der im Rückblick vielleicht als ebenso bedeutsam empfunden wird wie 1740, als Schlesien an Preussen fiel. Wir stehen an einer Epochenwende: Lehman-Bankrott, Finanzkrise, Eurozerfall, wankender Kapitalismus. Geht Europa unter?

Wenn ich an die Politiker denke, die heute diese gefährlichen Zeiten zu bewältigen haben, an Angela Merkel aus dem gleichen Preussen (ihr Grossvater war ein Berliner Polizist), oder Nicolas Sarkozy (dessen Vater aus einer ungarischen Adelsfamilie stammte, die 1628 von Kaiser Ferdinand II., einem Habsburger, nobilitiert worden war), dann ergreift mich ein Gefühl der Verlorenheit. Was immer man Friedrich II. vorwirft, ohne Frage war er eine eminente Persönlichkeit, die Geschichte machte – und wenn die gegenwärtige Krise uns bedrückt, dann nicht zuletzt deshalb, weil das Personal, das wir haben, sie zu überstehen, so medioker wirkt, vergleicht man sie mit dem «alten Fritz». So nannten ihren König die Berliner Spötter, als er, ein ausgemachter Misanthrop, der in seinen Schriften vorgab, die Untertanen zu lieben, längst alt und gebrechlich war – und nicht starb.

Abgründe und Katastrophen

Mangel an Persönlichkeiten. Ein zwiespältiges Gefühl. Gerade als Schweizer stehen mir die Mittelmässigen, Ungenialen näher, wenn es um Politiker geht. Friedrich II. lehrt nämlich beides: In der Politik können Einzelne Ungeheures, auch Gutes, bewirken, doch Hitler, der sich anmasste, Nachfolger des Preussenkönigs zu sein, belegt, wie verheerend Politiker sein können. Unternehmer treiben ihre Firma in den Bankrott, Bankiers ihre Bank, Wissenschaftler verbreiten Unsinn, Journalisten ebenso, aber nur Politiker schaffen Gutes und Böses, das auf Jahrhunderte hinaus bleibt. Am Anfang der Politik stehen die Pyramiden, daneben liegen die Leichen der Arbeiter, die beim Bau gestorben sind.

Der Euro ist ein Werk der Politik. Mitterrand und Kohl, Frankreichs Präsident und Deutschlands Kanzler, haben jeden Rat in den Wind geschlagen und eine Währungsunion durchgesetzt. Weil Europa nach wie vor so funktioniert wie im 18. Jahrhundert, dass es nämlich – abgesehen von allen Strukturen und Komplexitäten – auf einzelne grosse Männer oder Frauen ankommt, warten wir geduldig auf die Retter Europas.

Oft bieten finstere Zeiten die besten Bedingungen für Schurken – aber auch Hochbegabte. Im Ersten Weltkrieg wurde nicht bloss ein Gefreiter namens Hitler politisiert und ein Gangster wie Stalin lernte das Handwerk des Tötens, sondern Männer wie Churchill und Roosevelt bestanden ihre ersten Prüfungen. Ein paar Jahre später sollten sie bereitstehen, um aus dem Dunkeln ins Licht der Geschichte zu treten. Politiker haben den Euro geschaffen, grosse Politiker werden ihn beseitigen. Der alte Fritz hätte das Undenkbare getan. (Basler Zeitung)

Erstellt: 12.11.2011, 12:12 Uhr

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20 Kommentare

Christian Loetscher

12.11.2011, 17:49 Uhr
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Ohne Fritz kein Bismarck, kein 1. WK., kein 2. WK., kein Hitler, kein Euro... uff! Was wäre dann geschehen, 300 Jahre nach der Aufklärung? Nichts, und alle wären noch immer glücklich ohne Euro? Aber, aber Herr Somm, die Geschichte verläuft nie linear, sondern progressiv. Natürlich versuchen Sie Themen zu finden, aber bitte ersparen Sie es uns doch, diese zu erfinden. Vielen Dank. Ein Europäer. Antworten


Jan Grütter

12.11.2011, 16:12 Uhr
Melden 17 Empfehlung

Mit ein Grund warum wir die BAZ abbestellt haben ist, dass Herr Somm als langweiliger und eindimensionaler Chefredakteur bezeichnet werden muss. Er kennt nur ein Thema: Die undemokratische und böse EU und den teuflischen Euro. Lieber Herr Somm, auch die Schweiz ist nach über 700 Jahren noch nicht perfekt. Geben wir der EU und dem Euro doch noch etwas Zeit und schauen uns dann das Ergebnis an. Antworten




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