«Sarrazins Thesen sind hochgefährlicher Unfug»

Von David Nauer. Aktualisiert am 03.09.2010 193 Kommentare

Michel Friedman ist der schärfste Kritiker von Thilo Sarrazin – und zwar nicht nur, weil dieser ihn unlängst als «Arschloch» beschimpfte. Nicht die Ausländer seien das Problem, so Friedman. Sondern die Angst der Menschen vor der Zukunft.

Kritisiert Sarrazins biologistische Argumentation: Der deutsche Publizist und Jurist Michel Friedmann.

Kritisiert Sarrazins biologistische Argumentation: Der deutsche Publizist und Jurist Michel Friedmann.
Bild: Keystone

Michel Friedmann

Der 54-Jährige ist Jurist und Publizist. Von 1999 bis 2003 war er stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland. Heute verfasst er unter anderem regelmässig Kolumnen, und er moderiert eine eigene Polit-Talkshow auf dem Sender N24. Friedmann ist mit der Fernsehmoderatorin Bärbel Schäfer verheiratet. Das Paar hat zwei Kinder.(dn)

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Herr Friedman, Thilo Sarrazin hat sie kürzlich als «Arschloch» beschimpft. Womit haben Sie ihn derart in Rage versetzt?
Wir haben ein ganz normales Interview geführt. Wobei ihn gestört hat, dass ich fragte, was er mit seiner Aussage über die genetische Identität der Juden gemeint hat. Wer keine Argumente mehr hat, der beleidigt nur noch.

Hat er sich anschliessend bei Ihnen entschuldigt?
Nein, das hat er nicht, obwohl er mich 24 Stunden später noch einmal getroffen hat.

Warum ist Ihr Interview eigentlich nicht erschienen?
Weil Sarrazin beim Gegenlesen nicht nur seine Antworten redigiert hat, was nicht unüblich wäre, sondern all die Fragen, die ihm nicht behagten, ebenfalls. Das zeigt doch ein seltsames Verhältnis zur Meinungsfreiheit für jemanden, der sagt, er kämpfe für diese Meinungsfreiheit.

Sie sind einer der Ersten gewesen, der Sarrazins Buch «Deutschland schafft sich ab» wirklich gelesen hat. Haben Sie die Lektüre eigentlich spannend gefunden?
Das Buch besteht ja aus mehreren Ebenen. Erstens gibt es ein unendliches Zahlengerüst, das in der Tat nicht besonders spannend ist. Dann folgt ein analytischer Teil, über den man ganz gut streiten kann. Die Schlussfolgerungen allerdings sind unerträglich. Sarrazin spricht dort über erbgenetische und biologistische Fragen, behaftet ganze Gruppen mit bestimmten Eigenschaften.

Das ist es, wogegen sich Ihre Kritik vor allem richtet?
Ja, das ist der problematischste Teil des Buchs. Sarrazin entwirft ein Menschenbild, das nicht kompatibel ist mit den Prinzipien der Aufklärung. Voraussetzung für eine humane Gesellschaft muss doch sein, dass jeder die Chance hat, sich zu entwickeln, unabhängig davon, zu welcher Gruppe er gehört. Sarrazin sagt, ein Teil der Muslime habe diese Möglichkeit nicht – aus erbbiologischen Gründen.

Es gibt diesen Satz von Sarrazin, dass alle Juden ein bestimmtes Gen teilten. Spielt er da auf einer antisemitischen Klaviatur?
Es kann dahingestellt sein, ob das ein antisemitischer Satz ist. Es ist vor allem ein falscher Satz. Es gibt, so wie es für Christen kein Gen gibt, das ihre Identität darstellt, auch für Juden und Muslime keine solchen Gene. Das ist, was ich Sarrazin vorwerfe: In dem Moment, in dem er biologistisch argumentiert, nimmt er dem Individuum seine Individualität. Wobei es gar nicht darum geht, ob er von Juden oder von Basken spricht, wie er das ja auch getan hat. Eine solche Argumentation ist ganz grundsätzlich hochgefährlich und zudem wissenschaftlicher Unfug.

Es gibt viele Menschen, die sich in Umfragen oder Leserbriefen hinter Sarrazin stellen. Woher kommt das?
Dazu möchte ich zwei Bemerkungen machen: Die Grundfrage, die Sarrazin ansprechen wollte, müssen wir diskutieren. Es gibt in unserer Gesellschaft viele Mikrokosmen, und es ist uns bis jetzt nicht gelungen, daraus eine Gemeinschaft zu schaffen, in der für alle dieselben Klammern gelten. Was mich aber erschreckt: Durch Sarrazins Buch, durch die unverantwortliche Art und Weise, wie er das Thema transportiert, erkennt man, wie dünn in unserer Gesellschaft das Eis der Toleranz und der Zivilisation ist. Anscheinend sind die Ängste vor dem Fremden immer noch sehr gross. An diesem Punkt muss man gegensteuern und die Auseinandersetzung suchen.

Woher stammt diese Angst vor Überfremdung?
Die Welt verändert sich mit einer dramatischen Geschwindigkeit, und es gibt auch eine dramatische Veränderung der Achsen, auf denen die Zukunft möglich ist. Stichworte sind: China, Indien, andere neue Zentren der wirtschaftlichen und strukturellen Macht. Europa spürt, dass sein Kapital aufgezehrt ist und dass es sich neu definieren muss, um überhaupt in diesem Wettbewerb bestehen zu können. Wenn in einer solchen Situation Ressentiments geweckt werden, ist der Boden dafür natürlich fruchtbarer als zu anderen Zeiten. Dabei sind an dieser europäischen Identitätskrise nicht die Ausländer schuld, die bei uns leben, sondern die Angst der Menschen vor der Zukunft.

Dann sind die angeblich so schlecht integrierten Muslime auch eine Art Sündenböcke?
Sie sind ein Ventil. Denn in Wirklichkeit kann doch ein Land wie Deutschland mit über 80 Millionen Einwohnern nicht existenziell bedroht sein, weil ein bis zwei Millionen Ausländer sich nicht so optimal integrieren, wie man sich das vorstellt.

Begrüssen Sie es, dass die Bundesbank Sarrazin entlassen will?
Ja. Die Bundesbank ist eine offizielle Institution der Bundesrepublik Deutschland, sie vertritt uns alle und ist zudem international weit vernetzt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie ein Vorstandsmitglied behalten kann, das ausdrücklich einen Teil der Welt, die islamische Welt, derart beleidigt.

Widerspricht diese Entlassungnicht der Meinungsfreiheit?
Die Meinungsfreiheit ist überhaupt nicht tangiert. Sarrazin redet, und das soll er auch. Aber wer so austeilt, muss auch mit der Kritik umgehen können. Zudem gehört eine solche Sanktion zur Meinungsfreiheit des Arbeitgebers. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.09.2010, 23:25 Uhr

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193 Kommentare

Maurice Ravell

03.09.2010, 10:12 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Es ist leider so, das sich die meisten Imigranten, nicht integrieren möchten. Warum auch. Sie bekommen auch so Geld. Geschweige an die bestehenden Gesetze zu halten. Sie sind in Deutschland Gast & ich muss mich den Gastland anpassen & nicht umgekehrt. Fakt ist das die Menschen Angst haben, das Sie Ihre Indenttität verlieren. D sollte es so machen. Sprache lernen, arbeiten, sonst raus. Und Schlus Antworten


Robert Nyffenegger

03.09.2010, 10:11 Uhr
Melden 1 Empfehlung

112 mal mehr Juden sind Nobelpreisträger als Nichtjuden. Moslems gibt es 9, darunter Arafat. Die einfachste Erklärung "es muss an den Genen liegen". Warum auch nicht? So müssen wir uns nicht weiter hintersinnen. Antworten



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