Ausland
Seit dem Todesschuss von Athen ist ein Jahr verloren gegangen
Von Kai Strittmatter, Istanbul. Aktualisiert am 07.12.2009
Vor genau einem Jahr stand Athen in Flammen. Ein 15-jähriger Schüler war durch die Kugel eines Polizeibeamten gestorben. Tausende von Athenern gedachten am Sonntag des getöteten Alexis Grigoropoulos. Am Rande der Demonstrationen kam es bis Sonntagabend zu Ausschreitungen und zertrümmerten Fensterscheiben, doch befürchtete Gewaltexzesse wie im vergangenen Jahr blieben zunächst aus.
Strategie der «Nulltoleranz»
Der Minister für Bürgerschutz hatte zuvor eine Strategie der «Nulltoleranz» für erneute «Szenen von Gewalt und Terror im Zentrum von Athen» angekündigt; mehr als 6000 Polizisten waren aufgeboten. Bis Sonntagabend nahm die Polizei mehr als 200 Menschen fest. Presse und Politik begannen derweil eine Debatte über die Ursachen der Unruhen von 2008. Die Zeitung «Kathimerini» war nur eine der Stimmen, die ein «verlorenes Jahr» beklagte.
Der Todesschuss vor einem Jahr war in Exarchia gefallen, einem Viertel, das Heimat ist einer linksalternativen, intellektuellen Szene, aber ebenso Unterschlupf selbsterklärter Anarchisten. Zehntausende Athener protestierten friedlich gegen Polizeigewalt und mehr noch gegen die Hoffnungslosigkeit einer Generation. Aber nicht sie beherrschten die TV-Bilder jener Tage – das waren die Gruppen vermummter Jugendlicher, die Strassen verwüsteten und an jeder Ecke Müllcontainer anzündeten. Athen brannte, und wenn eines die Bürger der Stadt und die Welt noch mehr überraschte als die unvermutete Eruption von Gewalt inmitten Athens, dann die Tatsache, dass die Polizei all der Verwüstung tatenlos zusah.
Test für die neue Regierung
Die Jugendunruhen von Athen wurden zum Symbol für das Versagen der im Oktober schliesslich abgewählten konservativen Regierung. Und der Umgang mit den Protesten zum Jahrestag am Sonntag war der erste Test für die neue Regierung der sozialistischen Pasok. Dass es wieder zu Krawallen kommen würde, war klar. Die Regierung versuchte eine Doppelstrategie: Zeigen, dass sie die Sorgen der Jugend ernst nimmt. Und gleichzeitig klarmachen, dass sie Gewalt nicht dulden würde. «Wir verstehen ihre Probleme und die Gründe, die dazu führen, dass manche sich ausgeschlossen fühlen. Wir sind hier, um ihnen eine Botschaft der Hoffnung zu geben», sagte Premierminister George Papandreou im Vorfeld. Gleichzeitig machte seine Regierung klar, dass sie gegen Gewalttäter auf beiden Seiten, bei der Polizei und bei den Vermummten im Schatten friedlicher Demonstranten hart vorgehen würde.
Die neue Regierung hat das ehemalige Ministerium für Öffentliche Ordnung umbenannt in Ministerium für Bürgerschutz. Geführt wird es von Michalis Chrysochoidis, einem erfahrenen Mann, der 2003 die Zerschlagung der linken Terrorgruppe 17. November beaufsichtigte, und der nach seinem Amtsantritt versprach, die Polizei «demokratischer und bürgerfreundlicher zu machen». Als im letzten Monat wieder einmal Polizisten ausschwärmten zu Razzien im Brennpunktviertel Exarchia und dabei Parteimitglieder der linken Syriza abführten, die gerade einer Lesung beiwohnten, da reagierte Chrysochoidis überraschend schnell und hart: Er entliess den Polizeichef. Es sollte ein Signal für einen Neuanfang sein.
Bisher nur ein Versprechen
Wichtiger aber wird es sein, ob die Pasok-Regierung auch den Neuanfang in der Politik hinbekommt, den Premier Papandreou versprochen hat. Nicht die paar Hundert Vermummten sind das eigentliche Problem, sondern ein System, das Unfrieden und Zorn in der Gesellschaft produziert. Die Unruhen vom Dezember waren ein Schock. Passiert aber ist seither nur eines: Das Land hat eine neue Regierung, die erst noch beweisen muss, dass sie ihre Versprechen hält. Griechenland habe das Andenken des erschossenen 15-jährigen Alexis Grigoropoulos nicht geehrt, heisst es auf der Website der konservativen Tageszeitung «Kathimerini»: «Weil wir es versäumt haben, die Dinge zu verbessern.»
Da ist die marode Justiz, die es bislang nicht geschafft hat, den Täter – einen 37-jährigen Polizisten – vor Gericht zu stellen. Der Prozess soll nun am 20. Januar beginnen. Und da ist der Frust der jungen Griechen. Sie werden erzogen in Schulen, die so wenig funktionieren, dass neben dem regulären Schulsystem eine milliardenschwere Privatnachhilfsklassen-Industrie existiert. Und wenn sie ihren Abschluss haben, sehen sich viele einer geschlossenen Gesellschaft gegenüber: Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei bis zu 30 Prozent; wer einen Job ergattert, verdient selten mehr als 700 Euro im Monat; die meisten Jobs aber werden vergeben über Beziehungen, weil Cliquen über Staat und Wirtschaft herrschen.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 07.12.2009, 04:00 Uhr
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.



