Ausland
Tito lebt
Von Enver Robelli. Aktualisiert am 05.05.2010 5 Kommentare
Staatsbesuch: Tito 1971 mit dem damaligen sowjetischen Staats- und Parteichef Leonid Breschnew. (AFP)
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Wer auf dem Balkan noch an die Revolution glaubt, der reist in diesen Tagen nach Zagreb. Gerade ist das dritte «Subversive Film Festival» eröffnet worden, und es ist bestimmt kein Zufall, dass die diesjährige Veranstaltung sich nur mit dem Sozialismus befasst. Gestern jährte sich zum 30. Mal der Tod von Josip Broz Tito, der unter dem Banner der Brüderlichkeit und Einheit den sozialistischen Vielvölkerstaat Jugoslawien zusammenhielt. Und am 25. Mai wird der Geburtstag des Partisanenführers gefeiert. In einer Retrospektive werden nun in Zagreb an die 100 Filme aus jugoslawischer Produktion gezeigt. Mit Ausstellungen, Diskussionen und Konzerten will man die Erinnerung an das alte Jugoslawien hochleben lassen.
Eine liberale Oase
Zum Auftakt des Festivals spricht Predrag Matvejevic, einer der bekanntesten Intellektuellen des ehemaligen Jugoslawien. Er hat als Professor für Literatur an der Sorbonne, in Rom und in Zagreb gelehrt, und sich schon in den 70er-Jahren für verfolgte Dissidente engagiert. Heute bezeichnet sich der Kommunist und Kosmopolit gerne als Jugo-Nostalgiker.
Er sagt, man dürfe das sozialistische Jugoslawien unter Tito zwar nicht verklären; aber verglichen mit anderen Staaten hinter dem Eisernen Vorhang sei es so etwas wie eine liberale Oase gewesen. Mit dem jugoslawischen Pass konnte man in nahezu alle Staaten der Erde visumfrei einreisen, der kulturelle Austausch mit dem Westen wurde gefördert, Bücher, die in Paris, New York oder Berlin für Gesprächsstoff sorgten, konnte man auch im damaligen Jugoslawien veröffentlichen. Für viele rumänische, ungarische oder tschechoslowakische Autoren waren Belgrad und Zagreb die Kulturhauptstädte Osteuropas.
Spaghetti für Sophia Loren
Auch wirtschaftlich war das Balkanland durchaus stark. Jugoslawische Firmen bauten Fabriken und Staudämme im arabischen Raum, in Asien und Afrika. Auf seiner Ferieninsel Brioni begrüsste Tito Politiker aus aller Welt, Filmstars und Philosophen. Hier empfing der Lebemann einst gar Sophia Loren zum Spaghettikochen. Das waren Zeiten, als Tito sich mit seiner schwimmenden Residenz Galeb auf eine dreiwöchige Afrikareise begab; oder mit seinem Blauen Zug jugoslawische Städte besuchte. In diesem trat er auch seine letzte Reise an: Nach seinem Tod in Ljubljana brachte der Expresszug Titos Leichnam nach Belgrad, wo er in einer pompösen Zeremonie beerdigt wurde. Dort, im «Haus der Blumen», versammelten sich am Dienstag mehrere Hundert Menschen aus allen Teilen des früheren Jugoslawien, um dem «grossen Sohn» die Ehre zu erweisen.
Der Ruhm vergangener Zeiten prägt die Erinnerung an Tito in den meisten Nachfolgestaaten seines zerfallenen Reiches. Er gilt heute als mythische Führerfigur. Im Unterschied etwa zum grossserbischen Diktator Slobodan Milosevic und zum nationalistischen Präsidenten Kroatiens, Franjo Tudjman, erscheint Tito vielen Ex-Jugoslawen als guter Autokrat. In Zagreb fordern die Nationalisten seit Jahren eine Umbenennung des Tito-Platzes. Doch eine breite Bürgerallianz hat das bisher verhindert. In Umfragen wurde Tito, Sohn eines Kroaten und einer Slowenin, zur grössten kroatischen Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts gewählt. In Ljubljana trägt eine Strasse seit vergangenem Jahr seinen Namen. Und das bekannteste Restaurant an der Autobahn zwischen Belgrad und Nis heisst schlicht «Tito». Wer zudem wissen will, was der Freund üppiger Gerichte seinen Gästen servierte, kann das in «Titos Kochbuch» der Publizistin Anja Drulovic herausfinden.
Kritische Biografie fehlt
Die Jugo-Nostalgiker, meist Ex-Kommunisten, Profiteure des alten Systems und linke Utopisten im Jugendalter, blenden jedoch aus, was am Anfang der Tito-Herrschaft stand: eine Terrorkampagne gegen Andersdenkende und gegen echte oder vermeintliche Nazikollaborateure. Nach dem Bruch mit Stalin 1948 liess Tito nicht nur die Anhänger der Sowjetunion in das berüchtigte Inselgefängnis Goli otok einsperren, sondern auch Dissidente. Wie viele Menschen auf dem «Alcatraz der Adria» ihr Leben liessen, bleibt unklar. Die Zahl der Häftlinge wird auf 50'000 geschätzt.
Titos Herrschaft ist von unabhängigen Wissenschaftlern noch nicht beleuchtet worden. Auch deshalb wird seine Regentschaft immer noch unkritisch betrachtet. Seine Weigerung, radikale Wirtschaftsreformen in Gang zu setzen und das Land wirklich zu demokratisieren, hat den späteren Zerfall Jugoslawiens mitverursacht. Zu Beginn der Neunzigerjahre hatten die Nationalisten leichtes Spiel, den Vielvölkerstaat zu begraben.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 04.05.2010, 22:17 Uhr
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5 Kommentare
Sicher war Tito kein Unschuldslamm, dennoch ist es mir ein Rätsel, warum er gerade wegen dem Umgang mit den Nazikollaborateuren und den Stalinisten kritisiert wird. Erstere waren schlichtweg Verräter und Kriegsverbrecher (Stichwort Jasenovac), die Ihr Schicksal verdient haben und bei den Stalinisten kann man sich ja ausmalen, was passiert wäre, wenn sie die Macht in Jugoslawien übernommen hätten. Antworten
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