Ausland
Tschechiens Staatsfeind hinter Schweizer Gittern
Solche Biografien konnten nur die anarchischen Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs schreiben. Ein junger Mann versucht sich zur Zeit der Wende in der Privatwirtschaft, stellt sich vor eine Metrostation und verkauft Gemüse. 20 Jahre später wird dieser Mann im teuersten Hotel von St. Moritz verhaftet. Er hat es zum Multimillionär gebracht, die Zeitungen bringen Fotos seiner Villa in einem Prager Vorort, die es an Grösse und Geschmacklosigkeit mit den Residenzen von Hollywoodstars aufnehmen kann. Hinter den vier Garagentoren soll sich mindestens ein Ferrari verstecken.
Seinen Luxus konnte Tomas Pitr allerdings nicht lange geniessen. Die Justiz seines Heimatlandes begann ihn wegen Betrugs und Steuerhinterziehung zu suchen; ein ehemaliger Staatschef bezeichnete ihn als «Staatsfeind Nummer eins». Vor drei Jahren setzte sich der heute 39-jährige Tscheche in die Schweiz ab, um einer langjährigen Haftstrafe zu entgehen. Seit zwei Wochen sitzt er nun in Graubünden im Gefängnis, und seit gestern verlangt die tschechische Republik offiziell seine Auslieferung. Bis zum Entscheid der Schweizer Behörden kann es aber noch dauern.
Pitrs Compagnon wurde auf offener Strasse erschossen
Um das Verfahren zu beschleunigen, müsste der Häftling der Auslieferung zustimmen, was Pitr ablehnt. Ebenso unwahrscheinlich ist, dass er mehr über die wundersame Vermehrung seines Vermögens preisgibt. Pitr weiss, wie weit der Arm der organisierten Kriminalität reicht: Sein einstiger Compagnon Frantisek Mrazek wurde im Januar 2006 in Prag auf offener Strasse erschossen. Mrazek begann als Geldwechsler; vor seinem Tod galt er als Kopf der tschechischen Mafia.
Pitr blieb stets dem Lebensmittelhandel treu. Seine erste Million machte er mit dem Verkauf von Rum; bald danach kaufte er Firmen, die Verpackungen, Kompott und Likör herstellten. Aus dieser Zeit soll er dem Staat 51 Millionen Kronen (2,7 Millionen Franken) an Steuern schulden. Wie er genau zu den Unternehmen kam, ist bis heute nicht klar. Wer in den neuen Demokratien gute Freunde an den politischen Schalthebeln hatte, konnte schnell und billig von Privatisierungen profitieren. Pitr soll detaillierte Aufzeichnungen über die Bestechung von hohen Beamten und Politikern haben. Seine Rückkehr nach Prag stimmt deshalb nicht alle glücklich.
Pitr der Neureiche
2002 folgte der grösste Coup: Pitr und sein Compagnon Mrazek eigneten sich die Mehrheit des grössten tschechischen Lebensmittelkonzerns Setuza an. Laut eines Berichts der Wochenzeitung «Tyden» begannen sie sofort mit der «Untertunnelung» und überwiesen innert weniger Wochen 70 Millionen Kronen (damals 3,2 Millionen Franken) auf Konten ihrer Briefkastenfirmen. Die Methode war in Tschechien beliebt, andere Akteure setzten sich mit ihren Millionen auf die Seychellen oder die Bermudas ab und gelten heute noch als Tschechiens «Most Wanted». Pitr blieb im Land und frönte dem Lebensstil der Neureichen, samt Winterferien in St. Moritz. Er habe eine «Reihe von Kindern mit einer Reihe von Frauen», schreibt die Zeitung «Mlada Fronta Dnes».
Nach seiner ersten Verurteilung wegen Steuerhinterziehung gab Pitr eine schwere mentale Krankheit an, um der Haft zu entgehen. Danach setzte er sich in die Schweiz ab. Hier fühlte er sich offenbar sicher vor der Verfolgung wegen Steuervergehen. Seit Beginn dieses Jahres wurde er allerdings auch wegen Betrugs und Veruntreuung gesucht. Und Ende Juli klopfte gegen 11 Uhr abends die Polizei an seine Hotelzimmertür. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 10.08.2010, 20:54 Uhr
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