Unsicherheit in einer unsicheren Welt

Wie und wann erwärmt sich die Erde? Wahrscheinlich, sehr wahrscheinlich oder bald. Ein Kommentar zum Leiden an der Prognose.

Alles nur eine Frage des Ausmasses: Nicht jeder Temperaturanstieg muss schädlich sein.

Alles nur eine Frage des Ausmasses: Nicht jeder Temperaturanstieg muss schädlich sein. Bild: Keystone

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Am Freitagmorgen hat der IPCC, der Intergovernmental Panel on Climate Change, ein Gremium unter Aufsicht der UNO, einen neuen Bericht zum Stand des Klimawandels veröffentlicht; an der Pressekonferenz in Stockholm trat auch der angesehene Berner Klimaforscher Thomas Stocker auf, der eine wichtige Arbeitsgruppe geleitet hatte. Genau genommen handelt es sich um den fünften Report dieser Art, und am Freitag wurde ausschliesslich die Zusammenfassung für Politiker vorgestellt. Obwohl dieser Text bloss gegen vierzig Seiten umfasst, dürfte er am meisten Beachtung finden und die künftige Klimapolitik prägen. Denn wer nimmt es schon auf sich, den eigentlichen, wissenschaftlichen Teil von gegen 2000 Seiten zu studieren?

Umso härter, umso leidenschaftlicher war um diese Zusammenfassung gerungen worden: Vier Tage lang hatten sich Klimaforscher und Repräsentanten zahlloser Regierungen hinter geschlossenen Türen in Stockholm zusammengesetzt. Dabei wurde Abschnitt für Abschnitt des Textes auf grosse Bildschirme projiziert, damit über jede Aussage, jedes Komma, jedes Adjektiv und jedes Adverb in einem langwierigen Vernehmlassungsverfahren verhandelt werden konnte. Ist dieser Temperaturanstieg «sehr wahrscheinlich» oder nur «wahrscheinlich»? Sind wir imstande, uns mit überwiegendem Konsens darauf zu einigen («high degree of agreement») oder nur mit mittlerer Mehrheit («medium») oder sind wir uns gar uneinig («low»)? Selbst mit welcher Gewissheit («confidence») man die eine oder andere wissenschaftliche These aufrechterhielt, wurde in fünf Abstufungen vermittelt: very low, low, medium, high, very high.

Im Universum des Ungefähren

Wenn dieses «Summary for Policymakers» etwas auszeichnet, dann eine unerreichte Eleganz darin, wie man Wahrscheinlichkeit, Vorhersage und Zweifel in allen Nuancen ausdrückt – damit einen später, dieser Verdacht stellt sich ein, niemand zur Rechenschaft ziehen kann. Es wirkt defensiv. Es ist ein Meisterwerk der dosierten Prophezeiung. Wäre Moses so vorgegangen: er hätte keinen Juden davon überzeugt, Ägypten zu verlassen, um sich ins gelobte Land aufzumachen. In keinem Papier der Wissenschaft oder der Politik habe ich je so oft das Wort «wahrscheinlich» oder «unwahrscheinlich» gelesen.

Womit wir beim Thema wären: Wie sicher sind sich die Klimaforscher ihrer Sache – und können wir ihnen vertrauen? Angesichts der Tatsache, dass es um unvorstellbare Milliardenbeträge geht, welche die Menschheit benötigte, um ihren CO2 auch nur auf dem aktuellen Niveau zu halten, kommt dieser Frage eine fast existenzielle Bedeutung zu.

Dass sich die Leute vom IPCC dessen bewusst sind: Es ist zwischen allen Zeilen zu spüren, wenn man sich diesem Text zuwendet. Dass manche Forscher der Mut (und Übermut) verlassen hat, nachdem die ungeliebten Klimaskeptiker ihnen doch einige peinliche Fehler in ihrem letzten Bericht nachgewiesen haben: man riecht gerade­­zu den Angstschweiss der Autoren – und ab und zu beschleicht einen Mitleid. Bei allen Computermodellen und Messungen und Simulationen, auf die sie sich stützen: Die Dinge entwickeln sich nicht so, wie sie sich das vor wenigen Jahren noch vorgestellt haben.

Falscher Trend?

Seit fünfzehn Jahren hat sich die Erde so gut wie nicht mehr erwärmt, was allen Prognosen der ­Klimaforschung zuwiderläuft. Das hätte nicht geschehen dürfen. Diese unangenehme Tatsache hat manchem Klimaforscher den Boden unter den Füssen weggezogen, auch wenn er so tut, als ob er aufrecht stünde. Was tun? Offenbar hat die Ver­unsicherung derart um sich gegriffen, dass einige Leute in Stockholm ernsthaft verlangten, im Summary schlicht nicht darauf einzugehen, dass die Temperaturen sich von 1998 bis 2012 kaum mehr erhöht haben. Für Wissenschaftler ein Fiasko: Weil sich empirische Daten nicht der gängigen These fügen, verschweigt man sie. Dank mehreren Indiskretionen wurden aber diese Verschleierungspläne im Vorfeld bekannt, weswegen die Autoren des Summary es vorge­zogen haben, diese unbequeme Wahrheit zu erwähnen.

Sie sind ehrlich – auf eine Art und Weise, wie sie am Hof von Dschingis Khan gut angekommen wäre: Lerne zu sprechen, ohne etwas zu sagen. Sie schreiben: «Infolge von natürlichen Schwankungen kommt es bei Trends, die nur über kurze Zeiträume beobachtet werden, sehr auf den Anfang und das Ende dieser Perioden an, weshalb sie nicht den langfristigen Trends entsprechen. So ist zum Beispiel die Wachstumsrate der vergangenen 15 Jahre (1998 bis 2012) 0,05 Grad Celsius pro Jahrzehnt, eine Periode, welche mit einem starken El Niño einsetzte, kleiner als die Rate von 1951 bis 2012 (0,12 Grad Celsius pro Jahrzehnt).»

Das ist keine Begründung, sondern eine Behauptung, solange sich in den kommenden Jahren die Temperaturen nicht mehr rascher nach oben bewegen. Irgendeinmal muss sich die Wachstumsrate wieder dem generellen Trend anpassen – oder dieser Trend stellt sich schlicht als falsch heraus.

Ein Rätsel namens CO²

Das ist das eine. Unangenehmer und von grundsätzlichem Belang ist für die Klimaforscher aber etwas anderes: In den vergangenen 15 Jahren hat die CO²-Konzentration in der Atmosphäre weiter zugenommen. Dennoch hatte dies offensichtlich nicht jenen Einfluss auf das Klima, wie man ihn erwartet hatte. Vielleicht wurde die Wirkung des CO² einfach überschätzt. Dass eine Zunahme des CO² das Klima erwärmt, ist so gut wie unbestritten – die Frage ist bloss, wie stark? Das wiederum ist für die Politiker entscheidend. Wenn sich die Temperaturen zwar erhöhen, aber die Wirkung des CO² weniger intensiv ist, inwiefern macht es überhaupt Sinn, mit politischen Mitteln den Ausstoss von CO² zu begrenzen? Nicht jeder Anstieg der Temperaturen ist schädlich. Alles ist eine Frage des Ausmasses.

Eine Mehrheit der Wissenschaftler geht derzeit davon aus, dass ein Anstieg von bis zu zwei Grad Celsius für die Menschen sogar mehr Vorteile bringen würde als Nachteile, besonders in der nördlichen Hemisphäre: Im Norden könnte mehr angepflanzt und die Erträge der Ernten würden gesteigert werden. Etwas mehr Regen entlastete trockene Gebiete, wärmere Temperaturen förderten überdies das Wachstum des Waldes und reduzierten die Zahl jener, die an Winterkälte sterben.

Im Wissen, wie zentral der Zusammenhang zwischen CO² und Erwärmung für ihre langfristigen Prognosen ist, haben die Forscher selbstverständlich versucht, diesen gemäss Theorie unerklär­lichen Stillstand des Klimawandels zu erklären – insbesondere vermuten sie, der Ozean hätte mehr Wärme absorbiert als angenommen. Möglich. Aber Beweise stehen aus – und der Konsens in dieser Frage ist bloss «medium». In der Wissenschaft sind solche Unsicherheiten üblich – ja sie machen gar den Reiz des Forschens aus: Thesen aufstellen, sie falsifizieren und eine neue Theorie entwickeln. Wer würde das kritisieren? Tragisch aber ist, wenn aufgrund solcher doch eher volatiler Erkenntnisse ehrgeizige Politiker so weitreichende und kostspielige Dinge wie die Energiewende forcieren. Womöglich haben wir viel mehr Zeit, uns auf ein wärmeres Klima einzustellen, als befürchtet.

Im neuesten Bericht des IPCC schwächen die Wissenschaftler im Übrigen auch ihre langfristigen Vorhersagen spürbar ab. Zum ersten Mal. Vielleicht nicht zum letzten Mal. (Basler Zeitung)

(Erstellt: 28.09.2013, 11:44 Uhr)

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BaZ-Chefredaktor Markus Somm.

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