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Warum die Griechen immer gleich auf die Barrikaden gehen

Aktualisiert am 03.05.2010 32 Kommentare

Den Griechen sagt man nach, dass sie gerne den kürzesten Weg nehmen, nicht unbedingt den rechten. Was ist dran, an diesem Klischee?

Aufruhr in Griechenland: Ein Mann versucht mitten in Athen den Flammen zu entkommen.

Aufruhr in Griechenland: Ein Mann versucht mitten in Athen den Flammen zu entkommen.
Bild: Reuters

Deutsche Regierung beschliesst Griechenland-Hilfe

Berlin Die deutsche Regierung hat die Milliarden-Hilfen für Griechenland auf den Weg gebracht. Das Kabinett beschloss am Montag in Berlin den deutschen Anteil an den Notfall-Krediten von rund 22,4 Milliarden Euro, wie aus Regierungskreisen verlautete.

Am Freitag sollen Bundestag und Bundesrat per Eilverfahren dem Gesetz zustimmen. Es soll dann möglichst rasch von Bundespräsident Horst Köhler unterzeichnet werden, damit es in Kraft treten kann.

Insgesamt soll das vom Staatsbankrott bedrohte Griechenland bis zum Jahr 2012 Notfall-Kredite von bis zu 110 Milliarden Euro erhalten. Auf die Euro-Staaten sollen davon 80 Milliarden Euro entfallen, auf den Internationalen Währungsfonds (IWF) insgesamt 30 Milliarden.

Deutschland will sich allein in diesem Jahr mit 8,4 Milliarden Euro an dem Rettungspaket beteiligen. Das Geld für Athen wird als Kredit von der Staatsbank KfW vergeben, der Bund bürgt dafür.

Zuvor hatten sich IWF, EU-Kommission und die Europäische Zentralbank (EZB) mit Griechenland auf ein umfangreiches Sparpaket mit drastischen Einschnitten für die Bevölkerung verständigt. Die Gewerkschaften kündigten für die nächsten Tage weitere Streiks an.

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Für einen Parkplatz auch mal eben den Gehweg zur Strasse umzufunktionieren, das ist in Griechenland nichts Ungewöhnliches. Und so hat der griechische Motorradfahrer, der bei diesem illegalen Manöver fast eine ältere Touristin mit Krückstock über den Haufen fährt, auch nur ein Wort zur Erklärung parat: «Griechenland», sagt der bezopfte Mann nonchalant - als sei damit alles gesagt.

So läuft das eben in diesem Land mit Einflüssen aus dem Balkan, Mittelmeerraum und Nahen Osten, das jüngst am europäischen Regelwerk gescheitert ist. Kratzt man ein bisschen an der Oberfläche aus schicken Autobahnen und glänzenden Euro-Münzen, entdeckt man schnell eine Gesinnung, die mitverantwortlich für die derzeitige Finanznot ist - nämlich gerne mal den kürzesten Weg zu nehmen, nicht unbedingt den rechten.

Griechenland braucht Geld, viel Geld - und das bis zum 19. Mai. An diesem Tag werden Verbindlichkeiten in Milliardenhöhe fällig. Am Sonntag haben die Finanzminister der Euro-Zone und der Internationale Währungsfonds ein Hilfspaket geschnürt: 110 Milliarden Euro an Krediten sollen in den nächsten drei Jahren nach Athen fliessen, um den drohenden Staatsbankrott abzuwenden. Im Gegenzug wird von den Griechen ein rigoroses Sparprogramm gefordert. Doch den Gürtel enger schnallen, das tun sie nicht gern, die Griechen - vor allem wenn die Diät vom Staat verordnet wird.

«Den Griechen ist Autorität zuwider»

«Den Griechen ist Autorität zuwider. Das kann sowohl gut als auch schlecht sein», erklärt Georgios Koutsoukos, der als Steuerbeamter seinen Lebensunterhalt verdient und gegen die Sparpläne der Regierung bereits auf die Strasse ging. So sei es zwar gut, Vorschriften zu missachten, die ganz offensichtlich zu Ungerechtigkeit führten. Doch wenn sich dauernd über Regeln hinweggesetzt werde, gerieten die Dinge schnell mal ausser Kontrolle. Warum die Griechen so seien? «Das liegt wohl an der Geschichte», meint Koutsoukos.

Denn die Griechen sind vielleicht knapp bei Kasse, aber dafür umso reicher an Geschichte. Aristoteles und Sophokles sind nur zwei ihrer Helden aus der Antike. Doch blickt man in die jüngere Vergangenheit, denken die Griechen vor allem an die Revolution gegen die jahrhundertelange Herrschaft der Osmanen, die schliesslich 1829 mit der Unabhängigkeit Griechenlands endete.

Der griechische Ministerpräsident Giorgos Papandreou weiss um die Vorliebe seiner Landsleute, auf die Barrikaden zu gehen. Der Harvard-Absolvent, dessen Vater und Grossvater das gleiche Staatsamt bekleideten, setzt dieses Wissen dann auch rhetorisch geschickt ein. Seine Reformen, so wirbt er beim Parlament, würden als «echte Revolution» in die griechische Geschichte eingehen.

Aufgeblähter Staatsapparat

Doch obwohl man den Griechen also kaum Obrigkeitsdenken nachsagen kann, lieben sie den Staatsdienst und die Sicherheit, die der Beamtenstatus mit sich bringt. Dementsprechend aufgebläht ist der Staatsapparat, dementsprechend hoch sind die Schulden, die durch Vorruhestand und Sozialleistungen entstanden sind.

Die Eigenwilligkeit der Griechen mag noch belanglos sein, wenn es um das Überfahren einer roten Ampel geht. Doch zusammengenommen können diese Schrullen eine Gefahr für die Gesellschaft darstellen. Steuerhinterziehung kostet den Staat weit mehr als 15 Milliarden Euro pro Jahr - und sie ist gang und gäbe. Schwierigkeiten, einen Arzttermin zu bekommen? Ein paar hundert Euro und die Sache läuft, nun ja, wie geschmiert.

Und anders als ihre philosophischen Vorfahren, plagen die meisten Griechen keine Gewissensbisse. Die Gehälter seien niedrig, da müsse man schon sehen, wo man bleibe, so die häufige Argumentation.

«Anarchie» kommt aus dem Griechischen

Menschen wie der Bankräuber Vassilis Paleokostas werden da schnell mal zu Helden stilisiert. Er sei ein moderner Robin Hood, der für die Armen auf Beutezug gehe, freuten sich einige, als er letztes Jahr schon zum zweiten Mal aus dem Gefängnis ausbrach. Dass er zusammen mit einem verurteilten Mörder flüchtete, war da schon nebensächlich.

Und die Proteste, die Ende 2008 ausbrachen, nachdem die Polizei bei einer Demonstration in Athen einen Jugendlichen erschossen hatte, sind als weiterer Ausdruck der Verachtung zu verstehen, die die Griechen der Autorität des Staates entgegenbringen.

Schliesslich kommt auch der Begriff Anarchie aus dem Griechischen und bedeutet die Abwesenheit von Herrschaft. Das Symbol ist derzeit übrigens allerorten in Athen zu finden - als Graffito und Zeichen der jüngsten Proteste. (bru/ddp/Christopher Torchia)

Erstellt: 03.05.2010, 14:27 Uhr

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32 Kommentare

Bernhard Vontobel

03.05.2010, 14:39 Uhr
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Ich kann es nicht mehr hören..... Griechenland mit seiner Geschichte! OK vor 2000 Jahren war es eine Hochkultur und vor 100 Jahren waren es normale Bauern und normale Städter und normale Fischer. Und nun haben wir das Jahr 2010! Willkommen in der Realität! Antworten


Boris Radtke

03.05.2010, 14:43 Uhr
Melden

Ich halte diese "Hilfsaktion" für einen grossen Fehler. Eher eine Art "Mission Impossible". A) werden die Kredite wohl nie zurück bezahlt, und B) werden denen wieder neue Tricks einfallen, die Bilanzen zu manipulieren, damit es gut aussieht. Und C) werden im Sommer wieder Wälder brennen, damit Bauland billig gekauft werden kann. Der Euro wird fallen, für uns das einzig Positive an der Geschichte. Antworten



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