Was Frauenkurse für Asylbewerber bringen

In Norwegen macht man mit einem Aufklärungsprogramm für Asylbewerber erste Erfahrungen.

Nehmen an einem Kurs über Gewalt an Frauen teil: Flüchtlinge in Lunde, Norwegen. (Bild: The New York Times/Andrew Testa)

Nehmen an einem Kurs über Gewalt an Frauen teil: Flüchtlinge in Lunde, Norwegen. (Bild: The New York Times/Andrew Testa)

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In Zürich, Köln und anderen Städten sollen Frauen in der Silvesternacht sexuell belästigt worden sein. Nach Angaben der deutschen Polizei handelt es sich bei den bisher festgenommenen Tatverdächtigen mehrheitlich um «frisch eingereiste Asylbewerber» aus Syrien und dem nordafrikanischen Raum. Aus diesem Grund erhält nun eine Idee Auftrieb: Asylbewerber sollen Frauenkurse besuchen, wo man ihnen den Umgang mit dem weiblichen Geschlecht nach westlichen Wertvorstellungen erklärt. Nicht nur in der Schweiz, auch in Deutschland, Österreich und anderen Ländern nimmt die Zahl der Befürworter dieser Idee zu.

Vorbild ist Norwegen. Dort nehmen männliche Flüchtlinge aus Afrika und arabischen Ländern seit Jahren an gewaltvorbeugenden Kursen teil. Grund für deren Einführung war ursprünglich, dass man seit 2008 einen deutlichen Anstieg sexueller Übergriffe feststellte und dieser von Teilen der Gesellschaft mit der wachsenden Zahl junger männlicher Asylbewerber in Verbindung gebracht wurde. Seither werden Kurse angeboten, in denen unter anderem vermittelt wird, dass nicht verwandte Männer und Frauen einfach nur Freunde sein können, ein Kuss nicht automatisch eine Einladung zum Sex ist oder dass es in Norwegen strafbar ist, eine Frau zu nötigen.

«Falsche politische Korrektheit»

In Norwegen hat man mit dem Aufklärungsprogramm positive Erfahrungen gemacht. Nina Machibya leitete in der Nähe der Stadt Stavanger solche Kurse, getrennt mit muslimischen Afghanen und christlichen Eritreern. «Die Flüchtlinge waren dankbar, weil sie vieles lernen konnten, was sie noch nicht wussten», sagte sie der österreichischen Zeitung «Die Presse». Die meisten hätten gewusst, dass Europa eine andere Kultur habe – «aber im Gespräch konnten wir wichtige Lücken füllen», so Machibya. Dabei seien etwa unterschiedliche Aspekte von Gewalt und norwegische Werte diskutiert worden.

Auch der Psychologe und Ausbildungsleiter Per Isdal ist überzeugt von der positiven Wirkung der Kurse. «Anfänglich wurden wir beschuldigt, Flüchtlinge unter Generalverdacht zu stellen», sagt Isdal. Heute ernte man nur Anerkennung. «Die grösste Gefahr ist es, solche Probleme wegen falscher politischer Korrektheit totzuschweigen», so Isdal gegenüber der österreichischen Zeitung. Durch Krieg oder Flucht traumatisierte junge Menschen neigten laut Studien zu Gewalt. Darunter würden auch Freunde, Ehefrauen oder die Kinder leiden, erklärte der norwegische Psychologe. Hinzu komme, dass die kulturellen Unterschiede zu den Gesellschaften arabischer Länder und Afrikas, wo Frauen teils als Eigentum ihrer Männer angesehen werden, gross seien.

Eine Reportage der «New York Times» bestätigt diese Vermutung. Die renommierte Zeitung begleitete Abdu Osman Kelifa, einen muslimischen Asylbewerber, zu einem solchen Kurs. Er sei schockiert gewesen, als er in Norwegen angekommen sei und Frauen in knapper Bekleidung öffentlich habe küssen sehen, erzählte dieser. Im Kurs habe er aber gelernt, dass es normal sei, wenn Frauen ihn anlächelten oder in der Nacht einfach alleine unterwegs seien.

Pflichtkurse funktionieren nicht

Weil die Kurse zu funktionieren scheinen, wollen sie nun andere Länder kopieren. Die belgische Regierung will gar noch einen Schritt weiter gehen als in Norwegen. Sie hat gestern angekündigt, obligatorische Kurse für Asylbewerber einzuführen, die sich mit der «Beziehung zu Frauen» befassen. «Eine grosse Anzahl junger Männer kommt aus Kulturen, wo das Verhältnis zu Frauen total unterschiedlich ist als im Westen», sagte Belgiens Immigrationsminister Theo Francken dem Sender VRT. Der Schritt sei absolut nötig und stigmatisiere Asylbewerber nicht generell.

Auch in Norwegen gibt es Forderungen, die Kurse verpflichtend zu machen. So verlangt unter anderem Kristin Rohde, die ehemalige Polizeichefin für Gewaltverbrechen in Oslo, dass männliche Flüchtlinge obligatorische Verhaltensseminare besuchen müssen. Davon aber hält Psychologe und Ausbildner Isdal nichts: «Da machen die Flüchtlinge zu, wenn man sie zwingt.» Berit Harr leitet einen ähnlichen Kurs in Ha, einer Küstenstadt südlich von Stavanger, und ist derselben Meinung. «Es ist wichtig zu verhindern, dass sich die Flüchtlinge verdächtigt fühlen, wenn man mit ihnen über ihre Sicht auf das Verhältnis der Geschlechter sprechen will», sagte sie zur «New York Times». Mit Kursen könne man ihnen helfen, mit potenziell gefährlichen Situationen in einem fremden Land besser umzugehen. Die Voraussetzung sei aber, dass man sie nicht unter Druck setze. (baz.ch/Newsnet)

(Erstellt: 08.01.2016, 17:29 Uhr)

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