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Wende im Mordfall Pier Paolo Pasolini

Eine Ermittlung der sizilianischen Staatsanwaltschaft bringt neue Erkenntnisse ans Licht: Pasolini soll nicht von einem Stricherjungen, sondern von der Mafia beseitigt worden sein. Weil er zu viel wusste.

1/6 Ein Opfer der Mafia? Pier Paolo Pasolini in New York 1966.
Bild: © Duilio Pallottelli/ L'Europeo

   

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Neue Erkenntnisse der sizilianischen Staatsanwaltschaft rücken den Mord am italienischen Regisseur Pier Paolo Pasolini in ein ganz anderes Licht: Nicht ein Stricherjunge soll für seinen Tod verantwortlich sein, sondern die Mafia.

Pasolini wurde in der Nacht auf den 2. November 1975 brutal zusammengeschlagen und anschliessend mehrfach mit seinem eigenen Wagen, einem Alfa Romeo 2000 GT Veloce, überfahren. Vier Jahre später wurde der römische Stricher Pino Pelosi, genannt «la rana» (der Frosch), wegen dieses Mordes zu rund neun Jahren Haft verurteilt. Obwohl die Gerichtsmediziner stets von mehreren Tätern ausgingen, wurde der zur Tatzeit noch minderjährige Pelosi zum Einzeltäter erklärt und der Fall abgeschlossen.

Der Frosch bricht sein Schweigen

Pino Pelosi sass sieben Jahre Jugendhaft ab und schwieg eisern. Nach seiner Entlassung schlug er sich mit Gelegenheitsjobs und Gaunereien durch und landete später wegen bewaffnetem Raubüberfall erneut im Gefängnis. Dreissig Jahre nach dem Mord, bricht Pino völlig überraschend sein Schweigen: 2005 verkündet Pelosi in einer TV-Sendung, er habe Pasolini nicht umgebracht, sondern habe nur als Lockvogel gedient. Die Mörder seien drei unbekannte Männer mit sizilianischem Dialekt gewesen. Einer dieser Männer hätte Pino gedroht, ihn und seine Eltern umzubringen, falls er gesprochen hätte. Pino hielt dicht, bis seine Eltern verstarben. Nach seiner neuen Schilderung des Tathergangs wurde der Fall neu aufgerollt.

Laut eines Artikels in der italienischen Tageszeitung «Corriere della Sera» hat die sizilianische Staatsanwaltschaft von Palermo im Verlauf der neuen Ermittlungen nun den PDL-Politiker (und rechte Hand Silvio Berlusconis) Marcello Dell'Utri angehört. Dieser kennt sich mit der Mafia-Thematik aus: Dell'Utri wurde letztes Jahr in einem Berufungsprozess wegen Mafiazugehörigkeit in zweiter Instanz zu sieben Jahren Haft verurteilt. Das Berufungsgericht sah es als erwiesen an, dass Dell'Utri enge Kontakte mit der Mafia-Gruppierung um Stefano Bontade pflegte, genauso wie zum Clan des Corleoneser Superbosses Totò Riina, genannt «die Bestie», und zu Bernardo Provenzano.

Ein Freund der «Bestie» und leidenschaftlicher Büchersammler

Doch was hat Marcello Dell'Utri mit dem Mordfall an Pier Paolo Pasolini zu tun? Nebst seiner unternehmerischen und politischen Tätigkeit, ist Dell'Utri ausserdem ein leidenschaftlicher Büchersammler. Regelmässig stöbert er in Buchantiquariaten und besucht Buchmessen. Vor rund einem Jahr hatte Dell'Utri in verschiedenen Interviews bekannt gegeben, dass er unveröffentlichte Manuskriptteile des wegen seines Todes nicht fertiggestellten Enthüllungsromans «Pertrolio» (Erdöl) von Pier Paolo Pasolini gelesen hätte. Darin habe Pasolini unter anderem den Mord am italienischen Spitzenmanager der ENI (ein italienischer Energie- und Erdölkonzern) Enrico Mattei untersucht. Mattei war 1962 in einem Privatflugzeug in der Nähe von Mailand abgestürzt. Was zunächst als Unfall definiert wurde, wurde Jahre später durch den Ministerpräsidenten Fanfani offiziell zum Attentat erklärt.

Verschiedene Journalisten recherchierten nach dem Tod des Erdöl-Unternehmers. So auch der Sizilianer Mauro De Mauro, der darauf von der Mafia entführt wurde und nie wieder auftauchte. Seine Leiche wurde nie gefunden und soll laut Angaben des reuigen Mafioso Francesco Marino Mannoia in Säure aufgelöst worden sein. Pier Paolo Pasolini hatte knapp zwei Jahre nach dem Verschwinden De Mauros mit seinem Roman «Petrolio» begonnen. Er trug rund 522 Seiten zusammen, wobei das brisante ENI-Kapitel aus seinem Studio gestohlen wurde und jahrelang als verschwunden galt. Eben jenes, das den Tod an Mattei durchleuchtete. Wie Dell'Utri zu dem gestohlenen Manuskript gekommen ist, hat er öffentlich nie erklärt – der Staatsanwaltschaft gegenüber hat er wahrscheinlich sein Schweigen brechen müssen, da das fehlende Kapitel als offizielles Beweisstück zu den Ermittlungen beigezogen wurde. Diese Details dürften mit Sicherheit genauso spannend sein wie der Zusammenhang der drei Mordfälle Mattei, De Mauro und Pasolini. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.12.2011, 14:40 Uhr

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10 Kommentare

Alejandro Galan

13.12.2011, 19:02 Uhr
Melden 25 Empfehlung

Wie üblich in jedem mysteriösen Fall, wo die Mafia im Spiel ist,ist immer –mindestens bis jetzt– die rechte Hand des Vatikans (Opus Die) zu finden. Laut Rita Pennarola (La Voce della Campania) gehört Marcello Dell‘Utri dem Opus Dei. Dell’Utri und Berlusconi kannten sich in 1961 dank Bruno Padula, heute Priester des Opus Dei.Ähnlichkeiten zwischen den Tod von Pasolini und Calvi(Banco Ambrosiano) Antworten


Andreas Kofler

13.12.2011, 18:25 Uhr
Melden 37 Empfehlung

Ich konnte nie verstehen, was die Schweizer so toll finden an Italien, während dem sie bei Ländern wie Russland regelmässig in Beissreflexe verfallen. Wie kann man sich derart mit einem Land identifizieren, das innerlich komplett verrottet ist und seine Geschichte nie aufgearbeitet hat? Antworten


Alain Burky

14.12.2011, 10:16 Uhr
Melden 5 Empfehlung

Man muss wohl zwischen Land/Leute und Politik unterscheiden.
Besonders auf dem Land, wo ich ueberall sehr herzlich empfangen wurde,
habe ich gesehen: es wird auch hart gearbeitet, besonders in den Familienbetrieben.


Lilly Pabst

13.12.2011, 20:50 Uhr
Melden 7 Empfehlung

Italien ist ein wunderbares Land mit vielen ebenso wundervollen Leuten genauso wie andere Länder auch, z.B. Russland - Ihr Kommentar zeugt von wenig Verständnis und Wissen von andere Länder und deren Gegebenheiten. Ich empfehle Ihnen aber nicht wirklich einen Besuch von Italien, mir würden die Italiener leid tun, so einen kleinkarierten "Bünzli" mit engem Horizont aufgetischt zu bekommen.


Urs Müller

13.12.2011, 20:19 Uhr
Melden 8 Empfehlung

Nicht das Land ist verrottet. Nur die sich ausschliesslich selbst befriedigende Politik und das Geschwür des organisierten Verbrechens.
Hmm, komisch, jetzt wo ich es schreibe, stelle ich fest, dass das genau so auf Russland passt ;-)


Thomas Hanhart

13.12.2011, 19:41 Uhr
Melden 49 Empfehlung

Warum ich Italien so toll finde: Weil es eben auch so fantastische Leute wie Passolini, dutzende andere seiner Zunft und grossartige Designer, Musiker und andere Kulturschaffende hervorgebracht hat. Jedes Land hat mit seiner Eigenart zu kämpfen, nicht zuletzt auch wir, oder etwa nicht?


Marcelle O'Palle

13.12.2011, 17:43 Uhr
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Interessant, dass, wie auch in diesem Beitrag, immer wieder die gleichen Namen von bedeutungsvollen italienischen Personen auftauchen. Was daran noch schlimmer ist, dass diese Personen lange Zeit in Italien das Sagen hatten. Dramatisch ist insbesonders, dass diese Personen sich das Leben mit Gesetzesänderungen einfach gemacht haben. Und wer wurde stets hinters Licht geführt, das Volk !! Antworten


Carmelo Di Stefano

13.12.2011, 16:23 Uhr
Melden 48 Empfehlung

Es ist wirklich interessant, dass in allen Fällen von Mafia-Morden und Attentaten der letzten 30 Jahren direkt oder indirekt der Name von Berlusconis langjähriger Freund Marcello Dell'Utri auftaucht. Dieser Mann weiss vermutlich viel mehr Bescheid als die ermordeten Giovanni Falcone und Paolo Borsellino. Wenn Dell'Utri spricht, versteht jeder Sizilianer, wieso Dell'Utri sicher ein Insider ist. Antworten


Carmelo Di Stefano

13.12.2011, 17:35 Uhr
Melden 26 Empfehlung

Marcello Dell'Utri ist ein Sizilianer, genauso wie der Senatspresident Renato Schifani, welcher Berlusconis Partei angehört. Schifani war früher Anwalt und hat damals auch mehrere Mafiosi in Gerichtsverfahren verteidigt.


Ursula Jungo

13.12.2011, 16:36 Uhr
Melden 24 Empfehlung

und Berlusconi,sein Freund,überall seine Finger drin hat, ich wette,dass das bis nach Sizilien runtergeht!



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