Wende im Mordfall Pier Paolo Pasolini

Von Nina Merli. Aktualisiert am 13.12.2011 10 Kommentare

Eine Ermittlung der sizilianischen Staatsanwaltschaft bringt neue Erkenntnisse ans Licht: Pasolini soll nicht von einem Stricherjungen, sondern von der Mafia beseitigt worden sein. Weil er zu viel wusste.

1/6 Ein Opfer der Mafia? Pier Paolo Pasolini in New York 1966.
Bild: © Duilio Pallottelli/ L'Europeo

   

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Neue Erkenntnisse der sizilianischen Staatsanwaltschaft rücken den Mord am italienischen Regisseur Pier Paolo Pasolini in ein ganz anderes Licht: Nicht ein Stricherjunge soll für seinen Tod verantwortlich sein, sondern die Mafia.

Pasolini wurde in der Nacht auf den 2. November 1975 brutal zusammengeschlagen und anschliessend mehrfach mit seinem eigenen Wagen, einem Alfa Romeo 2000 GT Veloce, überfahren. Vier Jahre später wurde der römische Stricher Pino Pelosi, genannt «la rana» (der Frosch), wegen dieses Mordes zu rund neun Jahren Haft verurteilt. Obwohl die Gerichtsmediziner stets von mehreren Tätern ausgingen, wurde der zur Tatzeit noch minderjährige Pelosi zum Einzeltäter erklärt und der Fall abgeschlossen.

Der Frosch bricht sein Schweigen

Pino Pelosi sass sieben Jahre Jugendhaft ab und schwieg eisern. Nach seiner Entlassung schlug er sich mit Gelegenheitsjobs und Gaunereien durch und landete später wegen bewaffnetem Raubüberfall erneut im Gefängnis. Dreissig Jahre nach dem Mord, bricht Pino völlig überraschend sein Schweigen: 2005 verkündet Pelosi in einer TV-Sendung, er habe Pasolini nicht umgebracht, sondern habe nur als Lockvogel gedient. Die Mörder seien drei unbekannte Männer mit sizilianischem Dialekt gewesen. Einer dieser Männer hätte Pino gedroht, ihn und seine Eltern umzubringen, falls er gesprochen hätte. Pino hielt dicht, bis seine Eltern verstarben. Nach seiner neuen Schilderung des Tathergangs wurde der Fall neu aufgerollt.

Laut eines Artikels in der italienischen Tageszeitung «Corriere della Sera» hat die sizilianische Staatsanwaltschaft von Palermo im Verlauf der neuen Ermittlungen nun den PDL-Politiker (und rechte Hand Silvio Berlusconis) Marcello Dell'Utri angehört. Dieser kennt sich mit der Mafia-Thematik aus: Dell'Utri wurde letztes Jahr in einem Berufungsprozess wegen Mafiazugehörigkeit in zweiter Instanz zu sieben Jahren Haft verurteilt. Das Berufungsgericht sah es als erwiesen an, dass Dell'Utri enge Kontakte mit der Mafia-Gruppierung um Stefano Bontade pflegte, genauso wie zum Clan des Corleoneser Superbosses Totò Riina, genannt «die Bestie», und zu Bernardo Provenzano.

Ein Freund der «Bestie» und leidenschaftlicher Büchersammler

Doch was hat Marcello Dell'Utri mit dem Mordfall an Pier Paolo Pasolini zu tun? Nebst seiner unternehmerischen und politischen Tätigkeit, ist Dell'Utri ausserdem ein leidenschaftlicher Büchersammler. Regelmässig stöbert er in Buchantiquariaten und besucht Buchmessen. Vor rund einem Jahr hatte Dell'Utri in verschiedenen Interviews bekannt gegeben, dass er unveröffentlichte Manuskriptteile des wegen seines Todes nicht fertiggestellten Enthüllungsromans «Pertrolio» (Erdöl) von Pier Paolo Pasolini gelesen hätte. Darin habe Pasolini unter anderem den Mord am italienischen Spitzenmanager der ENI (ein italienischer Energie- und Erdölkonzern) Enrico Mattei untersucht. Mattei war 1962 in einem Privatflugzeug in der Nähe von Mailand abgestürzt. Was zunächst als Unfall definiert wurde, wurde Jahre später durch den Ministerpräsidenten Fanfani offiziell zum Attentat erklärt.

Verschiedene Journalisten recherchierten nach dem Tod des Erdöl-Unternehmers. So auch der Sizilianer Mauro De Mauro, der darauf von der Mafia entführt wurde und nie wieder auftauchte. Seine Leiche wurde nie gefunden und soll laut Angaben des reuigen Mafioso Francesco Marino Mannoia in Säure aufgelöst worden sein. Pier Paolo Pasolini hatte knapp zwei Jahre nach dem Verschwinden De Mauros mit seinem Roman «Petrolio» begonnen. Er trug rund 522 Seiten zusammen, wobei das brisante ENI-Kapitel aus seinem Studio gestohlen wurde und jahrelang als verschwunden galt. Eben jenes, das den Tod an Mattei durchleuchtete. Wie Dell'Utri zu dem gestohlenen Manuskript gekommen ist, hat er öffentlich nie erklärt – der Staatsanwaltschaft gegenüber hat er wahrscheinlich sein Schweigen brechen müssen, da das fehlende Kapitel als offizielles Beweisstück zu den Ermittlungen beigezogen wurde. Diese Details dürften mit Sicherheit genauso spannend sein wie der Zusammenhang der drei Mordfälle Mattei, De Mauro und Pasolini. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.12.2011, 14:40 Uhr

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10 Kommentare

Carmelo Di Stefano

13.12.2011, 16:23 Uhr
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Es ist wirklich interessant, dass in allen Fällen von Mafia-Morden und Attentaten der letzten 30 Jahren direkt oder indirekt der Name von Berlusconis langjähriger Freund Marcello Dell'Utri auftaucht. Dieser Mann weiss vermutlich viel mehr Bescheid als die ermordeten Giovanni Falcone und Paolo Borsellino. Wenn Dell'Utri spricht, versteht jeder Sizilianer, wieso Dell'Utri sicher ein Insider ist. Antworten


Andreas Kofler

13.12.2011, 18:25 Uhr
Melden 37 Empfehlung

Ich konnte nie verstehen, was die Schweizer so toll finden an Italien, während dem sie bei Ländern wie Russland regelmässig in Beissreflexe verfallen. Wie kann man sich derart mit einem Land identifizieren, das innerlich komplett verrottet ist und seine Geschichte nie aufgearbeitet hat? Antworten



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