Ausland

Wer hier lebt, will nach Westeuropa abhauen

Von Enver Robelli, Suto Orizare. Aktualisiert am 08.09.2012 96 Kommentare

In der mazedonischen Hauptstadt Skopje liegt der grösste Roma-Slum Europas. Dessen Einwohner haben nur einen Traum: Altmetall sammeln, ein wenig Geld verdienen und in den Schengenraum ziehen.

Nach offiziellen Angaben leben in Suto Orizare 20'000 Roma, inoffiziell sind es doppelt so viele: Romakinder durchsuchen Müllcontainer in Skopje. (Archivbild Keystone)

Nach offiziellen Angaben leben in Suto Orizare 20'000 Roma, inoffiziell sind es doppelt so viele: Romakinder durchsuchen Müllcontainer in Skopje. (Archivbild Keystone)

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Keuchend und todmüde kommt Nevzat Alitov aus seinem Zimmer, das eher einer Höhle gleicht. Leere Bierflaschen, eine schmutzige Matratze, eine alte Decke, nackter Fussboden, ungewaschene Kleider – so sieht das Zuhause des 47-jährigen Rom aus, der aus seinem fast zahnlosen Mund Klagen ausstösst. Seine Frau habe ihn verlassen, die zwei Töchter sehe er kaum noch, Arbeit habe er auch keine. Dass er oft im Alkohol Trost sucht, muss Alitov nicht sagen. Das ist auch so klar.

Wer in Suto Orizare, einer Gemeinde der mazedonischen Hauptstadt Skopje, aufwächst, kennt den Kampf ums Überleben. Alitov wohnt in Suto Orizare, einer von zehn Gemeinden der mazedonischen Hauptstadt Skopje. Nach offiziellen Angaben leben in dem Slum etwa 20'000 Roma – inoffiziell sollen es doppelt so viele sein. Wie Alitov stochern die meisten Roma im Müll herum, auf der Suche nach Altmetall, das sie den reisenden Händlern verkaufen.

Grösste Roma-Siedlung Europas

Die Einheimischen nennen die Ortschaft Sutka, es soll die grösste Roma-Siedlung Europas sein. In den Schlagzeilen ist sie seit Dezember 2009: Damals hoben die Schengen-Staaten den Visumzwang für mazedonische Bürger auf, und Menschenschmuggler witterten das grosse Geschäft. Sie redeten den Menschen ein, die neue Reisefreiheit mache es möglich, der Armut in der Heimat für immer zu entfliehen. Tausende Roma und Albaner aus Mazedonien und Serbien schenkten den falschen Versprechen Glauben, reisten mit Bussen nach Westeuropa und stellten Asylanträge vor allem in Belgien, Schweden, Deutschland und in der Schweiz.

Erst als die EU mit der Wiedereinführung der Visumpflicht drohte, reagierten die mazedonischen Behörden in Sutka: Einige Reisebüros wurden geschlossen, ein paar Menschenhändler verhaftet oder gemahnt und die Roma in einer Blitzkampagne darüber aufgeklärt, dass die Visumliberalisierung mit strengen Regeln verbunden sei. Die Bürger Mazedoniens und anderer Balkanstaaten dürfen sich nicht länger als 90 Tage im Schengen-Raum aufhalten, und es ist ihnen verboten, Arbeit zu suchen oder Asyl zu beantragen.

Eine Buskarte für 30 Franken

Nevzat Alitov ist unbeeindruckt von den Warnungen. Wenn er genug Geld hätte, würde er lieber heute als morgen aus Sutka abhauen. Dafür sammelt er Altmetall und hofft, bis Ende Jahr genug Geld für eine Reise nach Europa zusammenzuhaben. Stolz zeigt er die neue Identitätskarte, mit der er einen biometrischen Pass beantragen kann. Viel Geld für die Reise nach Westeuropa braucht er nicht: Eine Busskarte nach Deutschland, Frankreich und in andere Schengen-Staaten kostet rund 30 Franken.

«In der Schweiz willkommen»

Sanije Osman, eine knapp 60-jährige Frau in bunten Pluderhosen, empfängt in ihrem schattigen Hof. Um dorthin zu gelangen, muss man zuerst auf Zehenspitzen laufen: Auf der Strasse fliesst das Abwasser und türmt sich der Müll neben Pferdeäpfeln. Das Hauptverkehrsmittel in Sutka sind Pferdekarren und deutsche Autos. Osman ist überzeugt, dass die Roma in Westeuropa als Flüchtlinge aufgenommen werden. «Man hat uns gesagt, dass wir in der Schweiz und in Deutschland willkommen sind.»

Wer solche Informationen verbreitet, will sie nicht sagen. Vertreter der Zivilgesellschaft in Skopje vermuten, dass die Menschenschmuggler immer noch aktiv sind in Sutka. Dass die Schweiz Asylgesuche aus Balkanstaaten ab sofort innerhalb von 48 Stunden beantwortet, hat in der Roma-Siedlung niemand gehört. «Wir leben hier im Elend, viele Familien bekommen nicht einmal Sozialhilfe», sagt Sanije Osman. Sie hat sieben Kinder, einer Tochter ist die Flucht ins Paradies gelungen: Sie lebt mit ihrem Mann in Italien. Die Familie Osman erhält vom Staat knapp 50 Franken im Monat. «Das reicht nicht einmal für Brot, Salz und Strom», sagt die Hausherrin.

Asmet Elezovski, der das Nationale Roma-Zentrum in Mazedonien leitet, zeigt ein gewisses Verständnis für seine Landsleute, die ihre Heimat verlassen und in Westeuropa nach einer besseren Zukunft suchen. Roma würden in Mazedonien als eine Art Seuche betrachtet, sozial ausgegrenzt und diskriminiert. «Sie beantragen Asyl in Westeuropa, weil sie Mazedonien nicht als eigenen Staat empfinden», sagt Elezovski.

Keine Bildung, keine Arbeit

Die EU kritisiert in jedem Fortschrittsbericht die mazedonische Regierung, sie unternehme zu wenig für die Entwicklung der Roma-Gebiete. Viele Roma haben keine Ausweise, die erforderlich sind, um Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung, Beschäftigung und Fürsorge zu erhalten. In ihren Siedlungen fehlt es oft an fliessendem Wasser und Elektrizität. Fast die Hälfte der Roma-Kinder besuchen Sonderschulen. Gemäss der letzten Volkszählung leben in Mazedonien etwa 55'000 Roma, doch der Menschenrechtler Elezovski vermutet, dass es rund 130'000 sind.

Etwa 5000 Roma haben Mazedonien laut seinen Schätzungen Richtung Westeuropa verlassen seit der Aufhebung des Visumzwangs. «Den meisten Roma ist klar, dass sie keinen Anspruch auf Asyl haben. Sie hoffen aber, wenigstens ein paar Monate oder im besten Fall mehrere Jahre in einem normalen Land zu leben», sagt Elezovski. Er weiss von kranken Menschen, die Zuflucht in Westeuropa suchen und auf medizinische Behandlung hoffen.

Geld für ein Disneyland

Die Menschen in Sutka werfen der Regierung vor, sie mache vor Wahlen grosse Versprechen, um sich die Stimmen der Roma zu sichern. Doch danach geschehe nichts. Obwohl die Roma in Sutka den Bürgermeister stellen und die Gemeindeverwaltung dominieren, bleibt die Siedlung bettelarm: Die nationalistische Regierung von Premier Nikola Gruevski investiert lieber im Zentrum der Hauptstadt Skopje, wo für rund eine halbe Milliarde Franken neue Denkmäler und Statuen antiker Helden, Brunnen, ein Triumphbogen und repräsentative Gebäude errichtet werden. Kritiker sprechen von einem mazedonischen Disneyland. Ziel des gigantischen Projekts ist es, der Aussenwelt zu zeigen, dass die Wurzeln der slawischen Mazedonier in die Antike zurückreichen – obwohl eine mazedonische Nation erst nach dem Zweiten Weltkrieg im Rahmen des sozialistischen Jugoslawien entstand.

Es ist früher Nachmittag in Sutka, das Thermometer zeigt 38 Grad, und Nevzat Alitov, der keuchende Rom, macht sich auf den Weg zur nächsten Müllkippe. Zum Abschied hat er nur eine Bitte, die er dafür mehrmals wiederholt: «Sagen Sie den Menschen in Westeuropa, dass die Regierung uns vergessen hat.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.09.2012, 06:36 Uhr

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96 Kommentare

F. Kaufmann

08.09.2012, 09:02 Uhr
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Last doch alle in die Schweiz. Wo können die Schweizer hingehen. MIt über 48 bekommt man als Schweizer keinen Job mehr, weil man zu teuer und zu alt ist. Wo können wir unseren Lebensabend noch genussreich geniessen. Welches Land nimmt uns??? Antworten


walter bossert

08.09.2012, 09:48 Uhr
Melden 245 Empfehlung 2

Schengenabkommen, ein Paradebeispiel wie ein Vertrag Schlussendlich das genaue Gegenteil bewirkt, als beabsichtigt war.Statt der verbesserten Zusammenarbeit, haben wir Chaos pur.
EU, statt florierender Wirtschaft und Frieden,Niedergang für alle, Krieg nicht ausgeschlossen.
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