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«Wir könnten Ausländer nehmen»
Aktualisiert am 08.07.2012 181 Kommentare
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Der Westschweizer Jean-Marc Widmer wurde am 22. Juni als neuer Präsident des Verbandes Schweizerischer Polizei-Beamter (VSPB) gewählt, als Nachfolger von Heinz Buttauer. Widmer war zuvor Vizepräsident des Verbandes gewesen. Der VSPB zählt nach eigenen Angaben über 23'000 Mitglieder.
(Bild: Keystone )
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Zwei Wochen ist er erst im Amt und wirbelt mit seinen Ideen schon mächtig Staub auf: Jean-Marc Widmer, Präsident des Verbands Schweizerischer Polizeibeamter, schildert in einem Interview mit dem «Sonntagsblick», wie schlecht es um die Moral der Schweizer Polizisten steht: Überstunden, immer mehr Gewalt gegen Beamte, mangelnder Respekt und zu viel Bürokram – die Liste der Reklamationen seiner Kollegen ist lang.
Um die Beamten vor einer chronischen Überbelastung zu schützen fordert Widmer von der Politik 15‘000 zusätzliche Beamte. Nur so könne man der steigenden Kriminalität im Lande noch Herr werden. Und verhindern, dass wegen der Überbelastung im Job noch mehr Polizistinnen und Polizisten psychische Probleme bekommen oder gar ihren Job kündigen.
Erleichterte Einbürgerung
Weil es schwierig werden dürfte, 15‘000 fähige, junge Schweizer zu finden, will der Genfer zu einer alternativen Lösung greifen: «Wir könnten Ausländer nehmen», sagt Widmer. Wer eine Niederlassungsbewilligung C habe und die einjährige Polizeischule besucht, der soll nach einem Jahr mit einer Ausnahmeregelung erleichtert eingebürgert werden, fordert er im «SonntagsBlick». Das Land brauche 31'000 Ordnungshüter für seine 8 Millionen Einwohner, begründete er dies. Zum Vergleich: Belgien etwa hat 38'000 Polizisten für elf Millionen Einwohner. Und New York 40'000 für sieben Millionen Menschen.
Doch dürfte es nicht die Zahl sein, die für hitzige Diskussionen führen könnte, sondern die Tatsache, das Widmer Ausländer rekrutieren will. So ist es ein realistisches Szenario, dass Grenzgänger künftig von einem Türken kontrolliert werden oder, dass Deutsche für Zucht und Ordnung auf den hiesigen Strassen sorgen werden. Bezahlen müsste diese Ausbildung nach Ansicht von Widmer der Bund. Für Kampfflieger seien schliesslich auch Milliarden vorhanden. Da müsse man sich schon die Frage stellen, ob die Sicherheit auf der Strasse nicht mehr gefährdet sei als im Luftraum, so Widmer.
Vier (Halb-) Kantone setzen schon auf ausländische Beamte
Einfach dürfte es für Widmer nicht sein, seinen Vorschlag durchzubringen. Zumal in der Schweiz auch die Hürden des föderalistischen Systems sehr hoch sind: In den meisten Kantonen – sie verfügen über die Polizeihoheit – dürfen bisher keine Ausländer im Polizeidienst arbeiten. Nur in den Kantonen Basel-Stadt, Schwyz, Neuenburg und Jura sind Nichtschweizer zurzeit erlaubt.
Widmers Forderung nach einer Aufweichung dieser Regelung ist jedoch nicht neu. Weil die kantonalen Polizeistellen schon länger Schwierigkeiten bekunden zusätzliches Personal zu rekrutieren, forderte Peter Furrer, Generalsekretär der kantonalen Polizei- und Militärdirektion, bereits im letzten Jahr eine entsprechende Teilrevision des Polizeigesetzes. Er rechne damit, dass der Grosse Rat 2012 über die Revision befinden werde, sagte damals Furrer gegenüber der Zeitung «Der Bund».
Beamte aus der Türkei und Ghana
Polizeistellen, die mit Ausländern zusammenarbeiten, äussern sich durchs Band lobend – im In- wie im Ausland: Die Zulassung von Ausländern sei in der politischen Diskussion vor der Schaffung der Rechtsgrundlage umstritten gewesen. «Heute ist der Einsatz von Ausländern unbestritten. Unsere Erfahrungen sind positiv», sagte David Mynall, Sprecher Kantonspolizei Schwyz gegenüber dem «Bund».
Ähnlich lobend äusserte sich Klaus Mannhart von der Kantonspolizei Basel-Stadt, wo seit 16 Jahren Ausländer Polizisten werden können, sofern sie Mundart sprechen. Laut Mannhart leisten die Beamten aus England, Kanada, Ex-Jugoslawien, der Türkei und Ghana Dienst wie alle anderen. «Es gibt überhaupt keine Probleme damit.» Ganz im Gegenteil: Die Erfahrungen mit dem Einsatz dieser Personen seien positiv. «Dank ihrem Hintergrund finden sie eher den Draht zu Personen aus ihrem Kulturkreis», sagt Mannhart. Dieses Argument hatte sich 2007 auch der Berner Regierungsrat zu eigen gemacht. Mit ausländischen Mitarbeitenden könnte die «interkulturelle Vermittlungsfunktion» der Polizei gestärkt werden, schrieb damals der Regierungsrat.
Gute Erfahrungen in Deutschland
In Deutschland wird die Rekrutierung von Polizisten mit Migrationshintergrund noch um einiges aktiver vorangetrieben: Die Innenminister der Länder formulierten vor einigen Jahren eine Zielmarke, die vorschreibt, dass sieben Prozent der Beamten ausländischer Abstammung sein sollten.
Das Bemühen um ausländische Polizisten gründet nicht in erster Linie auf einer Personalknappheit, sondern auch den guten Erfahrungen: «Die Kolleginnen und Kollegen können uns auch als Deutsche dabei unterstützen, fremde Kulturen zu verstehen und vielleicht auch gewisse Dinge mit anderen Augen zu sehen», sagte unlängst die Hauptkommissarin der Kölner Polizei gegenüber der «Deutsche Welle». Bei einem Ausländeranteil von neun Prozent sei es selbstverständlich, dass diese Gruppe auch in der Polizei vertreten sein müsse. (mrs)
Erstellt: 08.07.2012, 12:29 Uhr
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