Ausland
Wo Ghadhafi sein Herz verloren hat
Vor genau einem Jahr begann die märchenhafte Geschichte. Der libysche Revolutionsführer Muammar al-Ghadhafi war unterwegs zum G-8-Gipfel in L’Aquila, wohin ihn Silvio Berlusconi eingeladen hatte. Der italienische Regierungschef hatte den Tagungsort kurzerhand von Sardinien ins Katastrophengebiet verlegt. Am 6. April 2009 hatte ein schweres Erdbeben die Abruzzen heimgesucht.
Auf der Fahrt von Rom nach L’Aquila befahl Ghadhafi seinem Konvoi, auf der Via Salaria spontan einen Zwischenhalt einzulegen. Er vertrat sich etwas die Beine und bewunderte die stupende Aussicht.
Zwei Tage später machte Ghadhafis Karawane auf der Rückreise erneut Halt oberhalb von Antrodoco. Einige Bewohner des 2800-Seelen-Ortes schauten sich dieses seltsame Treiben aus der Nähe an. Man schüttelte sich die Hände, und manche schossen Erinnerungsbilder mit Ghadhafi. Auch der Revolutionsführer machte Fotos. Die Stimmung war nach Augenzeugenberichten sehr locker.
«Ich werde euch nicht vergessen»
Später sagte der Diktator, er habe die Menschen und das Dorf in sein Herz geschlossen. «Ich werde euch nicht vergessen», soll der exzentrische Staatschef gesagt haben. Möglicherweise war Ghadhafi auch angetan von dem, was er hoch über Antrodoco am Monte Giano in riesigen Lettern lesen konnte: «Dux» (Lateinisch «der Führer»). Forstarbeiter hatten 1939 Pinien in dieser Anordnung angepflanzt – als Geschenk für den Duce Benito Mussolini.
Im Herbst dann erhielt Bürgermeister Maurizio Faina Besuch aus Rom: Der libysche Botschafter Hafed Gaddur hatte als Geschenk die Schnappschüsse dabei, die Ghadhafi persönlich in Antrodoco gemacht hatte. Und er erkundigte sich nach dem Wohlergehen des Dorfes, das glücklicherweise keinerlei Erdbebenschäden zu bewältigen hatte. Entvölkerung, fehlende Arbeitsplätze, veraltete Infrastruktur: Das ist die Kurzfassung der Probleme, mit denen Antrodoco wie viele andere Dörfer der Gegend zu kämpfen hat. Der Botschafter ging zurück nach Rom und informierte Tripolis.
«Warten gespannt auf die Details»
Anfang Juli nun war der Bürgermeister mit einer mehrköpfigen Delegation während einiger Tage in Libyen zu Gast. «Jetzt warten wir gespannt auf die Details von Ghadhafis Hilfsplan», sagte nach der Rückkehr Augusto Colangeli, Präsident der Handelskammer von Antrodoco, der den Bürgermeister begleitet hatte. Diskutiert wurden etwa ein Projekt zur Wiederbelebung des alten Heilbads von Antrodoco oder die Umwandlung eines einstigen Palastes in ein Luxushotel.
Ausserdem sollen mit libyschem Kapital eine Anlage zur Abfüllung von Mineralwasser und ein Sportzentrum errichtet werden, das als Trainingslager für Fussballklubs dienen soll. «Ich beginne an eine neue Zukunft für unsere Gemeinde zu glauben», gab sich Bürgermeister Faina gegenüber dem «Corriere della Sera» zuversichtlich.
Konkrete Zusagen gibt es nicht
Natürlich meldeten sich auch kritische Stimmen zu Wort. Das oppositionelle Parteienbündnis Sinistra Ecologia Libertà (Linke Ökologie Freiheit) der Provinz Rieti bezeichnete die Projekte als Luftschlösser und meldete Zweifel etwa an der Wasserqualität an. Und es fragte öffentlich, ob «man sich denn wirklich an einen der blutrünstigsten Diktatoren unserer Tage verkaufen will». Bürgermeister Faina aber lässt sich nicht beirren. Er liess ein Dankesschreiben nach Tripolis übermitteln und wartet nun auf die Fortsetzung des Märchens. Denn konkrete Zusagen gibt es aus Tripolis noch nicht. Sicher ist bisher nur, dass es Antrodoco in die Schlagzeilen der Weltpresse geschafft hat. Dank Ghadhafi.
(Berner Zeitung)
Erstellt: 17.07.2010, 09:23 Uhr
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.
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