Ausland
Wo Hodscha wohnte, gibt es Open-Air-Discos
Von Enver Robelli. Aktualisiert am 07.05.2011 2 Kommentare
Artikel zum Thema
- Albanische Politiker schüren weiterhin Hass
- Albanische Polizei erschiesst mehrere Demonstranten
- «Der Eiserne Vorhang fällt erst jetzt»
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
Aus der Ferne betrachtet, sieht Tirana wie eine echte Metropole aus. Im Frühling taucht die Abendsonne die Stadt in ein zartes Rosa, und den Hausberg Dajti bedeckt sattes Grün. Eine Gondelbahn bringt die Besucher dort hinauf, wo man eine herrliche Aussicht auf die Umgebung hat. Seit dem Fall des Kommunismus vor fast 20 Jahren hat sich Tirana von einem Provinznest in eine Grossstadt verwandelt, die für die wirtschaftliche Entwicklung Albaniens wichtig ist.
Auch aus der Nähe betrachtet kann Tirana durchaus attraktiv wirken. Touristen aus aller Welt haben die Stadt erst jetzt richtig entdeckt. Japaner machen Erinnerungsbilder vor einem Sky Tower. Als ein Passant sie darauf aufmerksam macht, dass auf der anderen Strassenseite das Haus des verstorbenen Diktators Enver Hodscha steht, schiessen sie noch mehr Fotos. Die Villa befindet sich im sogenannten Block, im Herzen Tiranas, wo während der kommunistischen Herrschaft die einfachen Bürger keinen Zugang hatten. Hier wohnte einst die Nomenklatura. Die Töchter und Söhne der KP-Führer lebten im Block im bescheidenen Luxus, heirateten untereinander und priesen Albanien als Leuchtturm des Sozialismus an der Adria.
Lähmende Polarisierung
Heute ist «Blloku» eine Art Open-Air-Disco mit trendigen Bars, italienischen und traditionellen Restaurants, Boutiquen, Buchhandlungen, ausländischen Botschaften und Kleinhändlern. Hier kann man den vermutlich besten Espresso zwischen Wien und Istanbul trinken. Viele Albaner, die nach der Wende zu Beginn der Neunzigerjahre die Schiffe in der Hafenstadt Durres erstürmten und nach Italien flüchteten, sind zurückgekehrt und haben der Hauptstadt einen italienischen Lebensstil verpasst. Tirana ist zwar noch arm, aber sexy.
Die Aufwertung der Stadt ist mit dem Namen von Edi Rama verbunden. Der exzentrische Künstler ist seit fast elf Jahren Bürgermeister Tiranas. Kaum im Amt, liess er illegal errichtete Häuser, Kioske, Fast-Food-Buden und Hotels abreissen, pflanzte Bäume und stellte Parkbänke auf. Im Auftrag Ramas wurden graue Fassaden in bunten Farben gestrichen. An diesem Sonntag kandidiert Rama, der gleichzeitig Chef der oppositionellen Sozialistischen Partei (PS) ist, ein viertes Mal als Stadtpräsident. Doch so unumstritten wie früher ist der Politiker nicht mehr. Er hat sich mit der Wahlniederlage seiner Partei bei den Parlamentswahlen 2009 nicht abgefunden und betreibt eine Sabotagepolitik, die Albaniens Integration in die EU blockiert. Rama wirft Regierungschef Sali Berisha vor, er habe mit seiner Demokratischen Partei (PD) die Wahlen manipuliert und das Land ausgeplündert.
Die extreme Polarisierung lähmt Albanien. Am 21. Januar trommelte Rama seine Anhänger vor dem Sitz der Regierung zusammen, es kam zu Ausschreitungen, und die Polizei schoss auf teils gewalttätige Randalierer. Vier Menschen starben. Als die Justiz versuchte, die mutmasslichen Mörder in Uniform festzunehmen, stiess sie auf Widerstand von Premier Berisha. Wenn dessen Vertraute der Korruption oder Kriminalität verdächtigt werden, dann gelten für ihn oft weder Regeln noch Gesetze. Einer der schärfsten Kritiker des Bürgermeisters Edi Rama ist Fatos Lubonja. Der Publizist sass 17 Jahre in Gefangenenlagern, weil er in den Siebzigerjahren die Diktatur kritisiert hatte. Lubonja bezeichnet Tirana als eine Stadt ohne Erinnerung. Seit dem Fall des Kommunismus seien viele wertvolle Bauten zerstört worden, die während der osmanischen Zeit und des italienischen Einflusses in den Zwanziger- und Dreissigerjahren errichtet worden seien. Die Stadt, die an den Rändern ausfranst, hat mehr als eine halbe Million Einwohner, aber mit Ausnahme des Zentrums verfügt sie über keine Grünflächen. Schuld daran, sagt Lubonja, sei die Baumafia, welche den öffentlichen Raum in Rambo-Mentalität besetze. Rama, aber auch Vertreter der Regierung hätten ihre Finger im Spiel. «Unsere korrupten Eliten haben das Nachbarland Italien kopiert. Die Realität ist bei uns aber brutaler als auf der anderen Seite der Adria», sagt Lubonja, während er am Espresso nippt und sich über die Gäste im Café aufregt, die sich nicht ans Rauchverbot halten. «Unsere Oligarchen sind Bauunternehmer, Fussballclub-Besitzer und haben eigene Fernsehstationen. Die Behörden sind schwach, niemand weiss, ob das Geld wirklich aus sauberen Geschäften stammt.»
Schmutziger Wahlkampf
Draussen geht der Wahlkampf weiter. Die regierenden Demokraten haben als Herausforderer von Rama den bisherigen Innenminister Lulzim Basha aufgestellt. Gegen ihn führen die oppositionellen Medien eine gnadenlose Kampagne. Er wird als Mörder beschimpft, weil er im Januar angeblich die tödlichen Schüsse auf die oppositionellen Demonstranten befohlen hat. Zudem soll er als Infrastrukturminister beim Bau der Autobahn, die Albanien mit Kosovo verbindet, mehrere Millionen Dollar abgezweigt haben. Die Ermittlungen sind jedoch im Sand verlaufen. Umfragen sehen noch keinen klaren Sieger. Die internationalen Beobachter hoffen auf friedliche und faire Wahlen am Sonntag. Nur dann kann Albanien mit einer Annäherung an die EU rechnen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 07.05.2011, 17:21 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
2 Kommentare
Ausland
- 23:28Muslimbrüder sind siegesgewiss
- 11:17Plant Berlusconi einen Anlauf mit neuer Partei?
- 06:36Mob wirft Steine auf Präsidentschaftskandidaten
- 06:23Unterstützte der Bieler Gymnasiast eine Terrorgruppe?
- 23.05.2012Grosser Andrang vor ägyptischen Wahllokalen
- 23.05.2012«Dieses Ungleichgewicht zerstört die Europäische Union»
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Bitte warten


