Ausland

«Zahlen müssen immer die Gleichen»

Interview: Monica Fahmy. Aktualisiert am 16.06.2011 61 Kommentare

Griechenland steht am Rande des Abgrunds, dennoch können sich die Griechen nicht auf ein gemeinsames Vorgehen einigen. Eva Webster, Journalistin bei der «Athens News Agency», erklärt warum.

1/17 Fürchten, dass Steuersünder ungeschoren davon kommen: Eine ältere Anhängerin der Kommunistischen Partei demonstriert in Athen. (18. Juni 2011)
Bild: Keystone

   

Artikel zum Thema

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

Frau Webster, Rücktritte von Abgeordneten seiner Partei setzen Ministerpräsident Giorgos Papandreou unter Druck. Wie ist Ihre Einschätzung der Lage?
Insgesamt sind seit gestern drei Abgeordnete zurückgetreten. Auf die Mehrheit der sozialistischen Partei im Parlament hat es zwar keinen Einfluss, es zeigt aber, dass die Lage hier immer unübersichtlicher wird. Zurzeit findet ein ausserordentliches Treffen von Papandreous Partei statt. Eigentlich wollte er aber heute die Regierung umbilden. Dies nachdem er sich mit der Opposition nicht hat einigen können.

Was ist von einer Regierungsumbildung zu erwarten?
Es ist nicht klar, wie das in der aktuelle Situation helfen soll. Die Politik Papandreous ist bei den Griechen sehr unbeliebt, wie Sie sich vorstellen können.

Der Versuch, die Opposition zur Einheitsregierung zu bewegen, ist gescheitert. Warum?
Die Leute glauben nicht daran, dass das, was die Regierung vorschlägt, die Lösung ist, sondern sehen es höchstens als ein Hinausschieben von Problemen. Die Opposition wäre wohl kooperativer, wenn die Sparmassnahmen, welche die Regierung vorschlägt, weniger krass wären. Wieder sollen die Steuern erhöht werden, wieder sollen die Leute sparen, und es trifft immer dieselben. Die Leute haben genug.

Die «empörten Bürger» Griechenlands demonstrieren seit über 20 Tagen. Wer sind sie?
Auf Facebook wurde zu Protesten aufgerufen. An den Demonstrationen nimmt sozusagen jeder teil. Junge, Alte, Reiche, Arbeitslose, Eltern mit ihren Kindern. Ausser gestern, als eine Gruppe auftrat, die genau das bezweckte, kam es nie zu Gewalt. Ich war vom ersten Tag an dabei. Die Leute waren erst ratlos. Niemand hatte etwas organisiert, sie wussten nicht, ob sie nun Slogans singen müssen, klatschen, oder was. Aber sie kommen jeden Tag, um ihrem Unmut Ausdruck zu verleihen.

Die Bürger wollen bis zum 30. Juni, dem Tag der Abstimmung über das Sparpaket, protestieren. Ohne Sparpaket könnte es schwierig werden, den Kredit der EU zu erhalten. Leiden die Griechen an Realitätsverlust?
Sie glauben nicht, dass die Regierung das macht, was getan werden müsste. Zahlen müssen immer die Gleichen, das hat sich, trotz Krise, nicht geändert. Die gut 30 bis 40 Prozent, welche die Steuern umgehen, werden auch jetzt verschont. An die Kasse gebeten werden diejenigen, die sowieso schlecht bezahlt werden. Das macht die Leute wütend, sie wollen einen Wandel sehen.

Was ist mit den Forderungen der EU?
Die EU konnte die Märkte nicht überzeugen, dass das, was sie getan hat, genug war. Nun kann sie die Griechen nicht überzeugen, dass das, was sie verlangt, Griechenland aus der Krise helfen wird. Die Griechen denken, die EU erwarte, dass sie sich für Europa opfern, ohne dass Europa ihnen entgegen kommen will. Vor einem Jahr hiess es, man müsse sparen, es gab höhere Steuern. Jetzt heisst es, es war nicht genug. Die Leute fragen sich, was dann als nächstes auf sie zukommt. Hinzu kommt, dass sie sich in ihrer Souveränität angegriffen fühlen.

Was denken Sie, wird in den nächsten Tagen passieren?
Ich weiss es nicht. Diese Regierung wurde gewählt, weil sie sagte, es habe genug Geld und die Staatsausgaben würden erhöht. Das Gegenteil ist passiert. Vielleicht wird das Sparpaket aber doch durchkommen. Zu Neuwahlen dürfte es kaum kommen, zur Zeit hätte man hier keine Mehrheitsregierung mehr, das Land wäre gelähmt. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.06.2011, 17:55 Uhr

61

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

61 Kommentare

Emil Gross

16.06.2011, 18:53 Uhr
Melden 62 Empfehlung

Ich bin soeben aus Athen zurück und habe gesehen, dass das ganz "gemeine Volk" sich mit Demos wehrt. Die "Besseren + Reichen" sind nirgends zu sehen. Die verhalten sich ruhig, verstecken sich und ihr Geld - und lachen sich kaputt, weil sie immer ungeschoren davon kommen. Die Rettung kann nur gelingen, wenn die Reichen auch mal zur Kasse gebeten werden. Aber dann ganz sicher ! Antworten


Georg Goldschmid

16.06.2011, 19:46 Uhr
Melden 51 Empfehlung

@Antonio Andreano 19.22h Es gibt weltweit nicht so viele Bäume, dass man so viel Papiergeld herstellen kann, wie die globale Gesamtschuld ist. Es handelt sich bloss um virtuelles Geld, und das Zinseszins-Prinzip des Kaptalismus lässt die Schulden exponential ins Unendliche wachsen, so dass die sie niemals mehr durch Wirtschaftsleistung getilgt werden kann.Der Kapitalismus ist am Ende angelangt ! Antworten



Ausland

Populär auf Facebook Privatsphäre


Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.