Ausland
Zwischen Kulturwandel und Rufmord
Von Oliver Meiler. Aktualisiert am 03.06.2011 3 Kommentare
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In Frankreich läuft eine nicht immer seriöse Debatte. Seit der Sexaffäre um Dominique Strauss-Kahn, die die Republik und deren Maxime zum Schutz der Privatsphäre erschüttert hat, werden Sittengeschichten von Politikern öffentlich verhandelt. Und das auch ohne Beweise, ohne Namen, ohne Daten – nur mit Andeutungen, die aber ausreichen, um die vermeintlich geheim gehaltene und vielleicht zu Unrecht beschuldigte Person ins Scheinwerferlicht zu zerren.
Diese Erfahrung macht derzeit der frühere sozialistische Kulturminister Jack Lang, eine Ikone der Linken, der sich mit einem schlimmen Verdacht konfrontiert sieht und mit Verleumdungsklagen droht. Und das kam so: Vor einigen Tagen sorgte der Philosoph und ehemalige bürgerliche Erziehungsminister Luc Ferry in einer Talkshow für Furore, als er von einem «Ex-Minister» erzählte, «den man bei einer Orgie mit kleinen Buben in Marrakesch erwischt hat».
Ferry sagte, er habe die Informationen «von höchster Staatsstelle, vor allem vom Premierminister». Den Namen des «Ex-Ministers» wolle er aber nicht nennen, weil er sonst sicher verklagt und verurteilt würde. «Doch wahrscheinlich wissen wir hier alle, um wen es sich handelt.» Im Studio herrschte Betretenheit, dann sagte der Moderator: «Nein, ich zum Beispiel weiss nicht, von wem Sie reden.» Dann kam Werbung. Seither sind Aufregung und Verwirrung gross.
Im Netz taucht ein Name auf
Ist diese Geschichte wahr?, fragen die Medien. Und wenn sie wahr ist: Wer schützte den Politiker vor einem Strafverfahren wegen Pädophilie? Wer wusste vom Vorfall und schwieg, was in diesem Fall ebenfalls strafbar wäre? Wenn die Geschichte aber erfunden ist: Gibt es politische Motive hinter der Verbreitung des Gerüchts ohne Namensnennung? Ist es ein Zufall, dass es der bürgerliche «Figaro» war, der die angebliche Orgie von Marrakesch zuerst erzählte, ohne aber seinen kleinen Artikel zu signieren?
Im Internet kursierte schnell der Name von Jack Lang. Ohne Beweise freilich. In seinem Blog schreibt der frühere Regierungschef Jean-Pierre Raffarin, der sich als der zitierte «Premierminister» in Ferrys Erzählung erkannt haben dürfte, er habe «absolut keine Ahnung», wovon sein einstiger Bildungsminister da rede.Die Pariser Staatsanwaltschaft leitete eine Voruntersuchung ein. Ferry wird vor der Justiz Namen nennen müssen, vom angeblichen Täter wie von den Instanzen, die ihm diese Geschichte erzählt haben sollen. Befragt wird wahrscheinlich bald auch der damalige französische Konsul von Marrakesch, der sich für einen schnellen Heimflug des «Ex-Ministers» bemüht haben soll.
Ferry wird nun von allen Seiten kritisiert: «Dirty Ferry», titelte die linke «Libération» am Donnerstag. Der geltungsbedürftige Philosoph aber kontert, er sei froh, für einen Wellenschlag gesorgt zu haben. Noch ist nicht klar, ob die Wellen dem Kulturwandel dienen, der in Frankreich einzusetzen scheint – oder ob Ferry nur Rufmord begeht. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.06.2011, 07:34 Uhr
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3 Kommentare
Ich denke, dass dies mit einer sehr geschickten Wahlkampftaktik des jetztigen Pärsidenten einhergeht. Dessen Sieg war bis vor Kurzem in höchstem Masse gefährdet; der ärgeste Gegner hatte sich oder wurde ausgebootet, nun gilt es den Sieg auf breiter Ebene zu sichern. Und wer sich da von seinen Soldaten hervortut darf auf ein nettes Pöstchen in der zukünftigen Regierung hoffen. Antworten
Oje, Herr Meiler. Nach Strauss stürzt schon wieder eine Ihrer Lichtfiguren. Man spürtZeile förmlich aus jeder , wie Sie mitleiden. A propos unbewiesene Gerüchte und Rufmord: Im Fall von Sarkozy und Berlusconi gehören Sie selber aber auch zu denen, die beim kleinsten Gerücht heftig medial draufschlagen. Gibts da etwa auch politische Motive Ihrerseits? Antworten
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